Margaret_Hamilton_1995
Karriere Lifestyle Women

Die Frau, die den Adler landen ließ

29.03.2021
von SMA

Ein vierjähriges Mädchen, das die falschen Knöpfe drückt – und eine Frau und Mutter, die als erste Software-Ingenieurin der Welt daraus die richtigen Schlüsse zieht: Margaret Hamilton programmierte in den 1960er Jahren die Steuerungssysteme der Apollo-Missionen.

1964 in einem Büro hoch über dem Charles River in Cambridge. Die 28-jährige Mathematikerin Margaret Hamilton hat bislang für die Berechnung von Wettervorhersagen und das erste US-Flugabwehrprogramm gearbeitet. Nun sitzt sie, als Teamleitung für Leit- und Steuersysteme, zwischen einem klobigen Computerbildschirm und Lochkartenstapeln für einen riesigen Honeywell-Großrechner. Ihre vierjährige Tochter Lauren spielt auf dem Boden.

»Kümmern Sie sich denn gar nicht um Ihre Tochter?« Diese Frage ist an den Abenden und Wochenenden, wenn die junge Frau weiter an einem Software-Programm für die bemannte Raumfahrt der NASA schreibt und stanzt, weit weg. Bereits am Earlham-College missachtete Hamilton Sperrstunden und Bannmeilen für Frauen und saß im Physikkurs allein unter Männern. Weil ihr Mann nun an seinem Uni-Abschluss arbeitet, muss sie Geld verdienen und sich um die Tochter kümmern. Was sie aber da in der »Jungs-Bude« des Massachusetts Institute of Technology tut, versteht ohnehin niemand. Das Wort »Software« existiert noch nicht, und das Erstellen von Einsen und Nullen zum Füttern zweier aus Kupferdrähten und Magnetringen bestehenden Rechenmaschinen ist kaum erklärbar.  

Die Erfinderin des Back-ups

Die Anforderungen an die Raumfahrtprogramme der NASA sind hoch – aber es ist vor allem Hamilton selbst, die auf keinen Fall bei den Codes etwas übersehen oder einen Fehler machen will. Sie weiß um die Tragweite ihres Tuns, träumt von schlechten Zeitungsmeldungen und Katastrophen mit Raumschiffen. Und dann passiert es. Die Software-Ingenieurin der ersten Stunde ist gerade in einer anderen Ecke des Büros, als Lauren mit dem Spielen aufhört und auf dem sogenannten Dis-Key-Simulator einfach mehrere Knöpfe drückt – und damit während der Flugsimulation das Prelaunch-Programm P01 startet. Die Folge: Der Simulator stürzt ab. Die Wissenschaftlerin eilt herbei, stutzt – und erfindet nun etwas bahnbrechend Neues: ein Wiederherstellungsprogramm oder Back-up.

Zunächst will die NASA davon nicht wissen, schließlich seien ihre Piloten perfekt. Doch fast genau vier Jahre später, am 26. Dezember 1968, drückt der Astronaut Jim Lovell am Ende der Apollo-8-Mission tatsächlich den P01-Knopf und löscht einen Teil des Bordcomputerspeichers. Während Apollo 8 nach der letzten Mondumrundung zurück zur Erde will, wühlt sich Hamilton durch ihre buchdicken Programmlisten – und wird fündig. Über die Einsatzzentrale in Houston kann sie alle wichtigen Navigationsbefehle zur Rückkehr der Astromauten wiederherstellen.   

Margaret Hamilton steht neben der Navigationssoftware, die sie und ihr MIT-Team für das Apollo-Projekt entwickelt haben. Bild via Wikimedia Commons

Drei Minuten bis zur Mondlandung

Nur ein halbes Jahr später, am 20. Juli 1969, schaut die ganze Welt im Fernsehen der ersten Mondlandung zu. Und ahnt nicht, dass drei Minuten vor der »Eagle«-Landung alles auf dem Spiel steht. Das von den Astronauten nicht rechtzeitig abgeschaltete Radarsystem löst den »1201«-Alarm und unzählige Fehlermeldungen aus. Der Computer ist überlastet und die Mission droht zu kippen. Doch genau für diesen Moment hat Hamilton vorgesorgt. Der von ihr programmierte Computer startet den Fehlererkennungsprozess und konzentriert sich auf die wichtigsten Funktionen.Hamilton schreibt dazu 1971 in einem Brief im Magazin Datamation: »Der Computer, oder besser gesagt die darin enthaltene Software, war intelligent genug, um zu erkennen, dass sie aufgefordert wurde, mehr Aufgaben auszuführen als sie ausführen sollte. Der ausgelöste Alarm sagte den Astronauten also: Ich habe zu viele Aufgaben erhalten und werde nun nur die wichtigsten ausführen. Also die, die zur Landung benötigt werden. Hätte der Computer dieses Problem nicht erkannt und Wiederherstellungsmaßnahmen ergriffen, bezweifle ich, dass die Mondlandung erfolgreich gewesen wäre.«
Am 25. November 1969, nur einen Tag nach dem glücklichen Ende der folgenden Apollo-12-Mission, erscheint in mehreren US-amerikanischen Zeitungen das Bild einer lachenden Frau mit Brille, die in einem nachgebauten Apollo-12-Cockpit sitzt und Knöpfe drückt. Der Text darunter ist kurz, denn was die abgebildete Margaret Hamilton da wirklich macht, kann mit Worten offensichtlich immer noch kaum beschrieben werden. Als »Guiding Hand« wird sie kurz vorgestellt – und fertig.

In Wirklichkeit hat Hamilton 40 000 Zeilen LEM-Code designt, Prioritäten formuliert, Schnittstellenfehler beseitigt und Debugs aller Komponenten erarbeitet. Sie hat jede erdenkbare Situation auf Systemebene simuliert. Das Resultat ist ganz in ihrem Sinne und doch unglaublich: Nie gibt es während einer Apollo-Mission einen einzigen Software-Fehler.

Prioritäten und Erfindungsgeist

1976 macht sich Hamilton mit einer eigenen Software-Firma selbständig. 2003 wird sie mit dem NASA Exceptional Space Act Award ausgezeichnet, 2016 mit der Friedensmedaille des Präsidenten. Dem Wired-Magazin sagt sie 2015: »Als wir damals mit dem Programmieren anfingen, wussten wir ja gar nicht, was wir taten. Es gab keine Anleitung.« Hamilton ist also nicht nur die erste Software-Ingenieurin. Ihre Unbeirrbarkeit und Umsicht ließen nicht nur »Eagle« und »Intrepid« landen, sondern wiesen den Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein technisch versierter und interessierter Frauen.

In einem Interview mit Peter Coy von der AP meint Hamilton 1986: »Die Hauptsache ist, die Leute sachkundig zu machen – und sie dann dazu zu bringen, das Erlernte zu benutzen.« Auch das, was man heute Qualitäts- und Prozessmanagement nennt, scheint die beharrliche Software-Ingenieurin schon vor Jahrzehnten erfunden zu haben.

Mehr zu starken Frauen aus vergangenen Zeiten gibt es hier.

Text Rüdiger Schmidt-Sodingen

Bilder Wikimedia Commons

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Vorheriger Artikel Funsportgeräte: Spass als Antrieb
Nächster Artikel »Für mich war es immer schon wichtig, authentisch zu sein«