Die nächste große Softwarelösung, ein neues KI-System oder eine digitale Innovation beginnen mit Menschen, die Ideen entwickeln, Probleme lösen und Technik gestalten. Doch wer sitzt eigentlich an den Schreibtischen?
Eine aktuelle Bitkom-Erhebung1 zeigt, dass Frauen an dieser Gestaltung noch immer nicht gleichberechtigt beteiligt und in technischen Rollen weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind. In fast 90 Prozent der befragten Unternehmen sind weniger als die Hälfte der IT- und Digitalstellen mit Frauen besetzt. Gerade in Deutschland besteht Nachholbedarf. 67 Prozent der Unternehmen sehen die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich unter den Nachzüglern. Dass dabei noch alte Muster wirken, wird durch die Befragung ebenso deutlich: Fast die Hälfte der Unternehmen (48 Prozent) sieht die Auffassung verbreitet, IT-Berufe würden Frauen abschrecken. Vier von zehn Unternehmen geben sogar an, Männer seien für IT- und Digitalberufe besser geeignet. Trauriger Hinweis darauf, wie stark sich traditionelle Vorstellungen und veraltete Rollenbilder noch halten.
Der Weg von Frauen in die Tech-Welt ist somit nicht nur eine Frage von Können und Interesse. Viel entscheidender ist das Umfeld, in dem diese Arbeit stattfindet. Wer wird als technische:r Expert:in wahrgenommen? Wer erhält Unterstützung für den nächsten Karriereschritt? Wessen Ideen werden gehört und wem wird zugetraut, die nächste große Lösung zu entwickeln? In einer empirischen Fallstudie zu Erfahrungen von Frauen in der Softwareindustrie2 gaben über 50 Prozent der befragten Frauen an, mit einer sogenannten Glass-Ceiling konfrontiert zu sein, einer unsichtbaren Decke, die ihre berufliche Weiterentwicklung erschwert. Viele Teilnehmerinnen berichteten, dass sie sich in der Softwarebranche stärker beweisen müssten, mit Vorurteilen zu kämpfen hätten und ihre Kompetenz häufiger unter Beweis stellen müssten als männliche Kollegen. Ein Muster, das in der Studie als »prove it again«-Phänomen beschrieben wird. Insgesamt gab knapp ein Viertel der Befragten an, Erfahrungen mit Sexismus und geschlechtsspezifischer Benachteiligung gemacht zu haben, was sich unter anderem in fehlender Anerkennung und der Wahrnehmung von Ungleichbehandlung im Arbeitsumfeld zeigte.
Zugleich erkennen viele Unternehmen, dass mehr Vielfalt in der IT entscheidend ist, um Innovation zu stärken: 65 Prozent sind der Auffassung, dass die Wirtschaft das IT-Fachkräfteproblem ohne Frauen nicht lösen kann, sehen aber weiterhin große Herausforderungen bei Gleichstellung und Förderung.1 Als wichtige Hürden nennt die Bitkom-Studie neben traditionellen Rollenbildern unter anderem Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit und fehlende Netzwerke für Frauen. Dabei beginnt der Weg in die IT lange vor dem ersten Job. Er beginnt in Klassenzimmern, bei der Wahl von Fächern und bei der Vorstellung davon, wer »gut in Technik« sein kann. Noch immer sind Frauen in vielen MINT-Bereichen deutlich weniger vertreten, obwohl ihre Fähigkeiten genauso gefragt sind. Auch fehlende Vorbilder spielen eine Rolle. Studentinnen und Berufseinsteigerinnen, die erfolgreiche Entwicklerinnen, IT-Expertinnen oder technische Führungskräfte erleben, erkennen leichter die eigenen Möglichkeiten. Unternehmen müssen Bedingungen schaffen, damit dieses Potenzial auch genutzt wird, und den Wandel hin zu einer offeneren IT-Kultur aktiv gestalten.
Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, wer in der Branche vertreten ist. Entscheidend ist ebenso, wer neue Technologien auch aktiv für sich einsetzt und dadurch einen Vorsprung gewinnt. Ein Beispiel dafür ist die Nutzung künstlicher Intelligenz: Sie entwickelt sich zunehmend zu einer Schlüsselressource für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit und wird immer stärker in Arbeitsprozesse integriert. Doch zeigen sich deutliche Unterschiede darin, wer dieses Werkzeug tatsächlich nutzt: Männer gehören häufiger zu den intensiven KI-Anwender:innen und setzen das Tool selbstverständlicher für Recherche, Textarbeit, Datenanalyse oder als Entscheidungshilfe ein. Frauen greifen seltener und weniger intensiv auf KI-Unterstützung zurück, selbst in digitalen Arbeitsumgebungen.3 Besonders groß ist der geschlechtsspezifische Abstand bei niedrigeren Einkommensgruppen. Für Frauen stellt KI dann eine deutlich größere Nutzungshürde dar als für Männer.
Der Gender-AI-Gap beschreibt diese wachsende Lücke zwischen Frauen und Männern. Der Unterschied in der Techniknutzung ist jedoch weit mehr als nur eine Frage persönlicher Präferenz, er hat konkrete Auswirkungen auf Kompetenzen, Produktivität und langfristige Chancen. Wo KI seltener eingesetzt wird, bleiben wertvolle Wertschöpfungspotenziale ungenutzt und bestehende Ungleichheiten können sich weiter verfestigen. Ein zentraler Ansatz, um diese Kluft zu verringern, sind gezielte, gendersensible Weiterbildungsangebote, die auch unterschiedliche Ausgangserfahrungen berücksichtigen sowie die Implementierung unternehmenseigener KI-Systeme: Wenn Betriebe verbindlich festlegen, wie KI-Tools genutzt werden und welche Aufgaben sie übernehmen dürfen, entstehen Orientierung und Sicherheit für alle Anwender:innen. Diese Herauslösung aus einer eher experimentellen KI-Nutzung erleichtert den Abbau möglicher Hemmschwellen und trägt dazu bei, KI geschlechtergerechter und anwendungsnäher in den Arbeitsalltag zu integrieren.
1 Bitkom e. V. (2026): Frauen in IT- und Digitalberufen. Wie steht es um die Gleichstellung von Frauen in Deutschlands digitaler Wirtschaft? Studienbericht. Berlin: Bitkom Research. DOI: 10.64022/2026-frauen-it-digitalberufe.
2 Bianca Trinkenreich, Ricardo Britto, Marco Aurélio Gerosa und Igor Steinmacher, An Empirical Investigation on the Challenges Faced by Women in the Software Industry: A Case Study, 2022.
3 Ergebnisse aus: Digital Gender Gap – Schwerpunkt 2026: Künstliche Intelligenz der Initiative D21 und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
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