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Zürich
26 September 2020

Will Sie heiraten? Wenn alles unklar ist….

Seine Nerven liegen blank. Mit zitternden Händen versucht er unbeholfen, etwas aus seiner Manteltasche zu kramen. Nach einigen ungeschickten Griffen hat er es geschafft und öffnet das samtene Schächtelchen mit dem wunderschönen Ring darin. Er kniet nieder und stellt nun die alles entscheidende Frage: «Willst du mich heiraten?»

Heiraten ist doch längst nicht mehr angesagt. Viele Paare wollen sich nicht mehr festlegen. Der lockere Lifestyle hat längst überhandgenommen und die Mingles tummeln sich in den unendlichen Weiten der Singleportale. Mingles ist eine Wortkreation aus «mixed» und «Single» und das bedeutet so viel wie das man offizielle solo unterwegs ist aber gleichzeitig temporär einen beziehungsähnlichen Zustand pflegt. Geprägt ist das Mingle-Dasein von Unverbindlichkeit, nicht zu viel Nähe, und von einer Freiheit, die nicht aufgegeben werden möchte. Wenn ich mir diese Umschreibung nochmals genau durch den Kopf gehen lasse, klingt das nach etwas 90 Prozent meiner Freunde. Aber sind wir wirklich diese Generation, die sich nicht festlegen will? Passen wir in diese typische Schublade des freiheitsliebenden Egomanen? Ich denke nicht! Mein Gefühl sagt mir, dass wir die «enjoy-the-moment-Generation» sind. Wir lassen uns zu nichts drängen, leben den Moment und machen die entscheidenden Schritte genau dann, wenn wir dazu bereit sind und nicht dann, wenn sie von der Gesellschaft erwartet werden. Ob ich Recht behalten werde?

Die junge Romantikerin in mir wollte heiraten

In meiner frühen Jugend war ich eine hoffnungslose Romantikerin. Ich glaubte an den edlen Ritter, der auf dem Schimmel angeritten kommt und mich, die Prinzessin, aus dem Turm befreit. Ich wünschte mir auf jeden Fall eine romantische Liebesgeschichte mit Feuerwerk und Korkenknallen, wenn auch nur im übertragenen Sinne. Die Krönung der Geschichte sollte natürlich ein romantischer Heiratsantrag sein. Wie ich mir den vorgestellt habe? Drei, zwei, eins – Romantik!

An einem verschneiten Wintermorgen werde ich durch den Geruch von frischen Croissants wach. Ich brauche einige Sekunden, bis ich realisiere, wo ich bin. Als mir klar wird, wo ich mich befinde, zaubert es mir automatisch ein Lächeln auf die Lippen. Ich bin glücklich! Langsam drehe ich mich um und da ist er! Nein, ich meine nicht den Mann meiner Träume, der macht ja in der Küche gerade Frühstück für mich, ich spreche von dem wohl schönsten Ausblick, den ich je gesehen habe. Der Blick aus dem Fenster zeigt mir eine endlose Berglandschaft, tief verschneite Weiten und kleine Schneeflocken, die wie tanzende Marionetten sanft auf den Boden gleiten. Als ich mich endlich von diesem Blick lösen kann, steht auch schon mein Freund mit einem Frühstückstablett in der Tür. Frisch gepresster Orangensagt, warme Croissants, Rührei, eine Auswahl an exotischen Früchten und eine kleine Vase mit einer roten Rose werden mit heute Morgen direkt ans Bett gebracht. Ich richte mich auf, gebe meinem Angebeteten einen Kuss und kann es kaum erwarten, in das warme Croissant zu beissen.

Ich richte mich auf, gebe meinem Angebeteten einen Kuss und kann es kaum erwarten, in das warme Croissant zu beissen.

Ein romantischer Spaziergang

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Bett hüpfe ich kurz unter die Dusche und mache mich bereit für den Tag. Heute steht, wie könnte es auch anders sein, ein romantischer Schneespaziergang auf dem Programm. Nachdem wir uns warm angezogen haben, ziehen wir los in die klirrende Kälte. Auch wenn das Thermometer Minustemperaturen anzeigt, in meinem Innersten ist mir wohlig warm. Ich bin glücklich! Hand in Hand ziehen wir nun also los und lassen das gemütliche Holzchalet hinter uns. Nach wenigen Metern sieht man nur noch zwei Fussspuren im Schnee. Vor uns liegt ein kleines Wäldchen mit einem gefrorenen See, unser Ziel. Nachdem wir den See halb umrundet haben, bleiben wir stehen und sehen uns tief in die Augen. Die Stille und Zweisamkeit dieses Moments kann uns niemand nehmen. Auf einmal wird aber diese Ruhe gestört. Es ist aber nicht etwa ein Geräusch oder eine weitere Person, die sich zu uns gesellt hat, nein. Es sind die hektischen Bewegungen und die liebenswerte Unbeholfenheit meines Freundes, die mich schlagartig aus der Stille holen. Hektisch kramt er in seiner Jackentasche und schaffe es, nach einigen Sekunden eine kleine Schachtel aus seiner Manteltasche zu ziehen. Er kniet sich vor mir nieder in den Schnee und öffnet die Schachtel mit dem Ring. In diesem Moment bleibt mir mein Herz stehen. Die Welt scheint Kopf zu stehen. Ich will lachen und weinen zum selben Zeitpunkt. Seine Lippen bewegen sich aber ich kann nicht genau verstehen, was er mir sagt. Das einzige was ich nach einer gefühlten Ewigkeit wahrnehme, sind die Worte «Willst du mich heiraten?»

Das ungezwungene Happy End

Mein jüngeres Ich hätte auf diese eine Frage ganz klar mit einem überschwänglichen «Ja» geantwortet. Mein aktuelles Ich ist sich da nicht mehr so sicher. Ich bin ganz klar Teil der «enjoy-the-Moment-Generation» und mir fällt es im Allgemein schwer, gross Pläne zu schmieden. Für mich ist es wichtig, den Moment zu geniessen und eine gute Zeit zu haben. Ob man für diese «gute Zeit» heiraten muss? Ich weiss es nicht. Bei einem bin ich mir aber ganz sicher. Ob verheiratet oder nicht, ich lebe glücklich bis ans Ende meiner Tage!

Text: Kathrin Würmli

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