Interview von SMA

Haya Schulmann & Michael Waidner: Cyber Compliance und die Frage der digitalen Souveränität

Die Professorin für Cybersicherheit und der Professor für Sicherheit in der Informationstechnik zeigen auf, wie es um die digitale Souveränität Deutschlands und Europas steht.

Selten wurde in Deutschland so viel über digitale Souveränität geredet wie 2026: Das Bundesdigitalministerium versucht sich an einer neuen Definition, das Bundesforschungsministerium hat die Hälfte seiner neuen Hightech-Agenda auf digitale Themen ausgerichtet. Die Digitalisierungsumfrage 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer DIHK sieht die befragten Mitgliedsunternehmen mit Ausnahme von Maschinensoftware in allen Bereichen weitgehend oder vollkommen abhängig vom Ausland. Welche Schlüsseltechnologien für uns verfügbar sind, entscheiden in erster Linie nicht wir selbst, sondern ausländische Anbieter und Regierungen, insbesondere aus den USA und China.

Der Fall Anthropic

Ein aktuelles Beispiel dafür, was das konkret bedeutet, verdanken wir Anthropic: Im April erschien Mythos, das neue Spitzenmodell des KI-Anbieters aus San Francisco – allerdings nur für einen sehr kleinen Anwenderkreis. Anthropic hatte entschieden, dass für alle anderen – dazu gehörte ganz Deutschland – das Modell zu gefährlich sei. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik BSI war ausgeschlossen und baute seine eilige Einschätzung allein auf den Angaben des Herstellers. Anfang Juni erschien dann für alle Fable, die gezähmte Version von Mythos. Die Freude währte kurz: Wenige Tage später stellte die US-Regierung beide Modelle aufgrund nicht näher begründeter Sicherheitsbedenken unter Exportkontrolle – Anthropic nahm beide weltweit vom Markt. Ende Juni hob die US-Regierung die Kontrollen wieder auf – Anfang Juli kehrte Fable weltweit zurück, Mythos zunächst nur für ausgewählte US-Organisationen. Das ganze Hin und Her wurde von einem US-Unternehmen und der US-Regierung entschieden; wir konnten es nur zur Kenntnis nehmen.

Kurzfristig betrachtet war das alles zwar nicht schlimm – die Modelle waren nur so kurz verfügbar, dass sich ohnehin niemand darauf einstellen konnte, und Schwachstellen findet man auch so schon mehr als genug. Der längerfristige Eindruck ist aber verheerend: Was hindert die US-Regierung daran, alle KI-Spitzenmodelle unter Exportkontrolle zu stellen, oder die Hersteller, den Zugang für uns massiv zu verteuern oder die Qualität zu reduzieren? Dass sich hier ein Muster abzeichnet, deutet der nächste Fall an: Auch OpenAI gab Ende Juni sein neues Spitzenmodell GPT-5.6 Sol auf Bitte der US-Regierung zunächst nur einer kleinen Gruppe geprüfter Anwender frei – ein Verfahren, das das Unternehmen selbst ausdrücklich nicht zum Dauerzustand machen will. Das Muster betrifft aber nicht nur Modelle; es reicht bis in die Hardware: Auch darüber, wer Nvidias KI-Chips bekommt, entscheidet Washington per Exportkontrolle. Zeitweise wurden dabei EU-Staaten wie Polen und die baltischen Länder in eine zweite Klasse mit gedeckeltem Zugang eingestuft.

Die KI-Revolution schiebt Deutschland und Europa in die zweite Reihe.

Dieselbe Problematik zeigt sich selbstverständlich auch in anderen Bereichen. Nachdem Broadcom Ende 2023 den Hersteller von Virtualisierungssoftware VMware übernommen hatte, stiegen ab 2024 die Lizenzkosten für viele europäische Kunden um mehrere hundert Prozent. Mangels schnell umsetzbarer Alternativen saßen die Kunden in der Falle. Auch China beherrscht dieses Spiel: Als Peking im April 2025 Seltene Erden und Magnete unter Exportkontrolle stellte, standen wenige Wochen später die ersten europäischen Produktionslinien still. Wie leicht wir zwischen die Fronten der beiden Supermächte geraten können, zeigt der Chiphersteller Nexperia mit Sitz in den Niederlanden, der seit 2019 zum chinesischen Wingtech Technology Konzern gehört: Auf Druck von Washington stellte Den Haag den Chiphersteller unter staatliche Kontrolle. Peking blockierte im Gegenzug die Ausfuhr der in China endgefertigten Chips und binnen Wochen warnten europäische Autobauer vor Produktionsstopps. Ob unsere Fabriken laufen, wurde in Washington und Peking entschieden, nicht in Europa. 

Souverän ist nicht, wer alles selbst besitzt, sondern wer nicht erpressbar ist. 

Und genau das ist Europa insbesondere bei der künstlichen Intelligenz immer weniger. Die KI-Revolution schiebt Deutschland und Europa in die zweite Reihe.

Souveränität in der KI verlangt zwei Fähigkeiten. Die erste ist, eigene Frontier-Modelle zu entwickeln. Dafür braucht man eigene Recheninfrastruktur, Zugang zu europäischen Datenschätzen, eine steuernde Struktur und Forschung, die ihren Vorsprung in Produkte übersetzt. Das kostet viel; die dauerhafte Abhängigkeit in einer Schlüsseltechnologie kostet voraussichtlich deutlich mehr. Nach siebzig Jahren Informationstechnik, in denen wir die großen Plattformen anderen überlassen haben, ist die KI unsere zweite, vielleicht auch unsere letzte Chance.

Die zweite Fähigkeit wird leicht übersehen: fremde Modelle selbst zu prüfen. Großbritannien konnte die Gefährlichkeit von Mythos selbst prüfen, weil es mit seinem AI Security Institute AISI genau diese Kompetenz besitzt, und fand eine deutliche, aber keine grundlegende Verbesserung. Wir müssen uns auf fremde Berichte verlassen. Wir brauchen ein eigenes Gegenstück: Fachleute, Werkzeuge und gesicherte Zugänge, um ein sicherheitskritisches Modell selbst zu prüfen. Wer Modelle baut, lernt auch, sie zu durchschauen; ein deutsches in Cybersicherheit und KI kompetentes und unabhängiges AISI, wie vor Kurzem vom Nationalen Sicherheitsrat beschlossen, kann deshalb der sicherheitspolitische Arm derselben Strategie sein.

Regulierung als Bremse oder Leitplanke? 

Eigene Modelle und eigene Prüfung verlangen vor allem Innovation und den Willen, zu gestalten, statt nur zu verwalten. Regulierung kann diesen Willen ausbremsen. Sie kann ihm aber auch verlässliche Leitplanken geben. Die eigentliche Frage ist deshalb, wie sich die Regeln, um die es in dieser Ausgabe geht, dazu verhalten.

Beginnen wir mit den Leitplanken. Gerade in Sicherheit und Datenschutz sind Regeln unverzichtbar: Ohne sie behandelt der Markt beides als bloße Kostenfaktoren, die man weglässt, wo man kann – die Rechnung zahlen am Ende die anderen. Genau hier setzt vieles richtig an. Der Cyber Resilience Act verlangt Sicherheit schon im Entwurf eines Produkts und macht aus »Security by Design« eine Pflicht statt einer Empfehlung. NIS2 zwingt Organisationen zur Cyberhygiene, zu Risikomanagement und zu Verantwortung in der Führungsebene. DORA bringt dieselbe Disziplin in den Finanzsektor und macht IKT-Drittparteien- und Lieferkettenrisiken verbindlich überprüfbar; CER ergänzt sie um die physische Widerstandskraft kritischer Einrichtungen. Auch der AI Act ist im Kern richtig: KI nach ihrem Risiko zu ordnen und die Anbieter der mächtigsten Modelle besonders in die Pflicht zu nehmen, ist vernünftig.

Gute Compliance ist das Fundament der Souveränität. Um in der KI-Souveränität wirklich voranzukommen, muss Europa beide KI-Fähigkeiten jetzt dringend aufbauen, eigene Modelle und eigene Bewertung.

Mehr als Leitplanken darf man von Regeln allerdings nicht erwarten. Innovation entsteht nicht durch Regulierung, sondern durch kreative und risikofreudige Menschen in Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Jenseits von Leitplanken dürfen die Regeln die Innovation nicht behindern. Wo der AI Act den verteidigenden Einsatz von KI unnötig erschwert oder der Data Act zwar den Datenzugang regelt, aber keine belastbare Trainingsgrundlage für europäische Modelle schafft, gehören sie nachgebessert. In die erste Reihe kann man sich nicht regulieren und eine Regulierung, die uns den Weg dorthin versperrt, hilft am Ende niemandem.

Wer ist für unseren Aufstieg in die erste Reihe zuständig? Die öffentlichen Kassen sind knapp; der Staat muss Prioritäten setzen und dort fördern, wo es zählt: Recheninfrastruktur, Datenzugang, Forschung, eigene Prüfkompetenz. Die Wirtschaft aber kann auch aus eigener Kraft viel bewegen: Wo Unternehmen eigene Rechenzentren und KI-Kompetenz aufbauen und intensiv mit der deutschen und europäischen Forschung zusammenarbeiten, zeigt sich, dass Souveränität nicht auf den Staat warten muss. Und wer Software und KI beschafft, sollte Security by Design, die Offenlegung von Schwachstellen und, bei sicherheitskritischen Modellen, ein vertragliches Prüf- und Zugangsrecht zur Bedingung machen.

Gute Compliance ist das Fundament der Souveränität. Um in der KI-Souveränität wirklich voranzukommen, muss Europa beide KI-Fähigkeiten jetzt dringend aufbauen, eigene Modelle und eigene Bewertung. Der Abstand zur Konkurrenz wächst nicht gleichmäßig: Die Leistung der stärksten Systeme verdoppelt sich nach Messungen des AISI etwa alle vier Monate. Jedes Jahr des Abwartens kostet mehr als das vorige. Beim nächsten Mythos sollte Europa nicht darauf angewiesen sein, ob ein fremder Anbieter oder dessen Regierung die Tür öffnet. Es sollte das Modell selbst prüfen können und im besten Fall ein eigenes danebenstellen.

Text Haya Schulmann & Michael Waidner

Über die Personen

Haya Schulmann ist Professorin für Cybersicherheit an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des Direktoriums des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit Athene. 

Michael Waidner ist Professor für Sicherheit in der Informationstechnik an der Technischen Universität Darmstadt, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie SIT und CEO von Athene.

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22.07.2026
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