Flexibilität als Schlüssel zu einer nachhaltigen Stromversorgung
Der vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE im Januar 2026 erstmals veröffentlichte Stromversorgungs-Index zeigt den erwarteten Versorgungsgrad der kommenden Jahre basierend auf heute zur Verfügung stehenden Informationen zu geplanten Vorhaben und dient als Frühwarnsystem für die Versorgungssicherheit der Schweiz. Die Ergebnisse sind besorgniserregend und zeigen klar: Die Schweiz steht vor einer energiepolitischen Bewährungsprobe. Ohne entschlossene und rasche Massnahmen erreicht die Schweiz im Jahr 2050 nur 69 von 100 Punkten und verfehlt damit die gesetzlichen Ziele in Bezug auf die Versorgungssicherheit deutlich. Besonders kritisch ist dabei die Situation im Winterhalbjahr, in dem die Versorgungssicherheit am stärksten unter Druck steht. Hauptursachen für den tiefen Wert sind vor allem die unzureichende Winterproduktion aus erneuerbaren Energien, der stockende Ausbau des Stromnetzes, mangelnde Flexibilitäten, eingeschränkte Importmöglichkeiten sowie das Fehlen gesellschaftlich tragfähiger Lösungen zur Deckung des zusätzlichen Winterstrombedarfs. Der kontinuierliche Anstieg der Stromnachfrage, der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Ausstieg aus der Kernenergie sowie ein noch fehlendes Stromabkommen prägen das Stromsystem grundlegend und führen ab 2040 zu einer deutlichen Verschlechterung des Index.
Der Stromversorgungs-Index basiert auf fünf zentralen Indikatoren, welche alle für eine langfristig funktionierende Stromversorgung von grundlegender Bedeutung sind: die Stromnachfrage, der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Netzinfrastruktur, die zusätzlichen Produktionskapazitäten sowie die Flexibilität.
Der Weg zu einer sicheren und nachhaltigen Stromversorgung führt also nicht nur über einen Ausbau der Stromproduktion, sondern über ein flexibleres Gesamtsystem.
Der letzte Indikator – Flexibilität – rückt damit ins Zentrum des sich wandelnden Energiesystems und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Denn für eine sichere Stromversorgung braucht es nicht nur mehr Strom, sondern vor allem Strom zur richtigen Zeit. Flexibilität beschreibt die Fähigkeit, Stromproduktion und -verbrauch anzupassen oder zeitlich zu verschieben, um Schwankungen im System auszugleichen. Dadurch sorgt sie dafür, dass dann genügend Strom verfügbar ist, wenn er tatsächlich gebraucht wird.
Mehr erneuerbare Energien erfordern mehr Flexibilität
Die begrenzte Steuerbarkeit der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien stellt das Stromsystem vor grosse Herausforderungen. Denn die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien wie Photovoltaik, Laufwasser- oder Windkraft ist witterungsabhängig – und je stärker die Produktion von Wetter und Tageszeit abhängt, desto grösser werden die Schwankungen im System.
Flexibilität wird dabei zu einem zentralen Hebel für die Versorgungssicherheit und ist ein bedeutender Grundbaustein bei der Integration der erneuerbaren Energien, um die wetterbedingten Unterschiede in der Stromproduktion über Stunden, Tage oder – im Idealfall – sogar saisonal auszugleichen.
Ein flexibles Gesamtsystem
Flexibilität wirkt auf verschiedenen Ebenen: Speicher, seien es Batterien – insbesondere Grossbatterien sowie künftig Batterien von Elektrofahrzeugen – oder Speicherseen, ermöglichen es, Energie zwischenzuspeichern, bis sie tatsächlich benötigt wird. Flexibilität ermöglicht die Abfederung von kurzfristigen Schwankungen im Stromsystem. Flexible Tarife und eine zeitliche Verschiebung von Produktion und Verbrauch helfen, die Netzbelastung zu glätten und den Strom effizient zu nutzen. Dank intelligenter Steuerungen kann der Stromverbrauch automatisiert und gezielt an die aktuelle Produktion angepasst werden. Auch Elektroautos könnten in Zukunft eine wichtige Rolle für ein stabiles, nachhaltiges Energiesystem spielen. Beim bidirektionalen Laden fliesst der Strom in zwei Richtungen: vom Stromnetz respektive von der Ladestation ins Elektroauto und bei Bedarf zurück ins Haus oder wieder zurück ins Stromnetz.
Flexibilität entwickelt sich zu einer tragenden Säule der Energieversorgung und wird zum massgebenden Erfolgsfaktor beim Gelingen der Transformation des Schweizer Energiesystems.
Der Weg zu einer sicheren und nachhaltigen Stromversorgung führt also nicht nur über einen Ausbau der Stromproduktion, sondern über ein flexibleres Gesamtsystem und damit die Anpassung des Konsums.
Gleichzeitig geraten bisherige Marktmechanismen an ihre Grenzen, da sie die produzierte Energiemenge unabhängig vom Zeitpunkt der Einspeisung vergüten und die Bereitstellung von Flexibilität zu wenig fördern. Deshalb braucht es Rahmenbedingungen, die Flexibilität ermöglichen, anstatt sie zu behindern: funktionierende Märkte und klare Anreize, die Investitionen in Speicher und flexible Anwendungen gezielt fördern sowie ein Abbau von Hürden, damit Energieunternehmen flexibel auf neue Anforderungen im Energiesystem reagieren können. Es braucht gezielte Preissignale statt starrer Vorgaben, die die richtigen Anreize zur Nutzung der Flexibilität setzen, sowohl für Anbieter wie auch für Konsument:innen.
Die vollständige Marktöffnung wäre dabei eine Chance, denn sie schafft Wettbewerb und fördert Innovation. Gerade für die Winterversorgung sind leistungsfähige Märkte und eine internationale Vernetzung entscheidend. Eine stärkere Integration in den europäischen Strommarkt würde dabei helfen, Flexibilitätsoptionen grenzüberschreitend zu nutzen und die Versorgung robuster zu gestalten.
Flexibilität entwickelt sich zu einer tragenden Säule der Energieversorgung und wird zum massgebenden Erfolgsfaktor beim Gelingen der Transformation des Schweizer Energiesystems. Denn nur ein anpassungsfähiges System kann die Versorgungssicherheit langfristig gewährleisten.
Text Michael Frank, Direktor VSE

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