Lawinenhund
Winter

Die Lebensretter auf vier Pfoten

27.11.2021
von Akvile Arlauskaite

Dank ihres unvergleichlichen Spürsinns haben Lawinenhunde bereits unzähligen Lawinenopfern das Leben gerettet. «Fokus» wollte von Marcel Meier, Fachleiter Hund bei der Alpinen Rettung Schweiz, wissen, was den Erfolg eines solchen Einsatzes ausmacht und was der Vierbeiner für die entsprechende Ausbildung mitbringen muss.

Marcel Meier mit Lebensretter

Marcel Meier

Marcel Meier, Hunde werden in der Schweiz bereits seit Jahrzehnten für die Suche von verschütteten Lawinenopfern ausgebildet. Wie kam es dazu?

Im Ersten Weltkrieg fielen in Italien und Österreich 40 000 Menschen den Lawinen zum Opfer. Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges begann die Schweizer Armee erstmals, Hunde bei Suchaktionen mitzunehmen. Etwa auch bei einem Lawinenunglück im Winter 1937/38 im Berner Oberland, als die Rettungskräfte eines der verschütteten Opfer nicht finden konnten. Ein Jagdhund hat es schlussendlich jedoch geschafft. In diesem Moment realisierte man, dass Hunde die Fähigkeit besitzen, Menschenleben zu retten. So wurden die Vierbeiner 1943 als Diensthunde deklariert und in die Armee integriert. 1946 übernahm der Schweizer Alpenclub die Ausbildung von Lawinenhunden und seit 2006 kümmert sich die Stiftung Alpine Rettung Schweiz, die für die terrestrische Bergrettung zuständig ist, um diesen Auftrag.

Warum ist ausgerechnet der Hund für diese Aufgabe geeignet? Könnte seine Leistung nicht einfach durch moderne Technologien ersetzt werden?

Der Hund hat sich seit 78 Jahren als unersetzliches Hilfsmittel beim Lawineneinsatz bewährt. Das ist beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, welche Technologien uns heute zur Verfügung stehen – die Spürnase eines Lawinenhundes ist schlichtweg konkurrenzlos. Dennoch sind technische Hilfsmittel als Ergänzung zum Hund natürlich sehr hilfreich.

Wie läuft eine Lawinenrettung ab?

Wird die Helikopter-Einsatzzentrale der Rega wegen eines Lawinenunglücks alarmiert, bieten die Rega-Einsatzleiter:innen die SAC-Rettungsstation im jeweiligen Gebiet auf – neuerdings via einer Smartphone-App. Darüber wird auch mit den Lawinenhundeführer:innen kommuniziert. Diese werden anschliessend, zusammen mit den Hunden, mit dem Helikopter abgeholt und zur Einsatzstelle gebracht. Kann der Helikopter aufgrund schlechten Wetters nicht fliegen, müssen sie mit dem Skilift oder anderen Fortbewegungsmitteln dorthin gelangen. Und dann geht es an die Suche.

Wovon hängt der Erfolg des Einsatzes ab?

Zu einem grossen Teil von der Schneebeschaffenheit. Ich habe es schon mal erlebt, dass ein Hund innert weniger Minuten eine verschüttete Person lokalisieren konnte. Beim Frühlingsschnee oder kompaktem nassen Schnee hingegen dauert es eine Weile, bis der Geruch des Opfers an die Oberfläche dringt. Ist dieser noch nicht durchgekommen, hat der Hund keine Chance. In solchen Fällen kann mit einer Sondierstange nachgeholfen werden, indem Löcher in den Schnee gemacht werden.

Was ist das Gefährlichste während einer Rettungsaktion bei einem Lawinenunglück?

Es ist zentral, die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Am Einsatzort angekommen, verschafft man sich im Zweierteam zunächst einen Überblick über die Situation. Denn schlimmstenfalls könnte man von einer zweiten Lawine verschüttet werden. Eigene Sicherheit ist immer das oberste Gebot. 

Wie anstrengend ist ein solcher Einsatz für den Hund?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn die Einsatzstelle mit dem Helikopter, Skilift, der Bergbahn oder dem Pistenfahrzeug erreicht werden kann, ist das eine angenehmere Alternative. Muss man aber viel laufen, dann wird es anstrengend. Zudem spielen die Schneeverhältnisse hierbei eine entscheidende Rolle. Bei frischem Pulverschnee ab einem halben Meter Höhe, aber auch bei nassem Schnee gegen die Frühlingszeit, ist der Einsatz für den Hund sehr anspruchsvoll.

Welche Hunderassen werden als Lawinenhunde eingesetzt?

Agile, wetterfeste Hunde, die eine gute Nase haben und von mittlerer Grösse sind. Ein Pudel etwa ist zu klein, ein Bernhardiner zu gross und zu schwer für eine solche Aufgabe. Labradore, Golden Retriever, Border Collies, Deutsche und Belgische Schäferhunde sind die Rassen, die am häufigsten als Lawinenhunde zum Zug kommen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um für die Ausbildung zum Lawinenhundeteam zugelassen zu sein?

Der Hund darf maximal 48 Monate, die oder der Hundeführer:in nicht mehr als 45 Jahre alt sein. Sie sollten im (Vor-)Alpengebiet wohnen, um die Einsatzstelle schnell genug erreichen zu können. Zudem soll die Person an eine Rettungsstation angeschlossen sein, eine aktive Berggängerin sowie Tourgeherin sein und über soziale Kompetenzen verfügen, denn ein Rettungseinsatz ist Teamsache. Der Hund muss darüber hinaus einen Eintrittstest absolvieren und dabei gewisse kynologische Voraussetzungen beweisen: Er muss sozialisiert und in der Lage sein, zu folgen, zu warten und zu kommen, wenn er gerufen wird.

Wie kann man sich die Lawinenhundeausbildung vorstellen?

Die Ausbildung verläuft in vier Phasen und funktioniert nach dem Prinzip «Anlernen, Festigen, Anwenden». In der ersten Phase wird der Hund vom Besitzenden getrennt. Dieser versteckt sich in einer Höhle und soll vom Vierbeiner gefunden werden. In der zweiten und der zeitaufwendigsten Phase wird das Frauchen oder Herrchen in der Höhle leicht zugeschaufelt. Der Hund muss diese:n dann finden und scharren. In der Phase drei wird nebst dem Besitzenden auch eine zweite Person zugeschaufelt, sodass der Hund beim Scharren zuerst auf eine Fremdperson trifft. In der letzten Phase gilt es dann, nur die Fremdperson zu erschnüffeln. Jede Phase endet mit einem Schlusstest. Im Gesamten dauert die Ausbildung drei Jahre.

Sie arbeiten bereits seit 33 Jahren für die alpine Rettung und sind seit 2015 bei der Alpinen Rettung Schweiz als Fachleiter Hund in der Führung. Was schätzen Sie an Ihrer Tätigkeit am meisten?

Ich bin fasziniert von der Fähigkeit des Hundes, Menschenleben zu retten. Jeder Einsatz, bei dem man im Team mit dem Vierbeiner arbeitet, ist beeindruckend.

Bilder ZVG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Vorheriger Artikel Evelyne Binsack: «Klettern ist keine Sportart, sondern eine Lebensschulung»
Nächster Artikel Einzigartige Brauchtümer der Schweiz