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Bildung

«Ich komme nach Hause und bringe Kay mit»: Wie Problemlösung möglich wird

16.07.2026
von Pia Soldan

Man rette den kleinen Kay aus den Fängen der Schneekönigin. Das ist die Aufgabe, vor der Kays Freundin Gerda in Hans Christian Andersens Märchen steht, nachdem der Junge entführt wurde. Doch zunächst fehlt dem Mädchen jede Informationsgrundlage, weiss Gerda doch nicht einmal, wo Kay sich befindet: Ein Problem, das es zu lösen gilt.

Zu allem Übel ist Gerda ein kleines Mädchen, ausgestattet mit den Mitteln eines Kindes. Angesichts einer Aufgabe, die man von vornherein als zum Scheitern verurteilt betrachten könnte, macht Gerda sich dennoch auf den Weg, um sich der Herausforderung zu stellen. Allein diese Entscheidung ist der erste grundlegende Schritt. Was Andersen in seinem Märchen verarbeitet, ist bis heute ein Alltagsphänomen: Strategien zu finden, um die eigenen Probleme zu lösen, auch wenn sie noch so weit entfernt und schemenhaft erscheinen.

Wie sich Selbstwirksamkeit auf die Problemlösefähigkeit auswirkt

In ihrem Artikel «Selbstwirksamkeit» listet Psychologin Sarah Ortmann verschiedene Strategien auf, die Haltung zu den eigenen Fähigkeiten positiv zu verändern. Einen Teil ihres Ansatzes bildet die «Schritt für Schritt»-Methode. Statt sich von Beginn an der Überforderung geschlagen zu geben, zielt dieses Vorgehen darauf ab, den langen Weg zum Ziel in kleine Abschnitte zu unterteilen. Hierfür gilt es zunächst für sich die Frage zu beantworten, worin der erste Schritt besteht, und ein entsprechendes Zwischenziel zu definieren.

Gerdas erstes Ziel ist schnell gefunden: «Ich will meine neuen, rothen Schuhe anziehen, […] die, welche Kay nie gesehen hat, und dann will ich zum Fluss hinuntergehen und den nach ihm fragen!» Intuitiv wählt Gerda eine weitere von Ortmann benannte Strategie: sich Hilfe zu holen. «Du profitierst vom Wissen und den Fähigkeiten anderer und beweist dir selbst, dass du die Fähigkeit hast, effektiv auf ein Netzwerk zurückzugreifen», schreibt die Psychologin. Dies erhöhe die gefühlte Kontrolle über die Situation und stärke die Überzeugung, dass auch komplexe Ziele erreichbar sind.

Der Umgang mit Fehlern

Natürlich weiss Gerda nicht, ob der Fluss ihr helfen kann. Aber auf unbekannten Wegen finden sich nur diejenigen zurecht, die etwas ausprobieren. Sicher ist nur eines: Auf der Stelle zu stehen, führt nicht zum Ziel. Doch in der falschen Richtung unterwegs zu sein, ist häufig massiv angst- und schambehaftet. «Dies ist aus psychologischer Perspektive vor allem dann der Fall, wenn Fehler im Zusammenhang mit Versagen eines zielorientierten Verhaltens oder des Ausbleibens der Zielerreichung gesehen werden», schreibt Psychologin Claude-Hélène Mayer in ihrem Papier «Positive Fehlerkultur als Ressource». Dabei kann ein Fehler geradezu Teil des Zielerreichungsprozesses sein. Nur wer toleriert, Fehler zu machen, kann ausprobieren und lernen.

Innovation und Coping

Grundsätzlich herrsche in der Schweiz ein konstruktiver Umgang mit Fehlern vor, schreiben Anja Feierabend und Delia Meyer vom Center für Human Resource Management (CEHRM) der Universität Luzern. Dieser wirke sich positiv auf die Innovationskraft aus. Existiere der Freiraum aus Fehlern zu lernen, stärke dies innovatives Handeln. Das wiederum ist für jede Problemlösung essenziell, sobald keine vorgefertigten Lösungen vorliegen.

Tatsächlich lässt sich Gerda auf ihrem Weg aufhalten. Eine Zauberin lockt sie in ihr Haus und ihren Garten. Sie verbannt alle Rosen, die das Mädchen an ihren Freund erinnern könnten, mit dem sie stets unter einem Blumenkasten sass, der zwischen ihrer beider Fenster hing. Ausserdem verzaubert sie sie, um sie ihre Pläne, nach Kay zu suchen, vergessen zu lassen. Eine Rosenblüte an ihrem Hut übersieht die Zauberin jedoch. Als Gerda diese entdeckt, erinnert sie sich an ihren Freund und verlässt Haus und Garten. Kurz ärgert sie sich, dass es über die versäumte Zeit hinweg Herbst geworden ist. Dann richtet sie ihre Aufmerksamkeit schnell wieder auf ihr Ziel.

Erwartung und Leistung

Erfolgversprechend kann im Umgang mit Fehlern eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung sein. So könnte man aus einem begangenen Fehler induktiv schliessen, in Zukunft weitere Fehler zu begehen und im schlimmsten Fall niemals ans Ziel zu gelangen. Menschen aber, die davon überzeugt sind, die Umwelt mithilfe der eigenen Kompetenzen beeinflussen zu können, «gehen schwierige Aufgaben eher an und verfolgen sie mit mehr Ausdauer, als dies weniger selbstwirksame Personen tun, wodurch sich Selbstwirksamkeitserwartung indirekt auf Leistung auswirkt», wie Sozialpsychologin Prof. Dr. Lisa Marie Warner im Lexikon der Psychologie schreibt.

Anstatt ihre Suche aufzugeben, erinnert sich Gerda an die Grossmutter und an deren Sorge um die beiden Kinder. «Aber ich komme bald wieder nach Hause und dann bringe ich Kay mit.» Am Ende dieses Satzes steht ein Punkt, der Gerdas Überzeugung erkennen lässt, erfolgreich zurückzukehren.

Problemlösung braucht das richtige Umfeld

Selbstwirksamkeitserwartung fällt nicht vom Himmel. «Autonomie, Aufgabenvielfalt und Partizipation sind die wichtigsten Arbeitsmerkmale, um Innovation zu fördern», konstatieren die Wissenschaftlerinnen des CEHRM. Nur unter den richtigen Voraussetzungen ist der Mensch in der Lage, seine Komfortzone zu verlassen, was laut Psychologin Ortmann ein wesentliches Element der Problemlösung darstellt.

Auf ihrer Suche scheut Gerda keine Mühe. Bis zum Zusammenbruch erschöpft gelangt sie zu einem Schloss, in dem Prinz und Prinzessin sie wieder aufpäppeln. Auf ihrem weiteren Weg bringt ein Räubermädchen Gerda das Kämpfen bei und stattet sie mit warmer Kleidung und einem Rentier aus. Eigentlich möchte das Räubermädchen die neue Spielgefährtin gar nicht gehen lassen. Indem sich das Kind dennoch dafür entscheidet, ermöglicht es Gerda, ihr Problem weiter anzugehen und ihr Ziel zu verfolgen. In der Eiseskälte des Nordens retten Handschuhe, Stiefel und Reittier ihr das Leben.

Schliesslich gelingt es Gerda, das Schloss der Schneekönigin und den kleinen Kay zu finden und nach Hause zurückzubringen. Wer ein Problem lösen will, ist auf eines angewiesen: ein Umfeld, das freies Handeln ermöglicht und Unterstützung bietet, ohne einzuschränken.

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