Dirk Rossmann
Interview Karriere

Dirk Rossman hat sich das Thema seines Buches nicht ausgesucht – es hat ihn ausgesucht

21.04.2021
von Matthias Mehl

Vom Drogerieangestellten zu einem der erfolgreichsten Unternehmern Deutschlands – so liesse sich Dirk Rossmanns Werdegang extrem verkürzt zusammenfassen. Nun hat Rossmann im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Kapitel aufgeschlagen: Ende letzten Jahres veröffentlichte er mit «Der neunte Arm des Oktopus» seinen ersten Roman. Ein Bestseller. Wir wollten von Dirk Rossmann wissen, wie und warum er diesen «Next Step» getan hat. Und welche neuen Horizonte er als Nächstes anstrebt.

Dirk Rossmann, Sie haben kürzlich Ihren ersten Roman veröffentlicht. Bevor wir darüber sprechen, lassen Sie uns zuerst Ihren beruflichen Werdegang beleuchten. Der würde ja seinerseits eine gute Buchstory abgeben. 

Vielleicht, aber ich hoffe dennoch, dass mein Buch die aufregendere Geschichte darstellt (lacht). Meine Story nimmt ihren Anfang in den 60er-Jahren. Damals arbeitete ich in der elterlichen Drogerie. 1972, im Alter von 25 Jahren, eröffnete ich in Hannover den ersten Selbstbedienungsladen für Drogeriewaren in ganz Deutschland. Der Erfolg war aussergewöhnlich.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen?

Nun, ich habe zwar nicht studiert – kann aber dennoch eins und eins zusammenzählen. Nichts anderes habe ich damals getan: Ich sah eine grosse Chance, weil die Politik in Deutschland zu dieser Zeit die Preisbindung für Drogerie-Artikel aufheben wollte. Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen, doch früher waren Produkte wie Mundwasser oder Zahncreme preislich gebunden. Anfangs der 70er-Jahre zeichnete sich dann ab, dass sich dies ändern würde. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland rund 80 000 Drogerien, die wie Apotheken geführt wurden. Mir war klar, dass diese Unternehmensstruktur viel zu aufwendig und damit zu teuer war. Darum übertrug ich das Prinzip der Selbstbedienung, die man vom Supermarkt her ja bereits kannte, auf die Drogerien. Für uns liegt das auf der Hand – doch damals war ich der erste von 80 000 Drogerie-Betreibern gewesen, der auf diese Idee kam. Diese Art des lösungsorientierten Denkens hat mir schon immer geholfen.

Und der Erfolg gibt Ihnen recht: Heute ist Ihr Unternehmen mit rund 2200 Filialen die zweitgrösste Drogeriemarktkette Deutschlands. Das Magazin «Forbes» listete Sie im Jahr 2016 auf Platz 50 der reichsten Deutschen. Worauf führen Sie diesen langfristigen Erfolg zurück?

Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe. Gleichzeitig darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass mein Werdegang nicht einfach eine ununterbrochene Erfolgsstory war. In den 90er-Jahren beispielsweise ging es dem Unternehmen vergleichsweise schlecht. Doch dank meiner Zähigkeit sowie meines stoischen Durchhaltevermögens konnte ich die Firma letztlich durch diese Krise führen. Ich bin der Ansicht, dass viele Menschen in ihrem Leben zu früh aufgeben und sich dadurch entscheidende Chancen entgehen lassen. Bei mir ist das anders: Wenn ich Widerstände habe, werde ich erst richtig gut. Natürlich konnte und kann ich zudem auf hervorragende Leute zählen, die mich in den verschiedenen Phasen des Unternehmensaufbaus und der -führung unterstützt haben.

Eine typische Manager-Krankheit ist das Burn-out. Hat Sie dieses während Ihrer Karriere auch mal ereilt?

Mein Arzt meinte während der damaligen Krisenzeit zu mir, ich sollte weniger arbeiten und kürzertreten. Doch ich tat das Gegenteil. Denn wenn man einen Betrieb führt und nicht weiss, ob man die Angestellten bezahlen kann, ist es nicht die Arbeit, die einen in den Wahnsinn treibt – sondern die Angst. Mir macht Arbeit Spass und darum habe ich es nie als Bürde empfunden, viel arbeiten zu müssen oder zu dürfen. Aber natürlich ist alles letztlich eine Frage der Balance.

Ein schönes Stichwort. Sie haben mittlerweile die operative Führung Ihres Unternehmens in die Hände Ihrer Söhne übergeben. Ende letzten Jahres konnte man sich nun erstmals von Ihren Talenten als Buchautor überzeugen. Was ist die grössere Herausforderung – ein Buch zu Schreiben oder ein Unternehmen aufzubauen?

Das ist nicht so einfach zu beantworten, denn der Aufbau des Unternehmens hat viele Jahre in Anspruch genommen. Zudem war ich in diesem Feld ein Profi, ich kannte das Drogerie-Business aus erster Hand. Im Gegensatz dazu stellt «Der neunte Arm des Oktopus» meinen ersten literarischen Gehversuch dar. Dieser Schritt, dieser «Next Step», war äusserst anspruchsvoll und dementsprechend anstrengend für mich.

Wie äusserte sich das?

Ich wachte im Dezember 2019 zwei Wochen lang jede Nacht um vier Uhr morgens auf. Man könnte sagen, dass ich mich in einer Art Limbus befunden habe. Die groben Züge der Roman-Handlung kamen im Schlaf zu mir. Und sobald ich wach war, gab ich der Geschichte Konturen. Zuvor hatte ich noch nie in meinem Leben zwanghafte Züge gezeigt. Das änderte sich in dieser Zeit, denn in mir brannte das unbändige Bedürfnis, diese Geschichte zu Papier bringen.

Moment – Sie haben die Story Ihres Romans «erträumt»?

Ja. Und die Umsetzung bereitete mir Schwierigkeiten. Ich war ein halbes Jahr lang extrem schlecht gelaunt. Das war wirklich eine schwierige Zeit für mich, weil ich noch niemals zuvor etwas Ähnliches gemacht hatte. Meine Frau liess mich wissen, dass ich in dieser Zeit absolut unerträglich gewesen sei (lacht). Dennoch ist es mir schlussendlich gelungen, mit Unterstützung. Denn weil das Thema so komplex ist, habe ich mir ein Team von zehn bis zwölf
Rechercheur*innen aufgebaut, die mir beim Erarbeiten der Zusammenhänge und der Details unter die Arme griffen. Diese Arbeitsweise sagt mir sehr zu, denn ich bin generell ein Teamplayer.

Worum geht es in Ihrem Roman denn konkret – und warum haben Sie sich für Ihr Debütwerk ein offenbar so komplexes Thema ausgesucht? 

Oh, ich habe mir das Thema nicht ausgesucht – es hat mich ausgesucht. Die Grundthematik liegt seit Jahren wie ein Schatten über uns, darum habe ich wohl auch davon geträumt: Es geht um die Klimakrise. In meinem Roman «Der neunte Arm des Oktopus» kreiere ich das Szenario, in welchem die drei globalen Grossmächte USA, China und Russland sozusagen «mit der Brechstange» den Klimawandel aufhalten wollen. Zu diesem Zweck verfolgen sie drei wesentliche Ziele: eine radikale CO2-Senkung, die Begrenzung der Weltbevölkerung sowie eine totale weltweite Abrüstung.

Natürlich stellt sich aber die Frage, ob diese Klima-Allianz das Ruder noch herumreissen kann. Und weil die geplanten radikalen Massnahmen gravierend in das Leben der Menschen eingreifen, sind natürlich längst nicht alle bereit, diese neue Ausgangslage einfach so hinzunehmen. Dementsprechend bringen sich die Gegner der Allianz in Position, weil sie ihre ökonomischen und machtpolitischen Interessen gefährdet sehen. Und als sich die Situation dramatisch zuspitzt, liegt das Schicksal der Erde plötzlich in den Händen eines schüchternen Kochs und einer unscheinbaren Geheimagentin. Doch so ernst die Thematiken des Buches auch sind: Es gibt im Roman durchaus auch lustige Momente. Das war mir ein Anliegen.

Und über fehlenden Erfolg können Sie sich auch bei Ihrem ersten Buchprojekt nicht beklagen. 

Nein, wirklich nicht. «Der neunte Arm des Oktopus» kam am 16. November letzten Jahres raus. Das war nicht der schlauste Schachzug, denn nur Wochen zuvor hatten sowohl Sebastian Fitzek als auch Charlotte Link neue Werke veröffentlicht. Sich als Neuling mit diesen literarischen Grössen zu messen, ist nicht sehr schlau. Und dennoch: Seitdem «Der neunte Arm des Oktopus» herauskam, liegt er auf der Spiegel-Jahresbestsellerliste auf dem fünften Platz. Im letzten Jahr, sprich im November und Dezember, konnten wir 200 000 Bücher an die Frau und den Mann bringen. Dieser Erfolg freut mich natürlich enorm und ich bin dafür sehr dankbar.

Was hat Sie das Schreiben gelehrt?

Oft beschleicht mich das Gefühl, dass ich die Inhalte meines Buches erst im Nachhinein selber richtig verstanden habe. Ich denke, die Zeitspanne von 2020 bis 2030 dürfte die spannendste Zeit des 21. Jahrhunderts werden. Es wird eine Ära der «schwarzen Schwäne» sein. Das Bild des schwarzen Schwans steht für Dinge, die man nie und nimmer für möglich gehalten hat. Corona ist ein solcher schwarzer Schwan. Wir werden nun ganz wichtige Weichen stellen müssen.

Die Kritiken zu «Der neunte Arm des Oktopus» fallen positiv aus. Motiviert Sie das dazu, ein weiteres Buch zu schreiben?

Auf jeden Fall, denn ich bin ein Fantasiemonster und kann mich kaum retten vor Ideen. In meinem Kopf habe ich bereits die Handlungen von drei weiteren Büchern skizziert.

Was dürfte demnach Ihr «Next Step» sein?

Derzeit nimmt mich mein aktuelles Werk noch immer sehr in Anspruch. Momentan sind wir mit rund einem Dutzend Verlagen in verschiedenen Ländern in Verhandlungen, unter anderem auch in Amerika und China. Und auch das Thema «Verfilmung» liegt auf dem Tisch.

Zur Person Dirk Rossmann

Grundlegende Schutzmassnahme
Dirk Rossmann wurde am 7. September 1946 in Hannover geboren. Er ist der Gründer der inhabergeführten Drogeriemarkt-Kette «Rossmann». Deutschlandweit führt das Unternehmen rund 2200 Filialen. Dirk Rossmanns Erfolg gründet auf einer zündenden Idee: Er hat das Prinzip des Selbstbedienungsgeschäfts für Drogeriewaren in Deutschland eingeführt.

Interview Matthias Mehl  Bild Dirk Rossmann GmbH / Amin Akhtar

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