Wo Recht auf neue Wirklichkeit trifft
Der Anwaltsberuf war nie statisch. Doch die aktuelle Verschiebung reicht tiefer als frühere Modernisierungsschritte. Im Kern verändert sich, was Mandantinnen und Mandanten von rechtlicher Beratung erwarten und welche Rolle Juristinnen und Juristen in einem Umfeld einnehmen, das vermehrt technologischer, regulierter und unübersichtlicher wird.
Geschäftsmodelle entstehen schneller, Datenströme werden dichter, regulatorische Anforderungen internationaler. Gleichzeitig rückt die elektronische Kommunikation der Justiz in der Schweiz näher an den Alltag der Anwaltschaft heran. Für Kanzleien bedeutet das: Rechtswissen bleibt die Grundlage, genügt allein aber nicht mehr. Gefragt ist die Fähigkeit, Recht, Technologie und menschliche Interessen zusammenzudenken.
Vom Gutachten zur Orientierung
Lange wurde anwaltliche Leistung über Expertise definiert: Wer das Recht kannte, konnte einordnen, argumentieren und vertreten. Diese Kompetenz bleibt zentral. Verändert hat sich jedoch der Kontext. Unternehmen suchen heute nicht nur Antworten auf einzelne Rechtsfragen, sondern Orientierung in einem Geflecht aus Risiken, Zeitdruck und strategischen Entscheidungen. Beratung soll früh erkennen, wo rechtliche, operative und reputative Fragen zusammenlaufen.
Bereits der in der Anwaltsrevue erschienene Beitrag «Zukunft des Anwaltsberufs» beschrieb, wie alternative Anbieter, IT-basierte Anwendungen und Effizienzdruck anwaltliche Tätigkeiten zerlegen können. Was damals als Disaggregation erschien, ist heute breiter zu verstehen: Standardisierbare Arbeitsschritte werden automatisiert, ausgelagert oder in Plattformen überführt. Daraus folgt nicht das Ende juristischer Arbeit, sondern eine Verschiebung ihres Schwerpunkts.
Wichtiger als die Durchführung einzelner Routineprozesse wird die Fähigkeit, Ergebnisse zu prüfen, einzuordnen und gegenüber Mandantschaft, Gegenpartei oder Behörde verantwortbar zu machen. Der Anwalt der Zukunft ist deshalb nicht nur Spezialist, sondern auch Übersetzer, Risikomanager und Qualitätsinstanz.
Je mehr Routinearbeit durch Tools unterstützt wird, desto sichtbarer wird der menschliche Kern des Berufs.
Technologie als Werkzeug, nicht als Ersatz
Die Diskussion um künstliche Intelligenz hat diese Entwicklung beschleunigt. Generative Systeme können Entwürfe vorbereiten, Dokumente strukturieren, grosse Datenmengen sichten und erste Rechercheschritte unterstützen. Branchenanalysen wie der Future of Professionals Report 2025 zeigen, dass juristische und verwandte Berufsfelder Effizienzgewinne erwarten. Gleichzeitig wird sichtbar, was Technologie nicht leisten kann.
Eine KI kann Muster erkennen, Text erzeugen und Varianten vorschlagen. Sie trägt aber keine Verantwortung für eine Empfehlung, versteht keine unternehmerische Kultur und spürt nicht, wann ein Konflikt rechtlich lösbar, aber strategisch schlecht geführt ist. In der Beratung entscheidet nicht allein, was rechtlich möglich ist. Entscheidend ist, was im konkreten Verhältnis tragfähig und langfristig sinnvoll bleibt.
Genau deshalb verändert sich das Kompetenzprofil. Neben juristischer Präzision werden technologische Grundkenntnisse wichtiger: Anwältinnen und Anwälte müssen verstehen, was digitale Werkzeuge leisten, wo ihre Grenzen liegen und welche Risiken bei Datenschutz, Berufsgeheimnis oder Nachvollziehbarkeit entstehen. Der CCBE-Leitfaden zum Einsatz von KI-Tools betont, dass technische Grundkompetenz Teil verantwortungsvoller Berufsausübung wird. Man muss Technologie nicht programmieren, aber kritisch führen können.
Regulierung als Dauerzustand
Parallel dazu steigt die Geschwindigkeit regulatorischer Veränderungen. Datenschutz, Cybersecurity, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Finanzmarktregulierung, KI, Lieferketten, Arbeitswelt: Viele Themen entwickeln sich nicht mehr linear, sondern überlappen sich. Für die Anwaltschaft bedeutet das, dass Rechtsberatung stärker interdisziplinär wird. Sie muss Gesetze lesen, aber auch Geschäftsprozesse, Datenflüsse und Governance-Strukturen verstehen.
Der Regulierungsansatz für künstliche Intelligenz zeigt, wie die Schweiz auf bestehendes Recht und sektorbezogene Anpassungen setzt. Gleichzeitig bildet der EU AI Act für international tätige Unternehmen einen Referenzrahmen. Für Kanzleien entsteht damit ein Beratungsfeld, in dem nationale Perspektiven allein oft nicht mehr ausreichen.
Juristische Qualität misst sich in diesem Umfeld nicht nur an der richtigen Norm. Sie zeigt sich daran, ob eine Beratung an Compliance, IT, Management, Kommunikation und operative Umsetzung anschlussfähig ist. Wer Mandantinnen und Mandanten begleiten will, muss rechtliche Risiken in eine Sprache übersetzen, die im Verwaltungsrat, in der Geschäftsleitung oder in der Fachabteilung verstanden wird.
Der menschliche Faktor rückt nach vorn
Je mehr Routinearbeit durch Tools unterstützt wird, desto sichtbarer wird der menschliche Kern des Berufs. Urteilsvermögen, strategisches Denken, Empathie und Integrität werden nicht weniger wichtig, sondern gewinnen an Gewicht. Sie sind die Fähigkeiten, die aus Information Beratung machen.
Mandantinnen und Mandanten brauchen nicht nur eine Einschätzung der Rechtslage. Sie brauchen jemanden, der zuhört, priorisiert, Widersprüche erkennt und Verantwortung übernimmt. In komplexen Verfahren zeigt sich der Wert anwaltlicher Arbeit darin, Interessen zu ordnen, Optionen abzuwägen und Grenzen klar zu benennen.
Die Zukunft des Anwaltsberufs liegt deshalb weder in der Abwehr von Technologie noch in ihrer unkritischen Übernahme. Sie liegt in einer neuen Professionalität: rechtlich präzise, technologisch mündig, organisatorisch anschlussfähig und menschlich präsent. Wer diese Fähigkeiten verbindet, wird durch digitale Werkzeuge entlastet und kann gerade dort Orientierung geben, wo rechtliche Komplexität menschliches Urteil verlangt.
Quellen:
- https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai
- https://www.bakom.admin.ch/de/kuenstliche-intelligenz
- https://www.ccbe.eu/fileadmin/speciality_distribution/public/documents
- https://www.thomsonreuters.com/content/dam/ewp-m/documents
- https://www.sav-fsa.ch/documents
- https://www.justitia.swiss/de/ueber_uns
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