Interview von Marlène von Arx

Gal Gadot: «Alles hat seinen Preis»

Die Schauspielerin Gal Gadot hat die DC Comic-Figur «Wonder Woman» einer neuen Generation nähergebracht – nicht nur vor, sondern auch als mittreibende Kraft hinter der Kamera. Aber auch Superheldinnen feiern nicht nur Erfolge, das weiss die Israelin selbst nur zu gut.

Gal Gadot, Sie spielen nicht nur Diana Prince, besser bekannt als «Wonder Woman» im Kino, Sie sind auch hinter den Kulissen als Produzentin dieser Filmserie tätig. Welche Message wollen Sie mit der «Wonder Woman»-Figur jungen Mädchen auf den Weg geben?

Wir zeigen jungen Mädchen, dass sie generell fähig sind und Unglaubliches leisten können. Ich glaube fest daran, dass wenn man etwas vor sich sieht, man träumen kann, es zu werden. Zu Beginn von «Wonder Woman 1984» sehen wir die achtjährige Diana, wie sie kämpft – aber nicht mit Fäusten und männlicher Aggressivität, sondern auf eine weibliche Art. So hat man das noch nie gesehen.

Bei den «Wonder Woman»-Filmen trägt mit Regisseurin Patty Jenkins erstmals eine Frau die Verantwortung für solche Blockbuster-Streifen. Inwiefern hat Ihre Zusammenarbeit Frauen in Hollywood gestärkt?

«Wonder Woman» kam in die Kinos, als die #MeToo- Bewegung gerade anfing und der Feminismus neuen Auftrieb erfuhr. Es war der perfekte Zeitpunkt für den Film. Die weibliche Sichtweise war aber bereits von Anfang an in der DNA des Projekts, da Filmemacherin und Hauptfigur Frauen waren. Etwas vom Tollsten an den «Wonder Woman»-Filmen ist für mich, dass ich mit vielen starken und intelligenten Frauen zusammenarbeiten kann. Das fühlt sich auch ganz natürlich an. Letztlich wollen wir alle das Gleiche, nämlich den besten Film machen.

Was braucht es für mehr Gleichstellung?

Ein sicheres, gesundes Arbeitsklima ist das A und O. Wenn nicht genügend Frauen in Schlüsselpositionen sind, gibt es Probleme. Das Klischee stimmt nämlich: Ermächtigte Frauen ermächtigen andere Frauen – das will nichts gegen Männer sagen. Sondern es geht einfach darum, Gleichstellung zu erzielen.

Anfänglich gab es auch eine Debatte bezüglich ungleichen Lohns zwischen Frauen und Männern bei solchen Blockbustern. Das finden Sie sicher auch unfair?

Ich sage es so: Warner Bros. hat mir mit der Rolle eine grosse Chance gegeben. Ohne sie würde ich jetzt nicht hier sitzen und ich war mit meinem Deal zufrieden. Aber natürlich kann man immer etwas verbessern. Ich bin sehr glücklich, dass Patty einen guten Deal machen konnte, weil das in Zukunft mehr Frauen, besonders Regisseurinnen hilft. Klar will ich, dass alles fair ist – das war mir schon immer wichtig und die Verantwortung für die «Wonder Woman»-Rolle verlangt es zudem, dass ich dafür sorge, dass alles richtig abgewickelt wird.

Sie haben sich Ihre Träume erfüllt. Wie fühlt sich das an?

Toll, aber alles hat seinen Preis. Erfolg ist nicht gratis. Misserfolg hat auch seinen Preis. Je höher der Einsatz, desto mehr steht auf dem Spiel. Es ist in unserem Wesen immer mehr zu wollen. Wo hört es auf? Man kann auch glücklich sein mit dem, was man hat. Das hat man gerade auch während der Pandemie gemerkt.

Wie meinen Sie das?

Die magischsten Momente sind die einfachen. Einfach zu Hause zusammen zu sein. Man braucht nicht in einem tollen Hotel an einem tropischen Strand zu sein. Man ist irgendwie mehr präsent, wenn man zu Hause zusammen kocht und Monopoly spielt. Jedenfalls ging es mir so. Das habe ich sehr geschätzt.

Am Anfang der Pandemie haben Sie mit anderen Prominenten zusammen John Lennons «Imagine» gesungen und als Ketten-Video ins Netz gestellt. Der Effort wurde nicht nur positiv bewertet. Hat Sie das überrascht?

Es hat mich schon ein bisschen überrascht. Nicht immer, wenn man etwas Gutes tun will, ist es auch gut genug. Ich hatte nur die besten Absichten. Ich wollte damit ausdrücken, es geht uns allen gleich. Am Anfang war es nur eine kleine Idee, aber dann hat [«Wonder Woman 1984» -Co-Star] Kristen Wiig noch ihre Musiker-Freunde angerufen. Die Reaktionen sind, was sie sind. Ich kann nur mir selbst treu bleiben.

«Wonder Woman 1984» wurde wegen der Pandemie immer wieder verschoben. Schliesslich war er gleichzeitig auf dem Streamer HBO Max und im Kino, wo sie denn offen waren, zu sehen. Es war der erste Event-Film, der so vermarktet wurde. Was halten Sie davon?

Dieser Entscheid war sicher nicht einfach und letztlich ging es auch nicht nur ums Geld. Der Film ist relevant und wenn er in der schwierigsten Zeit etwas Freude in die Haushalte bringen konnte, dann bin ich sehr dankbar. Wer weiss, wann und ob die Leute je wieder normal ins Kino gehen werden. Ich bin eine grosse Verfechterin des Kinos. Wir haben den Film fürs Imax-Kino gedreht. Ich kann nur hoffen, dass die Kino-Erfahrung immer noch ein Bedürfnis ist, wenn wir Covid überwunden haben.

Wie optimistisch sind Sie, dass es wird wie vorher?

Es braucht Zeit, aber es wird wieder wie vorher. Die Streaming-Kultur wurde beschleunigt, aber die Kinos werden ein Comeback erleben. Man kann ja auch Musik via Spotify und Apple kaufen und trotzdem wollen die Leute noch an Konzerte.

Sie kommen nicht aus einem englischsprachigen Land. Öffnet sich Hollywood nun vermehrt für internationale Schauspieler und Schauspielerinnen?

Ich kann es immer noch nicht richtig fassen, dass eine Israelin Wonder Woman spielt. Mal sehen, wie ich in dreissig Jahren darauf zurückblicke. Aber es stimmt: Die Welt ist internationaler und offener geworden. Netflix ist überall. Es dreht sich nicht mehr alles nur um die amerikanische Kultur und daher gibt es mehr Platz für internationale Schauspieler. Da bin ich und sicher auch Pedro Pascal [der Bösewicht in «Wonder Woman 1984»] sehr froh darüber.

Mit 18 wurden Sie zur Miss Israel gewählt und Sie haben auch Ihren Militärdienst in Ihrem Heimatland absolviert. Dann wollten Sie eigentlich Internationale Beziehungen studieren, aber James Bond hat Sie daran gehindert?

In gewisser Weise. Die Schauspielerei war eigentlich nie Thema für mich. Ich habe getanzt und ich mochte das Theater, aber mein Vater ist Ingenieur und meine Mutter Lehrerin. Es war also klar, dass ich etwas studieren würde. Dann gab es ein Casting für den Bond-Film «Quantum of Solace» – auf Englisch – und ich war ja keine Schauspielerin, deshalb wollte ich zuerst gar nicht hin. Aber dann ging ich trotzdem…

Sie bekamen die Rolle nicht, aber kurz darauf klappte es mit «Fast & Furious»… 

Ja, ein Kameratest führte zum nächsten und ich dachte, vielleicht eröffnen sich mir hier ganz neue Möglichkeiten. Und Spass machte es auch. Meine Eltern waren nicht begeistert, aber mein Mann meinte auch, studieren könne ich noch lange, ich soll es doch mal ausprobieren und dann entscheiden. Er ist eben der Wind unter meinen Flügeln…

Sie waren recht jung, als Sie den Immobilienmakler Yaron Varsano geheiratet haben.

Ja, mit 23. Während der Dreharbeiten zu «Wonder Woman 1984» feierten wir unseren zehnten Hochzeitstag. Er überraschte mich mit einem romantischen Abend und hielt nochmals um meine Hand an – dieses Mal auf einem Knie, weil er das damals nicht machte. Die jüdische Kabbalah lehrt Paare, dass man immer das Wohl des Partners oder der Partnerin vor Augen haben und gegenseitig das Beste für den anderen wollen sollte. Ich habe genau so einen Partner. Zusammen können wir die Welt erobern!

Sie haben zwei Kinder und erwarten  gerade das dritte. Bringen Sie Beruf und Familie gut unter einen Hut?

Die grösste Suche meines Lebens ist die des Ausgleichs. Das verstehen vermutlich viele arbeitende Mütter und Väter. Meine Tochter fragte mich, wieso ich nicht wie andere Mütter mal zu spät zur Arbeit kommen könne, als ich nicht an ihr Schulkonzert gehen konnte. Ich musste ihr erklären, dass dann die ganze Crew nicht arbeiten kann, weil sie niemanden zum Filmen haben. Wie eingangs gesagt: Es hat alles seinen Preis.

Kinder stehen auch im Zentrum Ihres wohltätigen Engagements. Sie unterstützen die Organisation Pencils of Promise, die den Zugang zu Schulen für alle Kinder auf der Welt ermöglichen will. Ist Ausbildung ein Herzensanliegen von Ihnen?

Ja. Als ich in Zahlen erfahren habe, wie viele Kinder keinen Zugang zu einer Schule haben, hat mir dies das Herz gebrochen. Die Kinder sind doch die Zukunft von allem: Wie auch immer sich die Gesellschaft, die Wirtschaft, das Klima entwickeln – sie brauchen doch alle Werkzeuge, um die Welt zu führen, wenn wir nicht mehr da sind.

Wovor haben Sie am meisten Angst, wenn Sie an die Zukunft denken?

Vor vielem. Was mir im letzten Jahr besonders aufgefallen ist: Die Welt könnte etwas mehr Liebe vertragen. Zurzeit gibt es nicht viel Toleranz und Geduld, was die Meinung anderer betrifft. Ich wünschte, wir kämen mehr aufeinander zu und würden auch davon ausgehen, dass die anderen gute Absichten haben.

Und wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus? Als Nächstes wollen Sie angeblich Kleopatra spielen. Was können Sie darüber bereits verraten?

Noch nicht viel. Patty Jenkins wird auch hier inszenieren. Wir arbeiten am Drehbuch. Wenn man an Kleopatra denkt, kommt einem ja automatisch Elizabeth Taylor in den Sinn und wie verführerisch sie war. Aber wenn man mal das Leben von Kleopatra genauer anschaut, kommt noch viel mehr zum Vorschein. Wir wollen ihr Tribut zollen und darstellen, was sie sonst noch repräsentierte.

 

Weitere Interviews aus Hollywood sind hier zu finden.

Interview Marlène von Arx  Bild ©HFPA

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

11.06.2021
von Marlène von Arx
Vorheriger Artikel Nicht Frauenfreundlichkeit, sondern Business Exzellenz
Nächster Artikel Die Frauen von heute