Interview von Fatima Di Pane

Blay: «Ein richtiger Mann kann sich auch Fehler und Schwächen eingestehen»

Blay ist das Herzensprojekt der Musiker Bligg und Marc Sway. Im Interview erzählen sie, wie die Idee dazu entstanden ist und was die beiden dabei gelernt haben.

Ihr wart fünf Wochen auf «Wiederseh-Tour» im Camper quer durch die Schweiz unterwegs. Wie entstand die Idee dazu?

Bligg: Ja, wer von uns hatte eigentlich diese Schnapsidee? (lacht)

Marc Sway: Manchmal will ich den Typen, der die Idee hatte, erwürgen (lacht). Ursprünglich wollten wir einfach ein Musikvideo für den Song «Wiederseh» drehen.

 

B: Wir waren zuvor im Studio, um unser Album aufzunehmen. Das war in der zweiten Lockdown-Phase, wir waren also sehr isoliert. Normalerweise geht man in der Studiozeit abends gemeinsam mit der Crew etwas trinken, was die Arbeit auch beeinflusst. Dieser Aspekt fehlte dieses Mal.

Mit dem Budget für das Musikvideo haben wir dann einen Camper gekauft und sind mit einem Kameramann für ein paar Tage in der Schweiz herumgefahren. Dies haben wir auf Social Media dokumentiert und während diesen Tagen das Musikvideo gedreht. In jener Zeit haben sich viele Fans bei uns gemeldet und uns zu sich eingeladen. Diese Anfragen haben sich so gehäuft, dass wir uns gedacht haben: Komm, das machen wir.

M: Es war wirklich krass, wie sich die Leute gemeldet haben und was sie mit uns unternehmen wollten. Wir haben die ganze Schweiz gesehen. Chlauschlöpfe? Ich wusste nicht mal, dass es das gibt. Und mittlerweile könnten wir eine Bäckerei eröffnen, so viel wie wir miteinander gebacken haben (lacht).

Gab es auf eurer Tour bisher ein Erlebnis, welches euch besonders in Erinnerung geblieben ist?

B: Es gab extrem viele tolle Erlebnisse. Wir waren jeden Tag in einem anderen Kanton, erlebten jeden Tag andere Spezialitäten, Bräuche und Menschen. Ich weiss nicht, wie es dir geht, Sway…

M: Ich kann auch nicht nur eines rauspicken.

B: Was natürlich sehr schön ist, sind die Fankontakte. Fans, die schon an den Shows von Sway waren, die ich dann kennenlernen durfte und umgekehrt. Wir haben unsere Fans als Publikum in dieser Form schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Das war schon speziell.

M: Ich fand es auch einfach eindrücklich, wie schön die Schweiz ist. Natürlich weiss man das theoretisch, aber irgendwie weiss man es trotzdem nicht. Der Tag am Klöntalersee, das Glarnerland… Gestern waren wir in Uri, das war abartig schön. Und die Schweizer:innen sind die grösseren Gastgeber, als es das Klischee vermuten lässt. Ich war noch nicht auf der Waage, aber ich ahne Schlimmes (lacht).

Gibt es einen Song auf eurem Album, der euch besonders am Herzen liegt?

B: Das ist, als würdest du mich nach meinem Lieblingskind fragen. Man hat zu jedem Song eine andere emotionale Bindung. Was dieses Album auch für uns als Team speziell macht, ist der Fakt, dass es auf Mundart ist und dass wir extrem authentisch darauf sind. Und diese Pandemie hatte natürlich auch Einfluss. Es gibt keinen Corona-Song, das wollten wir ganz bewusst nicht. Aber gewisse melancholische oder sehnsüchtige Seiten schwingen schon mit. Und wenn wir in zehn Jahren dieses Album wieder hören, spüren wir, dass wir das zu einer speziellen Zeit aufgenommen haben.

M: Du hast schon recht, man kann nicht sagen, welches der Kinder man am liebsten hat (lacht). Aber man kann sagen, dass man mit dem einen gerne fischen geht und mit dem anderen lieber joggen. Und so ist es mit den Songs eben auch. Songs wie «D’Schueh» oder «Geiler» würde ich an einer Party zum Tanzen spielen. Wenn man etwas Nachdenkliches möchte, das das Herz berührt, dann wären es «Sanduhr» oder «Rägetanz». Für verschiedene Phasen gibt es besondere Songs.

Konntet ihr in der Zusammenarbeit auch voneinander lernen?

B: Künstlerisch auf jeden Fall. Zu Beginn der Produktion haben wir einige Tage nur über unsere jeweiligen Stärken und Schwächen gesprochen, und noch gar keine Musik gemacht. Alles, was man jetzt auf dem Album hört, haben wir gemeinsam gemacht. Es hat nicht einer den Text geschrieben und der andere die Melodie. Das ist miteinander verschmolzen.

Klar, komme ich durch meine Vorgeschichte eher aus dem textlichen Bereich, und Marc bringt gesangliche Fähigkeiten mit, welche mein Können übertreffen. So zeichnet sich manchmal eine Rollenverteilung ab. Jedoch haben wir gemeinsam ganz neue Wege erkundet, wenn es ums Schreiben geht.

M: Ich habe viele Sachen gelernt, die ich so nicht auf dem Schirm hatte. Ich bin ein grosser Fan von Rap und Hip-Hop, aber hatte zuvor noch nie die Chance, mit jemandem so nahe zu arbeiten, der in diesem Genre zu Hause ist, in diesem Schreiben. Das ist ja eine Königsklasse. Da habe ich viel gelernt.

Ihr seid ja schon sehr lange befreundet. Wisst ihr noch, was euer erster Eindruck voneinander war?

B: Es gab in den 2000ern diese Show, an der viele Musiker zusammengekommen sind, die noch am Anfang ihrer Karriere standen. Dort habe ich Sway zum ersten Mal gesehen und gedacht: Geil, wir haben den Schweizer Lenny Kravitz bei uns. Damals hatte er noch viele rockige Einflüsse, auch vom Style her. Er hatte sogar einen Nasenring (lacht).

M: Einer der ersten Songs von Bligg, den ich als Fan wahrgenommen habe, war «Frei wie ein Vogel». Er hat dazu ein saugutes Video gedreht, was noch beeindruckender war, wenn man gewusst hatte, auf welch einfache Art und Weise es gemacht war. Das ist heute noch einer meiner Lieblingssongs von Bligg.

Unsere Ausgabe steht unter dem Motto Men’s Interest. Was bedeutet Männlichkeit für euch?

B: Ich glaube, diesbezüglich ticken wir beide ähnlich. Männlichkeit steht für uns für Selbstständigkeit und dafür, Verantwortung zu übernehmen. Und das nicht nur für sich, sondern auch für die Mitmenschen, die Familie und das Team. Ich finde, ein richtiger Mann kann sich auch Fehler und Schwächen eingestehen, ohne dass sein Ego dadurch verletzt wird. Was meinst du, Swayze?

M: Ich glaube, dass Männlichkeit in der heutigen Zeit viel komplexer ist. Hättest du diese Frage 1950 meinem Grossvater gestellt, wäre die Antwort ganz einfach gewesen: Der Mann geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause. Die klassische Männerrolle. Heute wird es immer komplexer. Nur schon, dass wir Papa-Tage machen, bei der Erziehung dabei sind und genauso Windeln wechseln, ist vielschichtiger. Ich glaube, die Männerrolle heute ist vielseitiger geworden. Man redet sehr viel über die Emanzipation und die neue Rolle der Frau, aber der Mann muss auch eine neue Rolle finden.

Stellt euch mal vor, ihr hättet unendlich viel Zeit und Budget. Welches Projekt würdet ihr in Angriff nehmen?

M: Das gleiche.

Wirklich?

M: Ja. Ein grösseres Budget würde es uns einfach ermöglichen, das Team zu erweitern. Im Moment machen wir fast alles selbst.

B: Mehr Budget würde bedeuten, dass wir mit besseren Tools grössere Produktionen und Bühnenshows auf die Beine stellen könnten. Egal, wie gross der Erfolg ist, in der Schweiz bleibt man in den Mitteln meist limitiert. Man muss vieles über Kreativität lösen, weil wir uns ja trotzdem auf internationalem Parkett messen müssen. Radio ist Radio und wir laufen irgendwo zwischen Rihanna und Sam Smith. Die haben überall noch ein paar mehr Nullen am Budget.

M: Und es gibt natürlich keinen Spot, der sagt: Hey, die hatten etwas weniger Budget, aber zuhören müsst ihr trotzdem! (lacht)

B: Wir dürfen unseren Traum leben, sind glücklich und voller Leidenschaft dabei. Aber wenn ich wirklich unlimitiert Geld hätte, würde ich gerne junge Artists, Indie-Artists, unterstützen. Wir leben in einer schwierigen Zeit, was das betrifft, und die Pandemie hat es auch nicht einfacher gemacht. Ich würde den jungen Künstler:innen gerne helfen und ihnen ein Sprungbrett bieten. Das würde mein Herz befriedigen. Das fände ich geil.

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Weitere Informationen

BLAY Cover

Das Album «Heimspiel» von Blay sowie die aktuelle Single «Wiederseh» sind bei allen gängigen Musikanbietern zu finden.

Clubtour 2022

05.03.2022 Chollerhalle, Zug

12.03.2022 Kammgarn, Schauffhausen

19.03.2022 Loucy, Chur

26.03.2022 Kofmehl ,Solothurn

10.12.2022 Hallenstadion, Zürich – Grosse Heimspiel – Finalshow

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01.07.2021
von Fatima Di Pane
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