Flüchtlinge
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«Als Flüchtling kommt man nicht in ein neues Land, sondern verlässt in erster Linie seine Heimat»

03.09.2021
von Lisa Allemann

Vor fünf Jahren zwang ihn der afghanische Bürgerkrieg in die Flucht. In der Schweiz konnte Sohail Ajab Khan ankommen und möchte anderen Flüchtlingen die Einsamkeit nehmen, die er selbst erleben musste. Als Gründer des Vereins «Education for Integration» bringt er täglich Geflüchtete mit Einheimischen zusammen und hilft denjenigen, die sich aktuell in der Situation befinden, vor der er geflüchtet ist. 

Sohail Khan

Sohail Khan
Foto: Christian Felber

Als ich Sohail Khan das letzte Mal sah, war er den ganzen Abend in Gespräche vertieft. Man merkte, dass er den kommunikativen Austausch mit anderen Menschen mag und auch sucht. Auch wenn dies einige Jahre her ist, geblieben ist mir ein Bild von ihm, wie er im Neubad in Luzern seine selbstgedrehten Zigaretten raucht und dabei leidenschaftlich von seinen Projekten erzählt. Nun, da ich ihn über Video zum Interview traf, kann ich zwar nicht sagen, ob er immer noch raucht. Doch zu meiner Freude konnte ich feststellen, dass er nach wie vor mit Herz und Seele dabei ist, anderen Menschen zu helfen und mir gerne von den Dingen erzählen will, die ihm wichtig sind. Und um zu verstehen, weshalb er sich so für andere Menschen einsetzt, muss man einen kurzen Blick in seine Vergangenheit wagen.

Bei der Frage nach seiner Geschichte sucht Sohail jedoch noch nach den passenden Worten, um das Unbeschreibliche zu schildern. «Meine Geschichte… das ist eine lange», meint er. Der mittlerweile seit mehr als 40 Jahre andauernde Konflikt in Afghanistan war natürlich einer der Hauptgründe für seine Flucht. Hinzu kamen zusätzliche Faktoren und Schicksalsschläge, über die Sohail heute aber nicht mehr sprechen möchte – oder kann. Sie zwangen ihn letztlich zur Flucht aus Afghanistan und damit zu einem vollkommen neuen Leben.

Flucht aus Afghanistan

Auf der Flucht zu sein, sei nicht einfach. Man besitzt nur wenige Dinge, muss Durst und Hunger erleiden. «Als ich in Zürich ankam, war ich positiv überrascht. Ein Mann überliess mir wie selbstverständlich eine Zigarette. Menschen, die mich noch keine Stunde lang kannten, organisierten für mich eine Unterkunft, wo ich schlafen und essen konnte. Das hat mich wirklich berührt.» Aus seinen Erfahrungen in anderen Ländern hätte er diese Hilfsbereitschaft so nicht erwartet. Deswegen entschied er sich relativ schnell, dass er in der Schweiz bleiben möchte. Doch so einfach war es nicht. Gemäss dem Dublin-Verfahren wurde geprüft, ob die Schweiz überhaupt für seinen Fall zuständig war. Da Sohail einige Freunde in Österreich, Italien und England hatte, befürchtete er, dass sein Fall abgegeben würde. Letztlich lautete das Urteil aber: Aufenthaltsbewilligung F.

Hilfe für Asylsuchende

Dadurch liess sich Sohail aber nicht abhalten. Ermutigt durch seine eigenen Erfahrungen in Asylunterkünften gründete er den Verein «Education for Integration», der die Integration von Asylsuchenden vereinfachen soll. Da er die Schweiz als solidarisches Land kennengelernt hatte, wusste er, dass es Menschen gibt, die ihn unterstützen würden. Mit ihrer Hilfe rief er einige Projekte ins Leben. Eines davon ist beispielsweise das Sprachkaffee, welches jeden Donnerstagabend im Neubad in Luzern stattfindet. Es ist ein Treffpunkt für Geflüchtete und Einheimische, die sich bei einem Kaffee kennenlernen und austauschen. Ein anderes Projekt nennt sich «Bong da City», bei dem männliche Geflüchtete Gerichte aus ihrer Heimat kochen und damit den Schweizer Gaumen erfreuen. Auch hier ist die Zusammenkunft zentral: Man isst, trinkt, tanzt und feiert gemeinsam.

Aber nicht nur der Austausch zwischen Geflüchteten und Einheimischen soll realisiert werden. Der Verein bietet auch Deutschunterricht und Computerkurse an und ermöglicht es so den Geflüchteten, unabhängig von ihrer Aufenthaltsbewilligung, eine Art Bildung wahrzunehmen. Vor allem die Sprachkenntnisse seien von grosser Bedeutung für eine gelingende Integration. «Ich selbst hatte das Glück, dass ich bereits der englischen Sprache mächtig war und mich entsprechend verständigen konnte. Viele Asylsuchende beherrschen aber keine Fremdsprachen. Deswegen gestaltet sich die Kommunikation im Allgemeinen sehr schwierig und die Menschen verstehen nicht, wohin sie gehen oder was sie tun sollen. Sie sind zwar in der Schweiz und in Sicherheit, aber meist allein. Und dieses Gefühl der Einsamkeit wollte ich den Menschen nehmen.»

Dem Verein gehören heute mehrere hundert Freiwillige an, die tatkräftig bei den Projekten mitwirken. «Ich erhalte grossartige Unterstützung und bin wirklich dankbar dafür. Klar bringe ich die Ideen, aber wir arbeiten sie alle zusammen aus und bauen den Verein gemeinsam auf.» Trotz der grossen Anzahl an Freiwilligen, die durch ihre Mithilfe bei den Projekten massgeblich zu einer gelingenden Integration beitragen – sie zu finden, sei in der Schweiz harte Arbeit. Nicht nur «Education for Integration» kenne das Problem, sondern auch jede andere gemeinnützige Organisation. Die Menschen in der Schweiz seien einfach zu beschäftigt. Doch das Problem lässt sich lösen. «Dadurch, dass wir etwas mehr Freiwillige pro Projekt einsetzen, kann jede:r so mitwirken, wie es für sie oder ihn passt. Fällt jemand aus, ist schnell jemand anderes gefunden.» Zusätzlich sei aber auch die Kooperation mit anderen Organisationen wichtig.

Wir sind alles Menschen

Auf die Frage, welche Probleme er in der Schweizer oder globalen Asylpolitik sieht, antwortet Sohail nur, dass er keine politischen Aussagen tätigen möchte – oder gar könne. Denn jedes Land hat seine ganz eigenen Regeln. Aber was er dazu sagen möchte, ist Folgendes: «Flüchtlinge sind auch Menschen. Menschen, die gezwungen werden, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. In erster Linie kommen sie nicht in ein neues Land, sondern sie verlassen aus bestimmten Gründen ihr eigenes.» Dann spezifiziert er für die Schweiz doch noch: «Die Schweiz will zwar, dass sich die Flüchtlinge integrieren. Doch wie sollen sich die Menschen integrieren, wenn sie von der Schweizer Gesellschaft sowohl örtlich als auch sozial ausgegrenzt werden? Integration braucht seine Zeit, sie geschieht nicht von heute auf morgen. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen einen Schritt auf Geflüchtete zugehen und ihnen helfen, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Von allein gelingt eine Integration nicht.»

Danke Schweiz

Die Situation in Afghanistan hat sich jüngst mit dem Abzug der amerikanischen Truppen und der Machtübernahme durch die Taliban zugespitzt. Afghanistan ist gerade jetzt auf ausländische Hilfe angewiesen. «Diese wird Afghanistan aber nicht erreichen, da niemand die Taliban finanzieren möchte. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass lediglich 40 000-60 000 von 36 Millionen Afghan:innen zur Taliban gehören.» Die UN warnte bereits vor einer humanitären Krise, in dessen Folge die Taliban aus Not anerkannt werden könnten. Deshalb hat Sohail ein neues Projekt lanciert. Sein Verein sammelt Spenden, um Nahrungsmittel an die afghanische Bevölkerung verteilen zu können. Denn der Preis für die überlebensnotwendigen Güter habe sich verdreifacht, Banken und jegliche anderen Institutionen seien geschlossen. Die Menschen sind verzweifelt und wissen nicht, was als nächstes geschieht. Sie brauchen Hilfe. Und da «Educaton for Integration» einheimische Freiwillige hat, lässt die Taliban sie gewähren. Sohail äussert sich wie folgt zur Situation: «Ich hoffe wirklich, dass die Taliban zu ihrem Wort steht. Sie sagten, sie würden die Menschen- und auch Frauenrechte achten. Menschenrechte als auch Frauenrechte sind ursprünglich westliche Werte. Jetzt sind gerade diese Menschen und diese Frauen in Not! Deswegen erhoffe ich mir, dass aus dem Westen Unterstützung kommt. Jegliche Menschenrechtsorganisationen müssen ihre Arbeit fortsetzen. Das Wichtigste ist, dass die Menschen in Afghanistan sich nicht im Stich gelassen fühlen. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir sie nicht vergessen haben. Deswegen sind die Spenden aus der Schweiz so wichtig, denn sie zeigen, dass an die Afghan:innen gedacht wird. Und diese wiederum sind unglaublich dankbar darüber.» In diesem Sinne und dem Namen des jüngsten Projekts von «Education for Integration» entsprechend: Danke Schweiz.

Anmerkung: Während dem Interview ereigneten sich in Kabul Anschläge, bei denen Menschen getötet wurden. Von den Explosionen hatte «Fokus» zum Zeitpunkt des Interviews noch keine Kenntnis. Die Anschläge unterstreichen jedoch die Dringlichkeit der Hilfe für die Menschen in Afghanistan.

Spenden zur Hilfe für die Menschen in Afghanistan können auf das Konto von Education for Integration, Ulmenstrasse 14, 6002 Luzern, IBAN: CH03 0024 8248 1604 6102 T getätigt werden.

Weitere Informationen über den Verein und seine Projekte sind zu finden unter: www.educationforintegration.ch

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