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Zürich
22 Oktober 2020

Die seelische Begleitung während der Schwangerschaft.

Während einer Schwangerschaft tauchen viele Fragen auf, die ein Paar verunsichern. Unzählig gut gemeinte Ratschläge der Freunde und Familien rufen nicht immer die gewünschte Geborgenheit hervor. Eine Doula gibt in diesen Zeiten seelische Unterstützung, Vertrautheit und fachspezifische Informationen. Die Zürcher Doula Corina Rose Macsay über ihren Beruf, eine temporäre Freundin auf Abruf zu sein.

Der Begriff «Doula» mag vielleicht auf den ersten Blick nicht selbsterklärend sein, jedoch steckt eine lange Tradition dahinter. Eine Doula ist die «Dienerin der Frau». Was vor 50 Jahren in Amerika im Bereich der Schwangerschaft wieder aufgegriffen wurde, etablierte sich in den letzten Jahren in Europa kontinuierlich. Besonders in Zeiten der körperlich wie auch psychischen Veränderung, kann eine Fachfrau gekoppelt mit Schwangerschafts- und Geburtserfahrungen genau die richtige Unterstützung sein. Dabei übernimmt die «temporäre Freundin» keine medizinische Funktion, sondern ist neben den Ärzten und Hebammen für das seelische Wohl der Frau wie auch des Mannes verantwortlich.

Im Gebärprozess geht es um die Entspannung, das Loslassen, sich öffnen und die totale Hingabe.

Verschiedene Geburtsbilder

Die Zusammenarbeit mit den medizinischen Fachkräften gestaltet sich jedoch unterschiedlich. Corina Rose Macsay, eine Doula aus Zürich, erklärt das Verhältnis: «Doulas werden in der Schweiz zum Glück immer bekannter. Die Haltung der Ärztinnen und Ärzte sowie der Hebammen ist unterschiedlich und wird beeinflusst vom jeweiligen Geburtsbild.» In Kliniken, die sich auf medizinisch geleitete Geburten und auf Schmerzmittel ausrichten, werde der Doula nicht viel Wert beigemessen. Jedoch: «Kliniken, die den natürlichen Geburtsablauf unterstützen und die Frau in ihrer Gebärkraft bestärken, sehen uns oft als willkommene Begleitpersonen. Denn es geht im Gebärprozess um die Entspannung, das Loslassen, sich öffnen und die totale Hingabe. Diese Prozesse können unterstützt werden, wenn nebst dem Partner noch eine empathische, geburtserfahrene Doula präsent ist, die als vertraute Fachfrau die Gebärende kontinuierlich betreut und auf ihre Bedürfnisse eingeht.»

Ängste nehmen und Fragen klären

Meistens beginnt die Doula in der Mitte der Schwangerschaft, wenn nicht schon früher, damit der enge Kontakt zum Paar aufgebaut werden kann. Es gibt erste Kennenlern-Gespräche, worin die Wünsche, Ängste sowie Hoffnungen besprochen werden. Spätestens ab der 38. Schwangerschaftswoche bis zur 42. Woche ist die Doula Tag und Nacht erreichbar und für eine allfällige Geburt bereit. Die geburtserfahrene Doula, welche meist auch selbst Kinder hat, kann die Schwangerschaft wie auch die Geburt angenehmer, vertrauter und stressfreier gestalten. Laut Studien werden mithilfe einer Doula weniger Medikamente verabreicht, die Wehenzeit verkürzt, die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts minimiert oder die Paarbeziehung gestärkt.

Des Weiteren kann diese Begleitperson besonders wichtig sein, wenn die Frau den Mann bei der Geburt nicht anwesend haben möchte. Corina Rose Macsay über die Ursache, weshalb die Frau diesen intimen Moment nicht mit dem Partner teilen möchte: «In gewissen Kulturkreisen ist die Geburt die Sache der Frau und die Schwangere möchte vielleicht lieber eine Fachfrau in Sachen Geburt zuziehen. Es gibt aber auch Frauen, die sich ungehemmter fühlen, wenn ihre Männer bei der Geburt nicht dabei sind. Andere denken an die Sexualität und meinen, dass das Geburtserlebnis den Mann negativ beeinflussen könnte. Paare, die bereits ein Kleinkind haben, eine Fremdsprache sprechen und noch nicht gut vernetzt sind, vereinbaren manchmal, dass der Papa mit dem Kleinkind zuhause bleibt. So begleitet die Doula dann die Mama an den Geburtsort.»

Bereits in der Schwangerschaft wandelt sich die Frau durch das in ihrem Körper heranwachsende Kind zur Mutter.

Kleine Wunder mit grosser Bedeutung

Die Zürcher Doula fasziniert an ihrer Arbeit, dass jede Frau und jedes Paar einen individuellen Hintergrund mitbringen. «Mich interessieren die verschiedenen Lebensgeschichten oder die unterschiedlichen Werte, die sie vertreten.» Für Corina Rose Macsay sei es das Schönste, wenn eine Frau im Geburtsprozess über sich sowie ihre bisher angenommenen Kräfte hinauswachse und dann voller Stolz, Euphorie und Dankbarkeit ihr Baby begrüssen könne. Doch ihr Beruf bringt auch schwierigere Momente mit sich: «Schwangerschaften und Geburten sind unberechenbar. Da kann es zu Fehlgeburten, Missbildungen, Krankheiten, Frühgeburten und Stillgeburten kommen. Die Betreuung von Paaren mit herausfordernden Situationen kann belastend sein, verlangt viel Einfühlungsvermögen und braucht auch die Auseinandersetzung mit diesen Themen in Fortbildungen. Die ständige Rufbereitschaft um den Geburtstermin herum schränkt das Privatleben der Doula stark ein. Sie muss sehr flexibel und jederzeit verfügbar sein.»

Die seelische Verbindung

Der Spruch «Geboren wird nicht nur das Kind durch die Mutter, sondern auch die Mutter durch das Kind» von der Schriftstellerin Gertrude von le Fort begleitet die Zürcher Doula durch ihren Beruf. Denn: «Bereits in der Schwangerschaft wandelt sich die Frau durch das in ihrem Körper heranwachsende Kind zur Mutter. Im Mutterleib entsteht eine körperliche und seelische Verbindung zwischen den beiden. Jedes sich entwickelnde Kind ist einzigartig und ruft andere Facetten in seiner Mutter wach.»

Corina Rose Macsay ist eine von über 150 ausgebildeten und bei dem Verband «Doula CH» eingetragenen Doulas. Auch wenn die «Freundinnen» für die Schwangerschaft nicht allen bekannt sind: In der Schweiz ist laut dem Verband die Nachfrage steigend.

Einen Input zur Familienplanung gibt es hier.

Text: Tina Spichtig

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