Ohne leistungsfähige Stromnetze wird Deutschland den Anschluss im KI-Zeitalter verlieren
Andreas Schierenbeck, CEO von Hitachi Energy, über Deutschlands industrielle Zukunft, den Stromhunger der künstlichen Intelligenz und den größten Infrastrukturumbau seit dem Wiederaufbau.

Andreas Schierenbeck
CEO Hitachi Energy
Herr Schierenbeck, viele Ökonominnen und Ökonomen warnen vor einer schleichenden Deindustrialisierung Deutschlands. Teilen Sie diese Sorge?
Die Gefahr besteht. Aber sie ist keineswegs unausweichlich. Deutschland verfügt über eine außergewöhnlich starke industrielle Basis, über innovative Unternehmen und hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Entscheidend wird sein, ob wir die Voraussetzungen schaffen, damit Unternehmen auch künftig hier investieren. Dazu zählen wettbewerbsfähige Energiepreise, moderne Infrastruktur und ausreichend Netzkapazitäten.
Die industrielle Zukunft Deutschlands entscheidet sich nicht irgendwo in ferner Zukunft, sondern in den kommenden Jahren.
Warum ist das so dringend?
Weil die Nachfrage nach Strom in den kommenden Jahrzehnten massiv steigen wird. Wir elektrifizieren industrielle Prozesse, Verkehr und Gebäude. Gleichzeitig entstehen neue Verbraucher, die es in dieser Größenordnung bislang nicht gab: Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und digitale Infrastruktur benötigen enorme Mengen an Energie.
Hinzu kommt, dass KI zunehmend Einzug in industrielle Anwendungen hält. Im Maschinenbau, in der Fertigung, in der Logistik und bei der Steuerung komplexer Produktionsprozesse wird sie zu einem wichtigen Produktivitätsfaktor. Die dafür erforderliche Rechenleistung wächst rasant. Damit wächst auch der Bedarf an einer leistungsfähigen Energieinfrastruktur.
Ist KI tatsächlich ein so großer Energiefaktor?
Absolut. Viele Menschen denken bei künstlicher Intelligenz zuerst an Software oder Chips. Tatsächlich beginnt KI bei der Energieversorgung. Moderne Rechenzentren benötigen enorme Mengen an Strom. Einige Anlagen verbrauchen inzwischen so viel Energie wie mittelgroße Städte. Deshalb sage ich oft: Ohne leistungsfähige Stromnetze gibt es keine KI.
Gleichzeitig wird KI längst nicht mehr nur in Rechenzentren eingesetzt. Wir sehen ihren Einsatz zunehmend in industriellen Anwendungen, etwa im Maschinenbau, in der Fertigung, in der Logistik oder bei der Steuerung komplexer Produktionsprozesse. KI hilft dabei, Anlagen effizienter zu betreiben, Wartungszyklen vorherzusagen oder Energieverbräuche zu optimieren. Dadurch wird sie zu einem wichtigen Treiber der industriellen Transformation.
Der globale Wettbewerb um künstliche Intelligenz wird deshalb nicht allein in Forschungslaboren entschieden. Er entscheidet sich ebenso in Fabriken, Produktionshallen und letztlich beim Ausbau der Energieinfrastruktur, die all das ermöglicht.
Deutschland diskutiert derzeit vielerorts über neue Rechenzentren. Mancherorts regt sich bereits Widerstand.
Das ist verständlich. Menschen sehen den steigenden Energieverbrauch und fragen sich, ob unsere Infrastruktur dafür ausreicht. Hinzu kommen Fragen des Ressourcenverbrauchs, beispielsweise beim Wasserbedarf für Kühlungssysteme. Solche Fragen müssen ernst genommen werden.
Unsere Antwort kann aber nicht sein, Innovation zu verhindern. Vielmehr müssen wir Infrastruktur und Nachhaltigkeit gemeinsam denken. Wenn Deutschland und Europa die Voraussetzungen nicht schaffen, werden Investitionen künftig verstärkt in Regionen fließen, die ihre Energie- und Netzkapazitäten konsequenter ausbauen. China, Indien und Teile der USA investieren bereits heute mit hohem Tempo.
Droht Deutschland wirtschaftlich zurückzufallen?
Ja, diese Gefahr besteht. Wer heute keine ausreichenden Energie- und Netzkapazitäten schafft, wird morgen keine neuen Industrien anziehen. Das betrifft KI ebenso wie Batteriefabriken, Rechenzentren oder Wasserstoffprojekte.
Deutschland hat hervorragende Unternehmen und eine starke industrielle Basis. Entscheidend ist aber, ob daraus Investitionen entstehen. Unternehmen investieren dort, wo Energie verfügbar, bezahlbar und verlässlich ist.
Energiepolitik entscheidet heute über technologische Führungsfähigkeit, Investitionen, Arbeitsplätze und Wohlstand. Wer diese Grundlagen stärkt, schafft die Voraussetzungen für Wachstum. Wer zu lange wartet, verliert an Attraktivität.
Energieinfrastruktur entsteht nicht in Wahlperioden, sondern über Jahrzehnte.– Andreas Schierenbeck, CEO Hitachi Energy
Viele Menschen verbinden Energiewende vor allem mit Windrädern und Solaranlagen. Reicht das?
Nein. Die Erzeugung von Energie ist nur die eine Seite. Strom muss auch transportiert, verteilt und gespeichert werden. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung.
Ein modernes Energiesystem benötigt leistungsfähige Netze, intelligente Steuerung und neue Speicherlösungen. Der Ausbau der Netzinfrastruktur wird in den kommenden Jahren mindestens so wichtig sein wie der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien selbst.
Wie groß ist dieser Umbau?
Historisch betrachtet ist er enorm. Unsere Stromnetze wurden ursprünglich für eine Welt gebaut, in der Strom überwiegend zentral erzeugt und anschließend verteilt wurde. Heute entsteht Energie dezentral, beispielsweise durch Wind- und Solaranlagen. Gleichzeitig entstehen neue Lastzentren durch große Rechenzentren, Elektromobilität oder Wärmepumpen.
Dadurch werden die Systeme deutlich komplexer. Wir sprechen über Millionen zusätzlicher Datenpunkte, neue Stromflüsse und eine wesentlich höhere Dynamik im Netz. Es ist der größte Umbau unserer Energieinfrastruktur seit Generationen.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen wie Hitachi Energy?
Unsere Aufgabe besteht darin, die Infrastruktur bereitzustellen, die diese Transformation ermöglicht: Transformatoren, Schaltanlagen, Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Systeme, digitale Netzsteuerung, Batteriespeicher und viele weitere Technologien.
Vereinfacht gesagt: Wir bauen die Verbindung zwischen der Energieerzeugung der Zukunft und den Verbrauchern von morgen.
Deutschland gilt nicht gerade als Land der schnellen Infrastrukturprojekte. Macht Ihnen das Sorgen?
Deutschland hat erkannt, dass Geschwindigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden ist. Dennoch dauern Genehmigungs- und Planungsverfahren häufig noch zu lange. Während wir diskutieren, bauen andere Länder bereits.
Für die Energiewende ist Zeit inzwischen eine ebenso wichtige Ressource wie Kapital. Infrastruktur muss heute für den Bedarf von morgen geplant werden und nicht für den Bedarf von gestern.
Sie haben kürzlich den neuen Deutschland-Campus von Hitachi Energy in Mannheim eröffnet. Warum war dieser Schritt gerade jetzt wichtig?
Deutschland bleibt für Hitachi Energy einer der wichtigsten Märkte weltweit. Mit dem neuen Campus in Mannheim investieren wir gezielt in die Zukunft und fördern somit die Möglichkeiten für mehr Innovation, Zusammenarbeit und Wachstum und das in einem Gebäude, das im Betrieb klimapositiv ist, also mehr Energie erzeugt, als es verbraucht.
Denn die Energiewende, Digitalisierung und der Ausbau von Infrastruktur stellen Unternehmen vor immer komplexere Aufgaben. Dafür braucht es Orte, an denen unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen und neue Lösungen entstehen.
Der Campus steht deshalb für mehr als ein neues Gebäude. Er ist ein Bekenntnis zum Standort Deutschland und zu unserer Überzeugung, dass die Transformation unseres Energiesystems enorme Chancen für Industrie und Gesellschaft eröffnet.
Wie sieht die Energieversorgung Deutschlands und Europas in 25 Jahren aus?
Sie wird deutlich elektrischer, digitaler und stärker vernetzt sein. Erneuerbare Energien werden eine noch größere Rolle spielen. Gleichzeitig werden grenzüberschreitende Stromverbindungen wichtiger werden.
Energie wird dort erzeugt, wo sie besonders effizient produziert werden kann, und dorthin transportiert, wo sie benötigt wird. Dafür braucht es intelligente Netze, moderne Übertragungstechnologien und eine Infrastruktur, die über nationale Grenzen hinausdenkt.
Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten – welcher wäre das?
Planbarkeit. Energieinfrastruktur entsteht nicht in Wahlperioden, sondern über Jahrzehnte. Unternehmen investieren Milliardenbeträge auf Basis langfristiger Entscheidungen.
Wer Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gleichzeitig erreichen will, braucht verlässliche Rahmenbedingungen und einen langen Atem. Ein enger Austausch zwischen Politik und Wirtschaft ist dabei entscheidend.
Zum Schluss: Sind Sie optimistisch?
Ja. Die gute Nachricht lautet: Die Technologien existieren bereits. Wir wissen, wie klimafreundliche Energie erzeugt, transportiert und intelligent genutzt werden kann.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Geschwindigkeit zu gewinnen. Wenn Deutschland und Europa diese Herausforderung annehmen, können sie zu den Gewinnern dieses Jahrhunderts gehören. Wenn nicht, werden andere Regionen die industrielle und digitale Zukunft prägen. Aber, da Sie mich ja gefragt haben: Ich bin und bleibe Optimist!

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