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Deutschland Finanzen

KI als Coworker – wie hybride Teams die Steuerarbeit gänzlich neu definieren

06.07.2026
von SMA

Die Steuerberatung steht an einem zentralen Wendepunkt. Es verändern sich nicht nur die Werkzeuge, es verändert sich die Logik der Arbeit. Lange fundierte der Beruf auf Expertenwissen, Erfahrung, besonderer Sorgfalt in der Arbeitsweise und Vertrauensbeziehungen zum Mandanten. Diese Grundlagen verschwinden nicht. Sie werden durch technologische Möglichkeiten jedoch neu sortiert.

Stefan Groß
Managing Partner PSP München, Herausgeber Taxpunk

Künstliche Intelligenz beschleunigt nicht einfach die Recherche oder den Textentwurf. Sie verschiebt den Ort der Wertschöpfung. Routine wandert in Technologie. Fachwissen wandert in kuratierte Quellen und Vektorräume. Der menschliche Beitrag verdichtet sich in Beurteilung, Übernahme von Verantwortung, Einordnung für den Mandanten und erläuternde Kommunikation. 

Der Begriff Coworker trifft diese Entwicklung wohl am besten, weg vom Tool hin zum Duett aus Mensch und Maschine. Ein Tool wird mit vordefinierten Arbeitsschritten punktuell benutzt. Ein Coworker hingegen begleitet uns durchgängig und individuell. Er liest mit, strukturiert vor, erkennt Muster, greift korrigierend ein, stellt Nachfragen, formuliert Entwürfe und markiert offene Punkte. Die berufliche Qualifikation und Verantwortung bleiben dabei stets beim Menschen; der AI-Coworker unterstützt, beschleunigt und erweitert den Arbeitsprozess, ohne ihn zu ersetzen.

Damit entsteht ein gänzlich neues Arbeitsmodell. Auf der einen Seite stehen verlässliche Systeme für Fristen, Berechnungen, Pflichtangaben und Nachweise. Auf der anderen Seite stehen probabilistische Systeme, die mit Sprache, Kontext und offenen Sachverhalten umgehen. Ihre Stärke liegt nicht in der abschließenden Würdigung, sondern in der intelligenten Vorarbeit und individuellen Interaktion mit dem User. Das perfekte Zusammenspiel ist die Verbindung beider Ansätze, hin zur Etablierung hybrider Teams, in denen Mensch und KI interdisziplinär interagieren.

Hybride Teams bestehen nicht aus Menschen, die gelegentlich KI nutzen. Sie basieren auf der Verteilung von Rollen, Rechten und Verantwortlichkeiten. Die Maschine liefert Geschwindigkeit, Wiederholung und Mustererkennung. Der Mensch bringt Kontext, Abwägung, Berufsethos und die Entscheidung ein, ob ein Ergebnis trägt. Diese Arbeitsteilung greift tiefer als klassische Digitalisierung.

Besonders sichtbar wird dies auch bei der Honorarlogik. Die Stunde war lange eine geeignete Basis für den Wert der Beratungsleistung, weil Aufwand und Ergebnis in einem nachvollziehbaren Verhältnis standen. Wenn KI die Herstellungszeit durch Vorarbeit verkürzt, bleibt der Wert der Beratung nicht unverändert; er sinkt aber auch nicht automatisch. Der Wert verlagert sich. Honoriert wird künftig weniger die bloße Vorbereitung oder Herstellung eines Arbeitsergebnisses. Bezahlt wird die auf Qualifikation und Erfahrung basierende Einordnung eines Vorgangs, die Qualität der Quellen, die Sicherheit des Prozesses und die Verantwortung für eine Entscheidung.

Fachkräfte werden knapper, Anforderungen nehmen zu, Mandanten erwarten mehr Geschwindigkeit und Datenmengen wachsen.– Stefan Groß,
Managing Partner PSP München, Herausgeber Taxpunk

Diese Entwicklung gilt nicht für alle Mandatsbeziehungen in gleichem Maße. In vielen Fällen, etwa bei inhabergeführten Unternehmen, bleiben Vertrauen, Erreichbarkeit, persönliche Betreuung und Branchenkenntnis wichtiger als jede technische Architektur. Doch gerade datenintensive Unternehmen entwickeln andere Erwartungen. Sie bringen Auswertungen, Systemberichte und KI-gestützte Vorarbeiten von sich aus ins Gespräch. Sie erwarten Geschwindigkeit, Transparenz und Beratung, die an ihre Daten und Prozesse anschlussfähig sind.

Kanzleien müssen die daraus entstehende Führungsaufgabe annehmen. Es reicht nicht, einzelnen Mitarbeitenden lediglich ein KI-Werkzeug freizuschalten. Ebenso wenig trägt ein Verbot, ist die Nutzung im privaten Alltag doch längst Normalität. Dafür braucht es eine Arbeitsarchitektur, in der Datenräume, Wissensquellen, Freigaben und Reviews geordnet sind. Aussagen ohne belastbare Quelle bleiben Hypothesen. Entwürfe ohne fachliche Prüfung bleiben Entwürfe.

Diese Form einer modernen, KI-basierten Arbeitsökonomie bildet die Voraussetzung dafür, KI produktiv im Steuerbereich zu etablieren. Denn die größte Gefahr liegt nicht im sichtbar schlechten Ergebnis. Sie liegt im gut klingenden Ergebnis, das an einer entscheidenden Stelle falsch ist. Gerade deshalb braucht hybride Arbeit nicht weniger Fachlichkeit, sondern mehr.

Auch Ausbildung und Mitarbeiterentwicklung müssen sich daran ausrichten. Wer nur noch Ergebnisse prüft, ohne das Handwerk verstanden zu haben, verliert Urteilskraft. Berufseinsteiger müssen weiterhin lernen, wie ein Sachverhalt zerlegt und eine Norm gelesen wird. Zugleich müssen sie lernen, mit der KI professionell zu interagieren und Ergebnisse zu hinterfragen.

Der künftige personelle Engpass der Branche macht diese Entwicklung dringlich. Fachkräfte werden knapper, Anforderungen nehmen zu, Mandanten erwarten mehr Geschwindigkeit und Datenmengen wachsen. Die Antwort darauf kann nicht allein mehr Arbeit in bestehenden Abläufen sein. Kanzleien müssen bestimmen, was automatisiert werden sollte, was maschinell vorbereitet werden kann und wo menschliche Verantwortung unteilbar bleibt.

So entsteht ein neues Selbstverständnis der Steuerberatung. Der Berater ist nicht mehr primär Wissensanwender, sondern Gestalter belastbarer Entscheidungen. Als persönlicher Consigliere ordnet er Daten, Quellen und Argumente so, dass Mandanten handlungsfähig werden. KI liefert die dafür erforderliche Geschwindigkeit und Struktur.

Die Kanzlei der Zukunft wird hybrid arbeiten. Ihr Wert liegt darin, aus Technologie, Fachlichkeit und Verantwortung ein belastbares AI-Operating-System zu formen, das die Kombination aus Mensch und Maschine ins Zentrum stellt.

Text Stefan Groß

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