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Nachhaltigkeit Ernährung Energie

Wie die Ernährung dem Klima schadet

30.04.2022
von Kevin Meier

Zu den Bereichen mit den höchsten Treibhausgasemissionen der Schweiz gehören Verkehr, Wohnen, Industrie und Landwirtschaft. Neben Mobilität und Gebäuden dreht sich ein klimafreundlicher Alltag wesentlich um unsere Ernährung.

Zweifellos spielt die Art, wie die Schweizer Bevölkerung sich bewegt und wohnt, eine Hauptrolle im Klimaschutz allgemein und bei der Dekarbonisierung im Speziellen. Grundsätzlich gilt dies auch in der Ernährung, greift Thomas Nemecek zufolge aber zu kurz. Der stellvertretende Forschungsgruppenleiter Ökobilanzen bei Agroscope erklärt: «Der Ersatz fossiler Brennstoffe ist auch in der Land- und Ernährungswirtschaft wichtig, lässt aber zentrale Emissionsquellen ausser Acht.» Zum Umstieg auf erneuerbare und kohlenstofffreie Energien kommen weitere Treibhausgasemissionen hinzu.

Die Klimaschädlichkeit der Ernährung

Weltweit macht die Ernährung einen Anteil von 26 Prozent der Treibhausgasemissionen aus. «Die wichtigsten Beiträge sind dabei die Methanemissionen aus der Tierhaltung und dem Reisanbau, die Lachgasemissionen durch die Stickstoffdüngung und die CO2-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Energieträger sowie durch Waldrodungen und die Nutzung von Moorböden», ergänzt Nemecek. Die Treibhausgase verstärken den Klimawandel, was wiederum landwirtschaftliche Probleme schürt. Der Schweizer Bauernverband weist darauf hin, dass langfristig die negativen Effekte Überhand haben: erhöhter Bedarf an künstlicher Bewässerung aufgrund vermehrter Trockenheit, förderliche Bedingungen für Schädlinge, Bodenerosion und -verdichtung sowie Produktionsrisiken durch milde Winter und zunehmenden Spätfrost.

Steigender Nahrungsbedarf

2050 wird die Weltbevölkerung nach derzeitigen Projektionen zwischen 9,5 bis 10 Milliarden Menschen zählen. Im Vergleich zum Jahr 2019 mit 7,7 Milliarden wird die globale Bevölkerung bis Mitte Jahrhundert um etwa einen Viertel anwachsen. Damit einher geht ein erhöhter Nahrungsmittelbedarf, dessen Sicherung grössere Ernten verlangt. Dies durch eine Intensivierung oder eine flächenmässige Ausweitung der Agrikultur zu erreichen, würde allerdings der Biodiversität und dem Klima schaden. Denn die Produktion von Nahrungsmitteln stösst so viele Emissionen aus, dass sie die Erreichung des 1,5-Grad-Klimaziels gefährden – selbst wenn die Verbrennung fossiler Energieträger sofort eingestellt wird. 

Werden mehr Nahrungsmittel produziert, steigen auch die Treibhausgasemissionen. Die Dynamik wird zudem durch eine weitere Problematik verstärkt, wie Nemecek darlegt: «Zusätzlich führt auch die Änderung der Konsumgewohnheiten zu mehr Emissionen, insbesondere der weltweit steigende Konsum von Lebensmitteln tierischen Ursprungs.» 

Alle Player müssen einen Beitrag leisten

Die Landwirtschaft sowie die Ernährung sind einige der wichtigsten Einflussbereiche, um die Klimaziele zu erreichen und Wirtschaft und Gesellschaft ausreichend nachhaltig zu gestalten. Innerhalb dieser Sektoren können und müssen sich alle Akteure aktiv einbringen. Laut Nemecek sind Produzenten und Lebensmittelindustrie gefordert, klimafreundlich zu produzieren und zu verarbeiten, der Handel muss Transporte reduzieren und die Gestaltung des Angebots anpassen und die Konsument:innen ihre Konsumgewohnheiten entsprechend angleichen. Nicht zuletzt müsse die Politik die Rahmenbedingungen so gestalten, dass die Ernährung umweltschonend erfolgen kann. «Wir brauchen mehr Transparenz und bessere Informationen über die Umweltwirkungen in der ganzen Lieferkette», erläutert Nemecek. Wenn ein Verständnis darüber entsteht, welches Produkt wo welche Auswirkungen entfaltet, können Änderungen gezielt angegangen werden. 

Precision Farming kann Treibhausgasemissionen der Ernährung senken.Effiziente Ernährung

Wie in vielen Belangen des Klimaschutzes spielt auch im Lebensmittelbereich die Effizienz eine bedeutende Rolle. In anderen Worten: Nahrungsmittel müssen mit weniger Ressourcen und Emissionen erzeugt werden. Häufig entstehen bei der Reduktion von Treibhausgasen aber Zielkonflikte. Nemecek betont, dass bei der Emissionssenkung gleichzeitig auch andere Umwelteinflüsse wie Biodiversität, Wasserknappheit, Überdüngung und Ökotoxizität betrachtet werden müssen. «Dennoch lässt sich eine höhere Effizienz erreichen, beispielsweise durch standortangepasste Produktion, Precision Farming, Züchtung von besseren Pflanzensorten und Tieren, die weniger Futter brauchen, sowie die Vermeidung von unnötiger Düngung, Bewässerung und Pflanzenschutz.» 

Nachfrageseitige Umstellung

Um die Ernährung klimafreundlich zu gestalten und die Ernährungssicherheit in 2050 und danach zu garantieren, sind vor allem die Gewohnheiten der Konsument:innen entscheidend. Eine Studie zeigte bereits 2014 auf, dass verbesserte Ernährungsweisen und eine Abnahme von Food Waste essenziell sind, um Treibhausgasemissionen zu senken. «Priorität haben eine Reduktion des Fleischkonsums und die Vermeidung der Lebensmittelverschwendung», stimmt Nemecek zu, «die Umstellung der Ernährung und eine Optimierung des Systems könnten die Emissionen des Schweizer Ernährungssektors inklusive Importe um über 50 Prozent reduzieren.» Denn je später die Lebensmittelverluste in der Wertschöpfungskette geschehen, desto grösser deren Auswirkung. Zudem wäre eine klimafreundlichere Ernährung in diesem Sinne ohnehin näher an den Empfehlungen von Ernährungsfachleuten.

Bio-Anbau reicht nicht

Viele Konsument:innen greifen bereits bevorzugt nach Bio-Lebensmitteln. Was zum Beispiel die Biodiversität, Dünger und Pflanzenschutz betrifft, ergibt dies durchaus Sinn. Die ganze Wahrheit ist wie so oft jedoch komplexer. Durch den Verzicht auf mineralische Stickstoffdünger werden in der biologischen Landwirtschaft weniger Treibhausgase ausgestossen. «Da aber auch die Erträge tiefer ausfallen, ergibt sich im Durchschnitt keine Reduktion der Treibhausgasemissionen pro produzierte Einheit», merkt Nemecek an. Regional und saisonal einkaufen ist aber ein erster Schritt, vor allem bei Gemüse. 

Text Kevin Meier

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