Junge Frau
Business Women

Die Frauen von heute

11.06.2021
von Jenny Kostoglacis

Frau Maya Graf, Ständerätin des Kantons Basel-Landschaft und Co-Präsidentin alliance F, klärt über die Wichtigkeit der Frauen in unserer Gesellschaft auf.

Maya Graf

Maya Graf

Frau Maya Graf, glauben Sie, dass Diversität und Inklusion in der Arbeitswelt so fortschrittlich sind, wie sie sein könnten?

Nein, denn Frauen sind in der Arbeitswelt nach wie vor im höheren Management untervertreten und in schlecht bezahlten Berufsfeldern übervertreten. Dazu kommt, dass der unerklärbare Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern laut der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik 2018 im Mittel der Gesamtwirtschaft immer noch 8,1 Prozent beträgt.

Können Sie die Hauptprobleme schildern?

Ganz klar: die Rahmenbedingungen. Im Bereich der familienexternen Kinderbetreuung liegt die Schweiz in Europa auf den hintersten Rängen. Wir haben also in der reichen Schweiz noch immer keine flächendeckend bezahlbare externe Betreuung für Kinder. Nicht zu vergessen ist auch Folgendes: während Frauen weiterhin mehrheitlich Haushalt und Kinderbetreuung übernehmen, orientiert sich die berufliche Karriereförderung nach wie vor an der männlich geprägten 100 Prozent Erwerbsbiografie. Daher müssen die Elternzeit, die Individualbesteuerung und Massnahmen gegen die Lohndiskriminierung ebenso auf die politische Agenda. Damit diese Rahmenbedingungen umgesetzt werden können, braucht es dringend mehr Frauen in allen politischen Ämtern.

Wie sollte die Schweizer Gesellschaft grundlegende Voraussetzungen für Fairness in der Berufswelt schaffen?

Durch eine konsequente Förderung von Frauen, die ab der Ausbildung beginnt und junge Frauen mit Mentor:innenprogrammen, Arbeitsmodellen, Vernetzungsinitiativen und Karriereplanung auch dann unterstützt, wenn die Phase der Familienplanung startet. Dazu müssen sich aber vor allem die Rollenbilder der Vorgesetzten ändern, denn es ist mittlerweile mehrfach erwiesen, dass gemischte Teams bessere Leistungen erbringen.

Können Sie das noch etwas genauer erläutern?

Die Diversität und somit auch die Chancengleichheit im Arbeitswesen sind nicht kurzfristig erreichbar und brauchen eine Personalpolitik, die sich mit einer klaren Roadmap und Meilensteinplanung über mehrere Jahre auf dieses Ziel hin ausrichtet. Gerade in männlich dominierten Branchen ist dies besonders wichtig. Dazu gehört aber vor allem auch eine bewusste Veränderung der Betriebskultur, die beiden Geschlechtern die Bedeutung der Firmenpolitik, veränderter Führungsstile und Teamkulturen vorlebt. Ein solcher Wandel muss top-down verankert und wirklich gelebt werden.

Obwohl man heute Fortschritte macht, gibt es immer noch keine gleichmässige Vertretung von Männern und Frauen in Führungspositionen. Wo fängt dieses Problem an und wie soll es zukünftig gehandhabt werden?

Momentan haben wir politisch immerhin eine anzustrebende Frauenquote für Geschäftsleitungen (20 Prozent) und Verwaltungsräte (30 Prozent) grösserer börsenkotierter Unternehmen in der Schweiz durchgebracht. Damit mehr Frauen Führungspositionen aufnehmen, sollten sie schon bei der Rekrutierung stärker berücksichtigt und anschliessend in den einzelnen Karriereschritten kontinuierlich und proaktiv begleitet sowie gefördert werden. Pools, aus denen sich spätere Führungskräfte rekrutieren, sollten von Anfang an optimalerweise bis zu mindestens 50 Prozent weiblich sein.

Wie Sie selbst schon erwähnt haben, bestätigen mehrere Studien, dass das Problem der Chancengleichheit am Arbeitsplatz durch die Nichtvereinbarung von Beruf und Familie aufkommt. Was muss sich in der Zukunft ändern, damit man Privates und Berufliches besser miteinander koordinieren kann?

Indem Unternehmen anfangen, Job-Sharing-Modelle einzuführen oder Männer stärker in die Verantwortung für die Familienarbeit eintreten können und Arbeitszeitmodelle stärker flexibilisiert werden. Das heisst beispielsweise über Jahresarbeitszeitkonten, wie wir sie zum Teil schon in der Verwaltung kennen. Mit solchen Modellen können sich die Arbeitnehmenden problemfreier etwa mit Blick auf die Schulferien oder bei Krankheiten der Kinder koordinieren.

Kommen wir zum Thema Salär. Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern zeigen sich schon zu Beginn der beruflichen Laufbahn. Was muss von unserer Gesellschaft unternommen werden, um der Gender-Pay-Gap keine Chance zu bieten?

Das beginnt bereits bei der Lebensplanung von Mädchen und manifestiert sich bei der Berufswahl. Noch heute fehlt es an der Vielfalt von starken Berufsfrauen als Vorbilder. Frauen müssen bei der Familiengründung von Anfang auch innerfamiliär auf gleiche Rechte und Pflichten bei der Haushaltsführung und Kinderbetreuung bestehen und sich nicht automatisch in einer Teilzeitnische einrichten, die ihrer ökonomischen Unabhängigkeit schaden kann.

Verschiedene Studien zeigen, dass Frauen Lohneinbussen erleiden, sobald sie Mütter werden. Was sagt dies über unsere heutige Gesellschaft aus?

Dass wir vom Pathos der reinen Leistungsgesellschaft wegkommen müssen und die Werte und Erfahrungen schätzen lernen, die gerade arbeitstätige Mütter und Väter in einen Betrieb, in die Wirtschaft und die Gesellschaft einbringen. Die Vereinbarkeit mit Familienarbeit ist ein gesellschaftlich hoher Wert und für die Zukunftsperspektive einer Gesellschaft schlicht ausschlaggebend. Ihm und der Pflegearbeit von Angehörigen bei einer älter werdenden Bevölkerung wie in der Schweiz wird aber – weil es angeblich nicht geldwerte Leistungen sind – viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Die Wichtigkeit der Lohngleichheit ist nicht nur für Frauen relevant, sondern auch für die Wirtschaft und Sozialstruktur. Können Sie etwas näher darauf eingehen?

Die faktische Lohngleichheit für gleiche Arbeit ist die Basis für die gelebte Gleichberechtigung der Geschlechter und ein Verfassungsauftrag. Wenn Frauen im Durchschnitt 684 Franken weniger Lohn pro Monat erhalten, nur weil sie Frauen sind, ist das nicht nur nicht akzeptabel, sondern auch ökonomisch schädlich. Das Geld fehlt den Frauen nicht allein in der Familienkasse, sondern auch in der Altersvorsorge oder bei einem Erwerbsausfall. So können Frauen in eine Art Ungleichheitsspirale geraten, indem sie im Lauf ihres Lebens immer wieder aufs Neue sozio-ökonomisch gegenüber den Männern benachteiligt sind.

Text Evgenia Kostoglacis 

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