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Interview Porträt

My Van Le: «Man hat nicht nur eine Leidenschaft im Leben»

24.09.2021
von Akvile Arlauskaite

In My Van Le brannte schon immer das kreative Feuer. Lange hätte sie aber nie daran gedacht, ihr Talent zum Beruf zu machen – bis sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Im Interview mit «Fokus» spricht die Schweizer Unternehmerin darüber, wie sie dies erlebt hat, was Kreativität für sie bedeutet und warum man mehr als nur eine Passion im Leben hat.

My Van Le, seit wann leben Sie sich kreativ aus?

Schon seit klein auf. Ich kann mich noch erinnern, dass ich im Kindergarten diejenige war, die in der Ecke allein gezeichnet hat. Am Ende des Schuljahres bin ich immer mit drei Ordnern voller Zeichnungen nach Hause gegangen. Auch fing ich bereits in der Schulzeit an, auf Online-Plattformen in den Staaten nach raren Kleidungsstücken zu suchen – zu «diggen» – und Sneakers zu sammeln. All dies finanzierte ich mir mit der Kreditkarte meines Cousins (schmunzelt). Selbst getragen habe ich die Pieces aber nie, sondern ich habe sie an der Schule weiterverkauft oder einfach gebunkert.

Ich lebte mit der Einstellung, dass man einen Job braucht, um sich einen gewissen Lebensstandard leisten zu können – das sei einfach so.

Wie kam es dazu, dass Sie zunächst in einem «unkreativen» Berufsfeld gelandet sind?

Es war mir schon immer klar, dass ich nach der Schule ein Gymnasium besuchen werde. Ich bin bei meinen Grosseltern aufgewachsen und sie haben immer davon geredet, dass ich Anwältin werden oder bei einer Bank arbeiten sollte, um ein sicheres Einkommen zu haben. Das habe ich während meiner Teenagerzeit nie hinterfragt. So habe ich meine Berufsmatura an der Wirtschaftsmittelschule in St. Gallen abgeschlossen. Ich lebte mit der Einstellung, dass man einen Job braucht, um sich einen gewissen Lebensstandard leisten zu können – das sei einfach so. Deshalb hatte ich lange nicht mal den Gedanken, Mode zum Beruf zu machen.

My Van Le

Wie hat sich Ihre Karriere dann weiterentwickelt?

Als ich mit 20 Jahren meinen ersten Job bei einer Bank antrat, merkte ich, dass mir etwas fehlte. Trotzdem blieb ich zehn Jahre lang in der Finanzbranche. Ich wechselte von Bürojob zu Bürojob: von einer Versicherung zu einer Anwaltskanzlei und dann zu einer Treuhandfirma. So habe ich meine Zwanziger verbracht. Hundertprozentig glücklich war ich dabei aber nie.

Wie ist es während dieser Zeit mit Ihrer Passion für Mode weitergegangen?

Da mir während diesen zehn Jahren etwas gefehlt hat, habe ich angefangen, als Hobby Kleidung zu produzieren. So gründete ich 2010 mit Freunden zusammen mein erstes Streetwear-Label, unter dem wir T-Shirts designten. Dafür trafen wir uns wöchentlich in unserem Atelier. Vier Jahre lang war dies mein kreatives Ventil, mein Ausgleich zum Job. So konnte ich mich nebenbei erfüllen. Nach dieser Zeit haben sich meine Freunde aber dazu entschieden, sich auf ihre Karrieren zu konzentrieren. Somit habe auch ich nach etwas Neuem gesucht.

Und dann haben Sie Ihr eigenes Mode-Label gegründet. Wie kam es dazu?

Mit meiner Passion, rare Kleidungsstücke zu finden, hatte ich konstant weitergemacht. Ende Monat tat ich das Geld von meinem Bürojob auf die Seite, investierte dieses anschliessend in den Einkauf von Vintage-Pieces und sammelte so immer mehr Kleidung. In der Resonanz von meinen Freund:innen habe ich schlussendlich den Mut gefunden, diese kommerziell unter einem eigenen Label zu vertreiben. So habe ich 2014 «Van Lo» ins Leben gerufen.

Die Stücke beschafften Sie sich durch das «Diggen». Was braucht es dazu, wertvolle Raritäten auf diese Weise zu finden?

Tatsächlich hatte ich weder jemals Einkauf gelernt, noch komme ich aus der Modebranche. Das «Diggen» und gleichzeitig das Herausspüren, welches Teil exklusiv oder von guter Qualität ist, ist vielmehr Erfahrungssache. Beim «Diggen» stöberte ich verschiedenste Plattformen wie Etsy oder Ebay durch, bis ich ein Kleidungsstück gefunden hatte, welches Emotionen bei mir weckte. Dabei selektierte ich intuitiv und nach meinem Geschmack.

My Van Le Kleidung Photoshoot

Photoshoot für «Van Lo»

Dank Ihres Labels konnten Sie zudem ein kreatives Netzwerk aufbauen. Wie lief dies ab?

Dieses ist organisch gewachsen. Indem ich meine exklusiven Kleidungsstücke jungen Künstler:innen – Sänger:innen, Rapper:innen – zum Beispiel für Shootings zur Verfügung gestellt habe, lernte ich viele neue Menschen kennen. Irgendwann fing ich an, mit ihnen zu kollaborieren und zusammen mit weiteren Kreativen – Fotograf:innen, Filmer:innen – Videos und Visuals für unsere Plattformen zu produzieren. So wurde mein Netzwerk immer grösser. Auch zwischen den Leuten entstand ein regelmässiger Austausch. Und genau dies ist meine Mission: Gleichgesinnte zusammenzubringen und dabei mein Wissen und Erfahrungen, die ich durch das Aufwachsen mit der Hip-Hop-Kultur gesammelt habe, mit meiner Community zu teilen. Unter meinem Label habe ich also nicht nur kommerziell Kleidung vertrieben, sondern auch der Community etwas zurückgegeben.

Seither sind Sie auf das Freelancing umgestiegen. Wie ist es dazu gekommen?

Durch meine Herzprojekte, die ich nebst meinem Bürojob realisiert habe, konnte ich mir über all die Jahre zahlreiche neue Fähigkeiten aneignen. Unter anderem Fotos und Videos zu produzieren, zu budgetieren und zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen – eine Art Allrounder-Package. Dabei entdeckte ich auch meine weitere Leidenschaft: Mich visuell mittels Kreation von Videos und Visuals auszuleben. Da ich diese konstant über die Zeit verfolgt habe, kamen irgendwann erste Kund:innen auf mich zu, die mich für ihre Social-Media-Zwecke buchen wollten. So hat meine Zweitkarriere im Marketing angefangen. 2017 konnte ich dann endlich meinen 8-to-5 aufgeben und übernahm das Social-Media-Management und die Videoproduktion für eine Crossfit-Gym-Firma. Ab diesem Moment war ich selbstständig unterwegs. Aktuell bin ich vor allem als Freelancerin im Videobereich tätig und betreibe Social-Media- und Digital-Content-Consulting. Hierbei unterstütze und coache ich Firmen sowie Einzelpersonen und übernehme Projekte aus verschiedensten Branchen.

Wie steht es derzeit mit Ihrem Label?

Irgendwann bin ich an den Punkt gekommen, entweder einen eigenen Store eröffnen oder zu einem Bürojob zurückkehren zu müssen. Storemanagerin war aber nie mein Traumjob. Vielmehr waren mir immer das Zwischenmenschliche, das «Diggen» und der kreative Part wichtiger. Das Organisieren von Events, die Sponsoringanfragen und die Buchhaltung gehören hingegen nicht unbedingt zu meinen Stärken. Der Traum, mich mit meinem Label selbstständig zu machen, schlummert aber immer noch in mir und ich schliesse nicht aus, dies in den nächsten Jahren umzusetzen. Ich möchte das Netzwerk innerhalb der Community meines Labels stärken sowie mittels Events und Kursen die Weitergabe von Wissen und Erfahrung fördern.

Bei Ihrem derzeitigen Job steht das Kreativsein im Fokus. Was bedeutet Kreativität für Sie?

Für mich ist eine Person kreativ, wenn sie ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Wissen kreativ verbinden und zum Ausdruck bringen kann. Diese Kombination ist eine Interpretation, aus der man auf die individuelle Art und Weise etwas Eigenes inszeniert, sei es als Foto, Video oder Styling.

Und wie drücken Sie sich kreativ aus?

Dadurch, dass ich mit der Hip-Hop-Kultur aufgewachsen bin, ist die Musik mein kreatives Outlet. Gleichzeitig bin ich visuell unterwegs. Momente einzufangen, dies habe ich zu meiner Lebensaufgabe gemacht. Bereits während der Zeit bei meinem Label habe ich die Momente mit Künstler:innen sowie Behind-the-Scenes-Momente auf eine kreative Weise eingefangen und diese in Verbindung mit Musik mit meiner Community geteilt.

Für mich ist eine Person kreativ, wenn sie ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Wissen kreativ verbinden und zum Ausdruck bringen kann.

Inwiefern inspiriert Sie dabei der Hip-Hop?

Es sind weniger einzelne Rapper:innen oder Sänger:innen, die mich inspirieren. Vielmehr sind es die Personen hinter diesen Künstler:innen, die im Hintergrund arbeiten. Sehe ich beispielsweise ein Musikvideo, so schaue ich als allererstes nach, welches Team dahintersteckt. Das können Stylist:innen oder Art Directors sein. Sie sind meine grosse Inspiration. Denn ohne das Team dahinter würde keine:r der Musiker:innen auf eine solche Weise im Rampenlicht stehen.

My Van Le

Mit welchen Musiker:innen würden Sie am liebsten arbeiten, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Schwierige Frage! Da gibt es einige. Visuelle Umsetzungen würde ich jederzeit gerne mit Pharrell Williams, Kendrick Lamar, Tom Misch oder Anderson Paak machen.

Bei kreativen Leistungen ist man schnell selbstkritisch. Haben auch Sie schon mal an sich gezweifelt?

Ich finde, Selbstzweifel sind automatisch da, sobald man die Leidenschaft beruflich ausübt. Auch wird es immer Kritik geben, die eine:n zum Nachdenken zwingt. In solchen Momenten ist es wichtig, den eigenen Grundsätzen, Prinzipien und Werten treu zu bleiben. Das habe ich durch mein Label gelernt. Schlussendlich muss es für mich stimmen und für niemand anderen.

Was gilt es Ihrer Meinung nach zu beachten, bevor man sich der eigenen Leidenschaft beruflich widmet?

Zuallererst: Man steht nicht einfach so auf und entscheidet sich dazu, sich selbstständig zu machen. Bei mir dauerte es beinahe zehn Jahre bis zum Schritt in die Selbstständigkeit. Zieht man in Betracht, die Leidenschaft zum Beruf zu machen, so sollte man sich zunächst zwei Fragen stellen: «Was ist meine Leidenschaft?» und «Wo liegen meine Talente und Stärken?» Das sind nämlich zwei verschiedene Sachen. Nur weil man für etwas brennt, muss es nicht bedeuten, dass man tatsächlich gut darin ist. Auch finde ich es wichtig, in der eigenen Idealvorstellung nicht allzu festgefahren zu sein. Nur weil man eine Leidenschaft für etwas aufweist, heisst es nicht, dass diese für immer anhalten wird. In meinen Augen ist es ein wenig so, wie in der Liebe: Man hat nicht nur eine Liebe, die bis zum Rest des Lebens gleichbleibt. So auch die Leidenschaft: Man hat nicht nur eine Leidenschaft im Leben.

Das Befolgen der Passion ist wie eine Art Lebensschule, die nie endet. Gleichzeitig entdeckt man dabei auch, was man weniger gerne macht.

Lohnt es sich Ihrer Meinung nach immer, der eigenen Passion eine Chance zu geben?

Ja! Zum Job, den man vorher ausgeübt hat, kann man im Nachhinein immer zurückgehen. Das Befolgen der Passion, hingegen, ist wie eine Art Lebensschule, die nie endet. Gleichzeitig entdeckt man dabei auch, was man weniger gerne macht. So bin ich von einer Leidenschaft zu einer anderen gesprungen. Ohne die erste wäre ich aber nie dorthin gekommen, wo ich jetzt bin. Es ist echt unglaublich, was sich ergeben kann, wenn man der eigenen Leidenschaft eine Chance gibt.

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