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Künstliche Intelligenz Bildung

Kompetenzen für die Zukunft

16.07.2026
von SMA

Die Schweiz nimmt weltweit einen Spitzenplatz bei den Patentanmeldungen pro Einwohnerin und Einwohner ein. Das ist eine ihrer bedeutenden Stärken. Ihr wichtigster Wettbewerbsvorteil liegt jedoch nicht allein in ihrer Infrastruktur, ihren Technologien oder ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Entscheidend ist vielmehr ihr Humankapital: die Fähigkeit ihrer Bevölkerung, Veränderungen zu verstehen, zusammenzuarbeiten, kritisch zu denken und Wissen in konkrete Lösungen zu überführen.

Selten hat eine Innovation unsere Gesellschaften in so kurzer Zeit derart tiefgreifend verändert. Innerhalb weniger Jahre hat sich die künstliche Intelligenz in Forschung, Industrie, Dienstleistungen, Gesundheitswesen, Verwaltung und Bildung durchgesetzt. Sie schreibt, übersetzt, programmiert, analysiert, fasst zusammen, prognostiziert und unterstützt Entscheidungsfindungen. Ihr Potenzial ist enorm – ebenso die Fragen, die sie aufwirft.

Die öffentliche Diskussion konzentriert sich häufig auf die Leistungsfähigkeit der Modelle, digitale Infrastrukturen, Datensouveränität oder Innovationskraft. Diese Themen sind von zentraler Bedeutung. Sie dürfen jedoch einen noch grundlegenderen Aspekt nicht in den Hintergrund rücken: Der eigentliche Wandel ist nicht nur technologischer, sondern vor allem menschlicher Natur.

Wie jede grosse industrielle Revolution verschiebt auch die künstliche Intelligenz den Stellenwert der Arbeit. Sie tut dies jedoch mit einer bislang unbekannten Geschwindigkeit. Wissen ist heute jederzeit verfügbar und kann individuell aufbereitet werden. Wiederkehrende, analytische oder administrative Aufgaben können zunehmend automatisiert werden. Entscheidend wird deshalb nicht mehr allein sein, was wir wissen, sondern vor allem, wie wir dieses Wissen anwenden können.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob künstliche Intelligenz unsere Berufe verändern wird – sie tut es bereits.

In diesem neuen Umfeld sind die wertvollsten Kompetenzen nicht zwingend die technischsten. Gefragt sind vielmehr jene Fähigkeiten, die es ermöglichen, Informationen einzuordnen, Entscheidungen zu treffen, zusammenzuarbeiten und Neues zu schaffen. Neugier, kritisches Denken, Kreativität, emotionale Intelligenz, die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, zu kommunizieren, im Team zu arbeiten und verantwortungsvoll zu urteilen, werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Denn künstliche Intelligenz ersetzt menschliches Urteilsvermögen nicht – im Gegenteil: Sie macht es noch wichtiger. Je überzeugender die Antworten der Systeme ausfallen, desto entscheidender wird es, sie kritisch zu hinterfragen, ihre Grenzen zu verstehen, Verzerrungen zu erkennen und Verantwortung für die daraus abgeleiteten Entscheidungen zu übernehmen. In einer Welt, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind, wird Urteilsvermögen zu einer strategischen Kompetenz.

Diese Entwicklung verändert auch unser Verhältnis zur Bildung grundlegend. Lange Zeit folgte der berufliche Werdegang einem vergleichsweise einfachen Prinzip: einen Beruf erlernen, ihn während des gesamten Erwerbslebens ausüben und die eigenen Erfahrungen weitergeben. Dieses Modell verliert zunehmend an Bedeutung. Laufbahnen werden vielfältiger und dynamischer. Kompetenzen müssen im Verlauf eines Berufslebens immer wieder aktualisiert, vertieft oder neu erworben werden.

Menschliche Kompetenzen sind längst nicht mehr bloss eine Ergänzung zur fachlichen Ausbildung.

Vor diesem Hintergrund wird die Fähigkeit, zu lernen, wie man lernt, wohl zur wichtigsten Kompetenz überhaupt. Sie entscheidet darüber, ob Menschen sich an technologische Entwicklungen, neue Berufsbilder und die damit verbundenen wirtschaftlichen Veränderungen anpassen können. Bildung ist deshalb nicht länger nur eine Vorbereitung auf das Erwerbsleben – sie wird zu dessen dauerhaftem Bestandteil.

Diese Verantwortung tragen wir in jedem Fall gemeinsam.

Künstliche Intelligenz basiert auf Wahrscheinlichkeiten. Menschliche Intelligenz passt sich konkreten Situationen an. Deshalb müssen Menschen eine echte Kultur des lebenslangen Lernens entwickeln. Unternehmen sollten die Weiterentwicklung der Kompetenzen der Mitarbeitenden ihrerseits nicht als Ausbildungskosten, sondern als strategische Investition verstehen. Ihre Wettbewerbsfähigkeit wird künftig weniger davon abhängen, ob sie über die leistungsfähigsten Technologien verfügen, sondern vielmehr davon, ob sie Talente fördern, Zusammenarbeit ermöglichen und ein innovationsfreundliches Umfeld schaffen.

Auch die öffentliche Hand spielt eine entscheidende Rolle. Sie muss Rahmenbedingungen schaffen, die berufliche Neuorientierungen erleichtern, den Kompetenzausbau unterstützen und einen gerechten Zugang zu Bildung während des gesamten Lebens gewährleisten.

Im Herzen dieses Ökosystems nehmen die Hochschulen eine zentrale Rolle ein. Ihre Aufgabe besteht heute nicht mehr ausschliesslich darin, Fachwissen zu vermitteln. Sie müssen ebenso jene Kompetenzen fördern, die Studierende und Berufstätige befähigen, sich erfolgreich in einem sich ständig wandelnden Umfeld zu bewegen. Fachspezialistinnen und Fachspezialisten auszubilden bleibt unverzichtbar. Noch wichtiger ist es jedoch, Menschen auszubilden, die innovativ sind, die lernen, zusammenarbeiten und Verantwortung übernehmen können.

Je stärker die künstliche Intelligenz unser Verhältnis zu Arbeit und Wissen verändert, desto deutlicher wird: Technologie wird weder Neugier noch Urteilsvermögen, Kreativität oder die Fähigkeit zum Dialog, zur Zusammenarbeit und zum verantwortungsvollen Handeln ersetzen. Im Gegenteil – genau diese Qualitäten gewinnen mit der zunehmenden Leistungsfähigkeit der Maschinen weiter an Bedeutung.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob künstliche Intelligenz unsere Berufe verändern wird – sie tut es bereits. Die eigentliche Frage ist folgende: Werden wir es schaffen, ausreichend in die Kompetenzen zu investieren, die es Frauen und Männern ermöglichen, weiterhin Wert zu schaffen, ihr freies Urteilsvermögen auszuüben und eine innovative, wettbewerbsfähige und demokratische Gesellschaft aufzubauen? Menschliche Kompetenzen sind längst nicht mehr bloss eine Ergänzung zur fachlichen Ausbildung – sie bilden das Fundament unseres Wohlstands und unserer gemeinsamen Zukunft.

Text Luciana Vaccaro, Präsidentin von swissuniversities, der Dachorganisation der Schweizer Hochschulen

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