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Karriere Bildung

Future Skills: Zukunft gestalten, statt Wandel verwalten

16.07.2026
von SMA

Kaum ein Bildungsbegriff ist derzeit so präsent und bleibt zugleich so erklärungsbedürftig wie Future Skills. In Unternehmen, Hochschulen, Weiterbildungen und Strategiepapieren taucht er regelmässig auf. Oft ist damit gemeint, dass Menschen digitaler, agiler, anpassungsfähiger und lernbereiter werden sollen. Angesichts der künstlichen Intelligenz, der Automatisierung und der sich rasch verändernden Berufsbilder ist das nachvollziehbar. Dennoch greift diese Lesart zu kurz. Future Skills sind mehr als eine Liste neuer Kompetenzen, die möglichst schnell erworben werden müssen, um mit dem Wandel Schritt zu halten. Ihr eigentliches Potenzial liegt darin, Zukunft nicht nur als Herausforderung zu verstehen, sondern als Gestaltungsraum.

Viele Inhalte, die heute unter Future Skills diskutiert werden, sind nicht völlig neu. In Bildung, Personalentwicklung und Arbeitsmarktforschung wurden einzelne Kompetenzen, die als Future Skills gelten, bereits unter anderen Begriffen behandelt. Beispielsweise als Schlüsselkompetenzen, überfachliche Kompetenzen, «21st Century Skills» oder Transformationskompetenzen. Neu sind deshalb weniger die einzelnen Kompetenzen selbst. Neu ist ihre Bündelung unter einer expliziten Zukunftsperspektive. Damit verschiebt sich der Fokus. Es geht nicht mehr hauptsächlich darum, auf aktuelle Anforderungen zu reagieren, sondern darum, in offenen, unsicheren und widersprüchlichen Situationen urteils- und handlungsfähig zu bleiben.

Ein Blick auf bestehende Kompetenzrahmen zeigt, wie breit diese Debatte bereits geführt wird. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte und beruhen auf unterschiedlichen Vorstellungen davon, welche Zukunft vorbereitet oder ermöglicht werden soll. Während sich beispielsweise das World Economic Forum (WEF) stark auf den Arbeitsmarkt und wirtschaftliche Entwicklungen konzentriert, setzt der Referenzrahmen des Europarats für Kompetenzen für eine demokratische Kultur einen anderen Akzent: Er rückt Menschenrechte, Demokratie, Teilhabe und das Zusammenleben in kulturell vielfältigen Gesellschaften ins Zentrum. Er macht damit deutlich, dass Future Skills immer auch Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung berühren.

Diese Perspektive ist entscheidend. Wird der Begriff Future Skills nur als Anpassungsprogramm verstanden, entsteht schnell der Eindruck, Menschen müssten vor allem schneller, resilienter und verwertbarer werden. Dann wird Bildung zur Reaktion auf Druck. Doch die entscheidenden Zukunftsfragen lauten nicht nur: Welche Kompetenzen verlangt der Arbeitsmarkt morgen? Oder: Welche Technologien müssen wir beherrschen? Sondern auch: Welche Art von Zukunft wollen wir ermöglichen? Wie wollen wir arbeiten, lernen, entscheiden, Verantwortung übernehmen und miteinander leben?

Wer sich mit Kompetenzrahmen auseinandersetzt, sollte deshalb auch bestehende Narrative kritisch hinterfragen. Diese setzen Grenzen des Denkbaren und bestimmen mit, welche Zukünfte als möglich erscheinen und welche ausgeblendet werden. Und weil gesellschaftliche Entwicklungen dynamisch verlaufen, müssen auch Kompetenzrahmen immer wieder überprüft und weiterentwickelt werden. Sie sollten nicht nur auf absehbare Veränderungen reagieren, sondern helfen, unterschiedliche Szenarien zu denken und zukünftige Entwicklungen mitzugestalten.

Vor diesem Hintergrund ist der Begriff Future Skills dann besonders produktiv, wenn er nicht als weitere Kompetenzliste verstanden wird. Listen können Orientierung schaffen, bergen aber die Gefahr, Zukunft in einzelne Anforderungen zu zerlegen, die man abhaken kann. Genau das widerspricht dem Kern des Begriffs. Future Skills sind weniger ein fertiger Katalog als eine Einladung, Bildung neu zu rahmen: als Befähigung zur Orientierung und zur Gestaltung in einer offenen Zukunft.

Weiterbildung zu Future Skills sollte somit nicht primär der Selbstoptimierung dienen, sondern einen sinnvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel ermöglichen. Sie kann unterschiedliche Lebensrealitäten und Zukunftsvorstellungen aufnehmen, statt von einem einheitlichen Zukunftsbild auszugehen. Zugleich kann sie anerkennen, dass Zukunft weder linear noch eindeutig ist. Deshalb braucht es Lernräume, in denen Mehrdeutigkeiten bearbeitet, Annahmen hinterfragt und neue Denkweisen erprobt werden können.

Vieles davon geschieht in der Weiterbildung bereits. Menschen besuchen Weiterbildungen nicht nur, um neues Wissen zu erwerben. Sie vergleichen Perspektiven, reflektieren ihre Rolle, bearbeiten konkrete Herausforderungen und entwickeln neue Denk- und Handlungsweisen. Weiterbildung ist damit längst ein Ort, an dem Zukunftsfähigkeit entsteht.

Gleichzeitig geschieht dies häufig implizit. Darauf verweist die Studie «Future Skills in der Weiterbildung» des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Die Ergebnisse zeigen, dass Future Skills in der Weiterbildungspraxis bereits eine relevante Rolle spielen, der Begriff selbst aber oft nicht ausdrücklich verwendet wird. Entsprechende Kompetenzen werden vielmehr über Inhalte, didaktische Konzepte und methodische Zugänge mitbearbeitet. Wenn Weiterbildung diese implizite Arbeit an Future Skills sichtbarer macht, verändert sich auch der Blick auf ihren Auftrag. Sie vermittelt dann nicht nur Kompetenzen, sondern eröffnet Räume, in denen Menschen ihre Rolle in möglichen Zukünften reflektieren können.

Dafür müssen wir Zukunft allerdings anders verstehen: nicht in erster Linie als Prognose, sondern vielmehr als Gestaltungsfrage. Welche Fähigkeiten wichtig werden, hängt auch davon ab, welche Zukunft wir als Gesellschaft anstreben. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Welche Kompetenzen müssen wir erwerben, um der Zukunft gewachsen zu sein? Sondern umfassender: Welche Zukunft wollen wir mit unseren Fähigkeiten ermöglichen? Genau darin liegt die Stärke des Begriffs Future Skills. Er lädt dazu ein, Zukunft nicht nur zu erwarten, sondern mitzugestalten.

Text Dr. Helen Buchs, Verantwortliche Think-Tank Transit des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung SVEB

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