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4 April 2020

Vreni Schneider: «Man kriegt eins auf den Deckel und steht wieder auf».

Im Interview erzählt die ehemalige Skirennfahrerin Vreni Schneider, wie ein Poster sie inspirierte. Sie verrät auch, weshalb man sie höchstwahrscheinlich nie auf einem Schlitten antrifft. Ein Gespräch über Schicksalsschläge, Schwierigkeiten und darüber, was der Sportlerin hilft, gesund und erfolgreich zu bleiben.

Welchen Beruf hätten Sie erlernt, wenn Sie nicht Skirennfahrerin geworden wären?

Dann wäre ich wohl Schaufensterdekorateurin oder Floristin geworden. Ich besitze ein Flair für Blumen und bin immer wieder fasziniert, wenn ich einen Blumenladen betrete. Es fühlt sich jeweils an, als wäre ich in einer anderen Welt. Blumensträusse sind Kunstwerke. 

Nebst dem Skifahren und den Blumen: Was mögen Sie noch?

Als junges Mädchen habe ich recht gut Volleyball gespielt. Die wollten mich als Angreiferin. Aber ich wollte beim Skirennsport bleiben. Es gab damals Poster der Nationalmannschaften. Ich hatte so eines über meinem Bett hängen und sagte mir stets: «Ich will auch mal auf so ein Poster!» Da war mir jeweils klar: «Ich gehe erst Skifahren, danach kann ich immer noch zum Volleyball zurückkehren.» Klar habe ich mir damals gewünscht, es als Skirennfahrerin an die Spitze zu schaffen. Trotzdem hätte ich mir nie erträumt, dass ich jemals Olympia-Gold oder WM-Gold gewinnen werde.

Sie sind nun 55 Jahre alt. Welches ist die wichtigste Lebenslektion, die Sie bis anhin gelernt haben?

Eine Lektion war, auf keinen Fall aufzugeben, wenn man einen Traum vor Augen hat. Im Spitzensport hatte ich mir den Erfolg gewünscht, erlitt Rückfälle und arbeitete dennoch immer weiter. Ich gurkte drei Jahre im C-Kader rum bevor ich durchstartete. Ausserdem ist es wichtig, dankbar dafür zu sein, was man hat. Ich habe auch gelernt, dass die Gesundheit das Allerwichtigste ist. Für mich selbst, aber auch für meine Liebsten. Ich mache mir manchmal Sorgen um unsere zwei Söhne. In solchen Momenten kann ich nachfühlen, wie das für meine Eltern war, als ich selbst jung war. Früher bereiste ich die Welt und heute habe ich bereits Angst, wenn unsere Jungs nach Österreich ins Trainingslager fahren. 

Was würden Sie gerne Ihrem 20-jährigen Ich sagen?

Dass sie es wieder genauso angehen sollte, wie ich das damals getan habe. Denn der Sport war die beste Lebensschule für mich. Die hilft mir bis heute, wenn es mal eine Niederlage gibt. Man kriegt eins auf den Deckel und steht wieder auf. 

Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Klar gibt es Dinge, die man im Nachhinein anders tun würde. Aber bereuen? Nein. Gab es mal einen Rückschlag, stand ich zu meinen Fehlern. Ich habe mir immer vorgenommen, ein guter Mensch und eine gute Mutter zu sein. Es übertrifft den Skirennsport, wenn man Mutter werden darf. Vielleicht würde ich früher in den Weltcup, früher Mutter werden und eins, zwei Kinder mehr haben, wenn ich etwas ändern könnte. Aber das war nicht falsch, das passte damals zu mir. 

Ihre Medaillen als Skirennfahrerin sind zahlreich. Was bedeuten diese für Sie persönlich?

Die bedeuten mir sehr, sehr viel. Jede einzelne Medaille. Und natürlich die Momente, als ich auf dem Siegerpodest stehen durfte und die Landeshymne gespielt wurde. Ich hatte jeweils bereits vor dem Start weiche Knie, aber auf dem Podest dann erst recht. In Calgary redete ich mir selbst zu: «Steh jetzt. Du fällst sonst noch vom Podest runter.» Crans-Montana, das war etwas vom Grössten – im eigenen Land zu gewinnen. Bei der Siegerehrung dachte ich an meine Mutter, die an Krebs starb, als ich 16 war. Daran, was ich damals durchmachte und wie gut mir der Sport tat – ich bin noch heute so dankbar dafür. Ich erinnere mich noch daran, dass ich am Morgen des Rennens vor lauter Nervosität erbrechen musste und mich selbst zurechtwies: «Also bitte, Schneiderlein, reiss dich zusammen! Es ist nur ein Rennen. Es geht zwar um Gold, Silber und Bronze. Aber die Gesundheit ist wichtiger.» Das wird einem bewusst, wenn man ein Familienmitglied verliert. Der Sport brachte mich und meine Liebsten zurück ins Leben. Und gleichzeitig tat es weh, zu wissen, dass die eigene Mutter den Erfolg nicht miterleben kann. Solch tiefe Emotionen kommen zum Vorschein, wenn man auf dem Podest steht. 

Verdi Schneider Portrait Foto
Vreni Schneider
Apropos Gesundheit: Was hält Sie fit und gesund – körperlich und seelisch?

Die Natur. Immer, wenn ich eine Krise habe, muss ich raus in die Natur. Ich habe meine Lieblingsplätze. Dort realisiere ich jeweils, dass meine Probleme eigentlich gar keine Probleme sind. Dass man alles meistern kann, wenn man gesund ist. Fit halte ich mich durch das Biken. Obwohl, eigentlich bin ich zu wenig aktiv. Aber unsere Jungs halten mich schon auf Trab.

Sie haben inzwischen auch Ihre eigene Ski-, Snowboard- und Rennschule in Elm. Was bewegte Sie dazu, diese zu eröffnen?

Es war naheliegend, meine Leidenschaft weiterzugeben. Jakob, mein ältester Bruder, gründete die Skischule damals. Ich übernahm sie später. Es war eine schwierige Zeit, die wir meistern mussten. Meine Brüder motivierten mich, nicht einfach aufzugeben. Mit den Jahren wird man gelassener. Wir haben ein tolles Team und machen gute Arbeit.

Weshalb suchten Sie sich als Standort der Schule Elm aus?

Das war klar für mich. Elm ist meine Heimat. Hier bin ich gross geworden und lernte das Skifahren. Ich sah viele schöne Orte, aber ich wollte hierbleiben. Meine Familie und meine Geschwister leben schliesslich auch hier. 

Welches sind die grössten Herausforderungen beim Leiten der eigenen Skischule?

Ich bin Perfektionistin und musste für den Profisport extrem hart trainieren. Dadurch musste ich erst lernen, unsere Gäste an die Lehrerinnen und Lehrer abzugeben. Nicht immer alles selbst machen zu wollen und zu realisieren, dass es andere auch gut machen oder vielleicht sogar noch besser. Ich bin eine umgängliche Person. Das kam der Firma entgegen. Wir waren stets offen für gute Neuerungen und Vorschläge der Mitarbeitenden. Es ist einfach anders als im Profisport. Die strahlenden Kinderaugen geben einem viel zurück. Und diejenige der Eltern, wenn ihr Kind zum ersten Mal auf den Skiern steht und es klappt. Wir unterrichten auch Erwachsene. Ich unterrichte viele Privat-Skitage, an denen Fans mit mir Skifahren können. Da ergeben sich viele tolle Gespräche und Begegnungen.

Was bereitet Ihnen als Skilehrerin mehr Spass: Rennschultraining oder herkömmliches Skifahren?

Ich mag beides. Das Rennfahren ist natürlich schön. Ich habe das selbst erlebt und sehe nun die jungen Menschen, die ganz viel Eifer haben und tolle Fortschritte machen. Aber ich fahre auch mit Anfängern eine Abfahrt in einer Stunde, weil wir Stemmbögen fahren müssen. Wenn man dann merkt, jetzt hat es «klick!» gemacht, dann ist das wahnsinnig schön. Mit den Kindern im Kinderland zu fahren ist streng, aber etwas vom Schönsten.

Als Leiterin einer Skischule ist der Winter omnipräsent. Was tun Sie im Sommer?

Diesen Sommer gab es einiges zu tun, weil wir neue Bekleidung angeschafft haben. Da hatten wir viele Besprechungen bezüglich der Mengen, Sujets und Farben. Da bin ich Perfektionistin, das musste 120 Prozent stimmen. Vor einer Woche ist die Kleidung bei uns angekommen und sie ist sagenhaft gut. Sensationell, es passt alles.  Zusätzlich habe ich ein grosses Haus mit einem grossen Garten. Ich bin zudem Taxifahrerin für die Jungs: in die Schule, ins Konditionstraining, zum Zahnarzt und zum Doktor. 

Sie selbst  haben zwei Söhne im Teenageralter und unterrichten viele Kinder und Jugendliche im Skifahren. Welche Generationenunterschiede bemerken Sie?

Es ist alles ganz anders, das ist einfach die Zeit. Wir jassten früher auf den Flughäfen – heute werden dort Selfies gemacht. Das heisst aber nicht, dass das Heute nicht gut ist. Jede Zeit ist eine gute Zeit, meine ich immer. Wir durften vielleicht einfach noch etwas länger Kind bleiben, bis wir merkten, dass es ernst wird. 

Welche Werte geben Sie Ihren Kindern mit?

Dass sie wissen, wo sie daheim sind. Eigentlich wollte ich die Kinder viel bescheidener erziehen, aber das hat nicht geklappt. Sie kriegten immer viel zu viele Geschenke. Wichtig ist für mich, dass unsere Kinder anständig und dankbar sind. Es ist nicht alles selbstverständlich und es ist wichtig, das schätzen zu können. 

Was sagt Ihnen mehr zu?

Tee oder Punsch? Punsch.
Raclette oder Fondue? Puh, ist beides sehr fein… Raclette.
Hund oder Katze? Katze. Wir haben eine.
Schreiben oder lesen? Schreiben. Eindeutig.
Netflix oder TV? TV.
Plattenspieler oder Radiogerät? Radio. Das läuft immer im Auto.
Im Sommer: Strand- oder Wanderferien? Wanderferien. Ich bin eine richtige Berglerin.
Stadt oder Land? Land, ganz klar. Die Stadt ist schön, für mich aber keine Option.
Bier oder Wein? Keines von beiden.
Schlitteln oder Schlittschuh laufen? Schlittschuh laufen. Schlitteln kann ganz schön kriminell sein.

Vreni Schneider

Die ehemalige Skirennfahrerin Vreni Schneider gewann mit 20 Jahren ihren ersten Weltcup. Die Glarnerin kann zahlreiche Erfolge verbuchen. Zu den Höhepunkten ihrer Karriere gehören die Riesenslalom-Medaille in Crans-Montana 1987 und Doppelgold an den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary. Vreni Schneider gewann drei Mal WM- sowie Olympiagold. Sie kann auf 55 Weltcupsiege sowie drei Gesamtweltcupsiege zurückschauen. Privat ist Vreni Schneider seit 20 Jahren verheiratet und hat zwei Söhne. In Elm, ihrer Heimat, leitet sie eine eigene Ski-, Snowboard und Rennschule.

Interview Antonia Vogler

Bilder Philipp Mueller / www.philippmueller.co.uk

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