jugendbarometer 2025
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Jugend

Das Jugendbarometer 2025: Viele junge Menschen wollen keine Kinder

16.05.2026
von Pia Soldan

«Ich höre leider von sehr jungen Kindern immer wieder den Satz: Wir sind die letzte Generation und wir werden keine Kinder kriegen», sagte die Dramatikerin und Schriftstellerin Kathrin Röggla im Jahr 2022 gegenüber dem Deutschlandfunk. Ganz so dramatisch sehen die Ergebnisse des Jugendbarometers 2025 nicht aus – aber immerhin: 23 Prozent der Schweizer:innen zwischen 16 und 30 Jahren wollen keine Kinder.

Bleiben die heutigen Jungen bei ihrer Haltung, dürfte sich ein Trend fortsetzen, denn bereits heute bleibt jede vierte Person hierzulande kinderlos – und die Geburtenrate sinkt. Zum Jahreswechsel 2024/25 hatte jede Frau in der Schweiz durchschnittlich 1,3 Kinder, so wenig wie nie zuvor seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1867. Gleichzeitig steigt das durchschnittliche Alter der Erstgebärenden kontinuierlich an und lag zuletzt bei gut 31 Jahren, bei den Vätern tendenziell noch etwas höher.

Entsprechend ist die Frage nach dem Kinderwunsch für die jüngeren im Jugendbarometer befragten Jugendlichen noch weit entfernt – besonders dann, wenn Kinder nur schwer mit den eigenen Lebensplänen vereinbar erscheinen. «Kinder als Lebensziel haben an Glanz verloren», zitiert Fabienne Riklin im Tages-Anzeiger die Wirtschaftssoziologin Katja Rost der Universität Zürich. Lediglich zwölf Prozent der für das Jugendbarometer befragten Schweizer:innen betrachten eine eigene Familie mit Kindern als wichtigstes Lebensziel.

Was die Jugend gern tut – und später tun möchte

Gerade junge Frauen gehen laut Jugendbarometer vermehrt Aktivitäten nach, die sie mit Kindern gegebenenfalls einschränken müssten. So benennt die Studie soziales Engagement ebenso wie Konzertbesuche. Einen besonderen Faktor stellen in diesem Zusammenhang Reisen dar, die 73 Prozent der Befragten gern «regelmässig» oder «ab und zu» in ihr Leben etablieren. Mit Kindern zu verreisen, ist natürlich möglich, bedarf aber vieler Anpassungen.

Noch weit mehr als Freizeitaktivitäten können berufliche Bestrebungen einem Leben mit Kindern entgegenstehen. Etwa ein Drittel der befragten jungen Menschen gibt die Karriere als wichtigen oder äusserst wichtigen Faktor für ein erfülltes Leben an.

Der «düstere» Blick auf die gesellschaftliche Zukunft

«In diese Welt möchte ich kein Kind setzen», ist ein Satz, der auf die befragten Schweizer:innen durchaus zutreffen könnte. So blicken die jungen Menschen unsicher auf die geopolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. «Auffällig ist zudem ein langsamer, aber kontinuierlicher Anstieg der eher düsteren Einschätzungen», heisst es im Jugendbarometer. Konkret ist der Anteil entsprechender Antworten seit den 2010er-Jahren von rund 20 auf 34 Prozent gestiegen.

2022 schrieb Kathrin Röggla das Drama «Kinderkriegen 4.0». Im Interview mit dem Deutschlandfunk brachte sie damals ebendiese pessimistischen Prognosen mit dem Kinderwunsch in Verbindung: «In Zeiten, wo ökologische Krisen ganz deutlich werden, jetzt auch in Kriegszeiten, schiebt sich etwas sehr Dunkles über die Entscheidungsgrundlage.»

Dieses «Dunkle» kann sich auf unterschiedliche Weise auf den Kinderwunsch auswirken. So bricht sich einerseits der Gedanke Bahn, einem geliebten Wesen das Leben in dieser Welt nicht zumuten zu können.

Andererseits kommen laut Patrizia Messmer «immer mehr junge Menschen zur Ansicht, dass der Erde nicht noch mehr zuzumuten sei», wie die NZZ-Autorin formuliert. Jeder zusätzliche Mensch belastet den Planeten, weshalb die Birth-Strike-Bewegung den Antinatalismus, also die bewusste Kinderlosigkeit, als Möglichkeit betrachtet, Ressourcen zu sparen. Weniger politisch, aber mit einem ähnlichen Szenario vor Augen, entscheiden sich junge Menschen laut Neurowissenschaftlerin Emma Lawrance gegen Kinder, weil die «Klimaangst» der Elternschaft entgegenstehe.

Tatsächlich zeigt das Jugendbarometer, dass 58 Prozent der befragten jungen Menschen die Umwelt zu schonen und zu schützen als Lebensziel betrachten und sich 43 Prozent der Klimabewegung zugehörig fühlen, wobei sich dieser Wert seit dem Jahr 2020 auf ähnlichem Niveau halte. Ob sich dieser Umstand auf den Kinderwunsch auswirkt, untersucht die Studie nicht und lässt sich entsprechend nur vermuten.

Eine Jugend mit niedrigem Kinderwunsch vor dem Hintergrund des Generationenvertrages

Immer wieder sehen sich Menschen ohne Kinder mit dem Vorwurf konfrontiert, den Generationenvertrag nicht zu erfüllen. Je weniger Kinder nachwachsen, umso weniger Geld spülen diese zukünftig in die Sozialkassen. Wer solcherlei Vorwürfe macht, übersieht jedoch die Gegenwart. Denn Menschen ohne Kinder stützen den Generationenvertrag zum aktuellen Zeitpunkt auf andere Weise als Eltern, die von ihrer Erwerbsarbeit Zeit für Care-Arbeit abzwacken müssen.

Tatsächlich aber steht die Schweiz bereits heute vor einem massiven Problem. So geht Martin Eling von der Universität St. Gallen davon aus, dass im Bereich der Altersvorsorge bis zum Jahr 2030 ein zusätzliches Defizit von 110 Mrd. CHF angehäuft werden wird. Diesen Schuldenstand auszugleichen, hält er für die junge Generation für «untragbar». Bis 2030, so Eling, werde die Gesellschaft so weit altern, dass jeder Rentnerin und jedem Rentner nur noch zwei Erwerbstätige gegenüberstünden. Dies führt er darauf zurück, dass einerseits die Lebenserwartung steigt und andererseits die Geburtenrate sinkt.

Daraus folgt jedoch vor allem, dass der Generationenvertrag dem demografischen Wandel mithilfe politischer Massnahmen angepasst werden muss. Umgekehrt mit sozialem Druck den demografischen Wandel aufhalten zu wollen, erscheint ebenso aussichtslos wie als unrechtmässige Beschneidung der persönlichen Freiheit.

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