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Deutschland Finanzen

Die kognitive Steuerfunktion: Wie Tax and Customs mit KI zur strategischen Funktion wird

06.07.2026
von SMA

Künstliche Intelligenz verändert die Rolle von Steuer- und Zollfunktionen grundlegend. Während regulatorische Anforderungen, Berichtspflichten und Transparenzanforderungen weiter steigen, erwartet das Business gleichzeitig schnellere, fundiertere und zunehmend vorausschauende Einordnungen steuer- und zollrechtlicher Auswirkungen. Diese Entwicklung führt zu einer grundlegenden Verschiebung in der Steuer- und Zollfunktion: Die klassische Balance zwischen Compliance und Valued Business-Partnering gerät unter Druck und verlangt nach neuen Lösungsansätzen.

Dominik Wellmann
Global Head of Tax & Customs Mercedes-Benz Group AG

In vielen Organisationen beginnt der Einsatz künstlicher Intelligenz aus einer technologischen Perspektive. Prozesse lassen sich automatisieren, Analysen beschleunigen und große Datenmengen effizienter verarbeiten. Solche Initiativen erzeugen oft sichtbare Effizienzgewinne, bleiben jedoch häufig auf einzelne Anwendungsfälle beschränkt. Solange Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungslogiken unverändert bleiben, verändert sich die Funktion als Ganzes kaum. Die Steuer- und Zollfunktion bleibt in ihrer Wirkung reaktiv, auch wenn einzelne Prozesse moderner werden.

Gerade in einem Umfeld mit hoher regulatorischer Komplexität und klar definierten Haftungsstrukturen reicht ein solcher Ansatz nicht aus. Die Frage verschiebt sich daher von der technischen Machbarkeit hin zur strukturellen Integration: Welche Rolle übernimmt künstliche Intelligenz in der Entscheidungsfindung und wie bleibt die Verantwortung eindeutig verankert?

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Leitbild einer kognitiven Steuerfunktion an Bedeutung. Es beschreibt einen Ansatz, bei dem künstliche Intelligenz nicht als isoliertes Werkzeug verstanden wird, sondern als integriertes System spezialisierter Assistenz. Dieses System unterstützt die Analyse von Daten, erkennt Muster, strukturiert Wissen und bereitet Entscheidungsoptionen vor, wie z. B. die strukturierte Aufbereitung von Sachverhalten, Daten- und Abweichungsanalysen sowie die konsistente Dokumentation von Annahmen und Entscheidungswegen. Die fachliche Bewertung und finalen Entscheidungen liegen jedoch weiterhin bei den verantwortlichen Expert:innen. 

Tax & Customs wird dort zur strategischen Funktion, wo KI aktiv genutzt wird – für bessere Entscheidungen, mehr Wirkung und spürbaren Mehrwert für das Unternehmen.– Dominik Wellmann,
Global Head of Tax & Customs Mercedes-Benz Group AG

Gerade in Steuer- und Zollfunktionen, die gegenüber internen wie externen Stakeholdern Konsistenz, Erklärbarkeit und Verteidigungsfähigkeit liefern müssen, braucht der KI-Einsatz klare Leitplanken: menschliche Kontrollen an kritischen Stellen, transparente Regeln für Daten und Modelle im Rahmen der konzernweiten Vorgaben zu Datenschutz, Informationssicherheit und KI-Governance sowie eine vollständige, prüfbare Dokumentation zur Audit-Sicherheit. Zudem müssen KI-Ergebnisse nachvollziehbar, zitierfähig und reproduzierbar sein, inklusive Quellen, Annahmen und Versionierung; Verantwortlichkeiten sind entlang der Governance eindeutig geregelt, für Hochrisikothemen gelten definierte Review- und Freigabepunkte. Erst diese Kombination schafft Vertrauen und ermöglicht einen breiten, verantwortungsbewussten Einsatz.

Erst wenn Governance und Leitplanken stehen, entsteht ein Nutzen, der über reine Effizienzgewinne hinausgeht. KI übernimmt Routinearbeit und entlastet damit die Organisation – und ermöglicht, mehr Zeit und Aufmerksamkeit auf fachlich anspruchsvolle Aufgaben zu richten: die Einordnung komplexer Sachverhalte, eine strukturierte Risikobewertung, das Auflösen von Zielkonflikten und die frühzeitige Begleitung strategischer Geschäftsentscheidungen. Damit verschieben sich Aufgabenprofile. Routinen werden stärker unterstützt oder automatisiert, während fachliche Bewertung, Abwägung, Verantwortung sowie Risiko- und Stakeholdersteuerung an Bedeutung gewinnen. Folge ist ein Rollenwandel der Steuer- und Zollfunktion: weg von einer primär prüfenden Instanz, hin zu einem aktiven Beitrag zur Unternehmenssteuerung. KI erhöht Transparenz, macht Muster sichtbar und liefert Entscheidungsgrundlagen in konsistenter Qualität – Risiken werden früher erkennbar, Entwicklungen lassen sich besser einordnen und Handlungsoptionen strukturierter ableiten.

Diese Entwicklung beeinflusst auch die Wahrnehmung der Funktion innerhalb des Unternehmens. Die Steuer- und Zollfunktion tritt stärker als Partnerin des Geschäfts auf, die nicht nur Sachverhalte bewertet, sondern aktiv zur Qualität unternehmerischer Entscheidungen beiträgt. Ihr Wertbeitrag entsteht dabei aus der Kombination von fachlicher Expertise, strukturiertem Vorgehen und dem gezielten Einsatz technologischer Unterstützung.

Die Transformation zur kognitiven Steuerfunktion ist jedoch nicht allein eine technologische Frage. Sie erfordert ebenso eine bewusste Weiterentwicklung der Arbeitsweise und der Kultur innerhalb der Organisation. Dazu gehören Lernbereitschaft, ein reflektierter Umgang mit Ergebnissen und die Fähigkeit, Annahmen kritisch zu hinterfragen. Künstliche Intelligenz liefert Ergebnisse, deren Qualität und Einordnung weiterhin vom Menschen verantwortet wird.

Organisationen, die diese Dimension berücksichtigen, schaffen die Voraussetzung für einen nachhaltigen Einsatz von künstlicher Intelligenz. Sie vermeiden sowohl unkritische Technologiebegeisterung als auch pauschale Ablehnung und entwickeln stattdessen eine strukturierte, verantwortungsbewusste Nutzung. 

So entsteht schrittweise eine Steuer- und Zollfunktion, die nicht nur Anforderungen erfüllt, sondern Orientierung bietet und aktiv Mehrwert für das Unternehmen schafft.

Text Dominik Wellmann, Global Head of Tax & Customs Mercedes-Benz Group AG

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