Interview von Evgenia Kostoglacis

Belinda Bencic: «Man überlegt gar nichts mehr, sondern existiert einfach»

Im Interview mit «Fokus» verrät die professionelle Tennisspielerin Belinda Bencic, wie sie ihr Training angeht, was sie aus dem Leben mitnimmt und was sie in der Welt bewegt. 

Belinda Bencic

Belinda Bencic, was motiviert Sie als berühmte Weltnummer 11 am meisten an Ihrem Beruf als professionelle Tennisspielerin? 

Ich geniesse Wettkämpfe von Natur aus – nur schon beim Training bin ich hoch motiviert zu gewinnen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Tennis mir so viele Türen geöffnet hat. Durch diesen Beruf komme ich in der ganzen Welt rum und begegne vielen diversen Kulturen und verschiedenen Menschen. 

Wenn Sie zurückblicken: Welche Herausforderungen mussten Sie überwinden, um dorthin zu kommen, wo Sie heute sind?

Herausforderungen hat es sehr viele gegeben und einfach ist es nie gewesen. Aber das ist bei anderen Berufen genauso. Wenn man an die Spitze kommen möchte, muss man Prioritäten setzen. Als Kind und Teenager gab ich vieles für diesen Beruf auf. Gleichzeitig hat mir das Tennis aber viele Dinge ermöglicht, die sonst nicht möglich gewesen wären. Es ist also ein Negativ und ein Positiv. Wenn ich zurückblicke, würde ich alles gleich machen. 

Was glauben Sie, ist eine Ihrer grössten Schwächen und was machen Sie, um diese zu verbessern?

Ich bin Perfektionistin – und im Sport ist das wirklich eine Schwäche. Was ich heute weiss: Man darf nach Perfektion streben, sie aber nicht erwarten, da die Hoffnung einen sehr schnell zerstören kann. Ich arbeite also jeden Tag daran, Perfektion zu erreichen. Und wenn ich das nicht schaffe, dann weiss ich, dass dies auch ok ist. 

Und was tun Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie nicht gerade Tennis spielen? 

Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie und meinen Hunden oder spaziere in der schönen Natur. Ich geniesse es schon eher, wenn es manchmal etwas ruhiger zugeht. Zudem liebe ich es, zu frühstücken – Brunchen und Cafés sind genau mein Ding. 

Jetzt einmal abgesehen von Ihrer Familie und anderen Sportskanonen. Haben Sie irgendwelche Held:innen oder Vorbilder, zu denen Sie aufschauen? 

Beyoncé! Ich verfolge sie als Person und auch ihre Musik immer mit grossem Interesse mit. Ich glaube, ein kleiner Traum würde in Erfüllung gehen, wenn ich sie einmal treffen dürfte.

Wenn man an die Spitze kommen möchte, muss man Prioritäten setzen.Belinda Bencic

Erzählen Sie mir von einem Ihrer schönsten Erlebnisse in Ihrem Leben.

Das ist schwierig. Es gibt so viele schöne Momente im Leben. Ich würde daher sagen, dass jeder Tag, an dem ich frei habe, ein schöner Tag ist. Ich habe einen tollen Freund, neben dem ich aufwachen darf und einen wunderbaren Hund, mit dem wir viel unternehmen. Hohe Ansprüche habe ich also nicht. Ich geniesse einfach jeden Tag und freue mich auf den nächsten.  

Wenn Ihr Leben in eine andere Richtung verlaufen wäre und Sie sich nicht dem Tennis gewidmet hätten, was wären Sie dann geworden? 

Das ist leicht: Ich würde in einem Tierheim arbeiten. Noch genauer – in einem Hundeheim. Ich denke, das würde mir am meisten Spass machen und vielleicht tue ich das sogar eines Tages nach dem Tennis. 

Was ist einer der besten Ratschläge, den Sie von Ihren Trainern erhalten haben, den Sie auch ausserhalb des Sports anwenden?  

Ich bekomme täglich so viele Ratschläge von meinen Trainern. Ich würde aber sagen, dass der Folgende mich sehr oft begleitet: «Perfection is the enemy of greatness.»

Beschreiben Sie einen Ihrer schlechtesten Tage beim Training. Was haben Sie aus dieser Erfahrung mitgenommen?

Schlechte Tage gibt es immer. Und ehrlich gesagt machen sie es nicht wirklich leichter, da sie einem die Laune verderben. Was ich aber daraus gelernt habe? Durchbeissen, «tough» bleiben und nie aufgeben. Schlussendlich ist es doch so: Auch die schlechtesten Trainingstage bringen einen weiter. Man muss nicht die Beste sein. Am Ende muss man nämlich nur ein Prozent besser sein als das Gegenüber. 

Wenn ich Tennis spiele, bin ich sehr emotional, stark und wütend.Belinda Bencic

Was geht Ihnen vor und auch während einem grossen Match durch den Kopf? 

Man überlegt gar nichts mehr, sondern existiert einfach. Wenn ich grossen Stress habe, kommt eine Art Automatismus in mir vor. Mein Instinkt und meine Reflexe gewinnen die Überhand. Am besten ist es also, wenn man während des Matches gar nicht gross überlegt. 

Welche Stärken haben Sie Ihrer Meinung nach, die Sie zu einer grossartigen Sportlerin machen?

Ich bin von Natur aus eine Kämpferin und eine starke Persönlichkeit. Und das macht mich zu einer guten Sportlerin – ob zu einer grossartigen, weiss ich noch nicht (lacht). Ich weiss einfach, dass ich «ums Verreckä» gewinnen möchte und deswegen bleibe ich auch in den schwierigsten Situationen stark.

Und welche Stärken haben Sie als Mensch? 

Ich würde sagen, dass ich zwei verschiedene Persönlichkeiten habe. Wenn ich Tennis spiele, bin ich sehr emotional, stark und wütend. Wenn ich den Tennisschläger aber aus der Hand lege, bin ich die nette, liebe und positive Belinda. Damit meine ich nicht, dass ich auf dem Platz nicht positiv bin, es ist nun mal einfach eine andere Art. Ich werde zur «Fighterin». Und neben dem Platz bin ich «easy» und nicht so konfliktfreudig wie beim Sport. 

Gibt es für Sie persönlich ein wichtiges Thema, auf das Sie aufmerksam machen möchten? 

Jeder muss selber wissen, was für einen wichtig ist. Für mich sind das Tier- und Kinderheime. Da möchte ich so viel wie möglich mithelfen. Ich weiss, dass ich selber nicht die ganze Welt retten kann, aber wenn man einen kleinen Beitrag leistet, dann wird die Welt ganz sicher schon ein Stückchen besser. 

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23.06.2021
von Evgenia Kostoglacis
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