Zwischen Karriere, Kindern und der Unterstützung der Eltern übernehmen viele Frauen noch immer einen großen Teil der Care-Arbeit. Für echte Gleichberechtigung braucht es neue Verantwortungen, zu Hause und im Beruf.
»Kannst du morgen mit Emma zum Zahnarzt fahren?« – »Klar.« Was nach einer fairen Aufgabenverteilung klingt, erzählt oft nur die halbe Geschichte. Denn bevor man überhaupt ins Auto steigt, musste jemand an den Termin denken, ihn vereinbaren, Bonusheft und Versichertenkarte bereitlegen und feststellen, dass auch gleich eine neue Zahnbürste fällig ist. Diese Person ist in vielen Familien noch immer die Frau. Nicht, weil Männer sich grundsätzlich weniger einbringen. Im Gegenteil: Viele Väter engagieren sich heute so selbstverständlich wie nie zuvor im Familienalltag. Doch bleibt die eigentliche Regie hinter den Kulissen noch immer oftmals bei den Frauen. Sie behalten den Überblick, planen voraus und sorgen dafür, dass aus vielen kleinen Einzelteilen ein funktionierender Familienalltag wird.
In unserer Gesellschaft ist es kulturell verankert, dass Beruf und Familie getrennt gesehen werden. Dabei verschwimmen die Grenzen zunehmend, Berufs- und Privatleben gehen immer mehr ineinander über. Das Homeoffice hat vielen Familien neue Möglichkeiten eröffnet. Wenn der Arbeitsweg wegfällt und der Tag flexibler gestaltet werden kann, entstehen Freiräume, die den Alltag entspannter machen können. Aber in den hybriden Lebenswelten und dem gleichzeitigen Jonglieren zu vieler Bälle wird konzentriertes Arbeiten immer wieder durch Gedanken an die vielen To-dos des Tages erschwert. Hinzu kommt, dass die Arbeit gefühlt nie ganz vorbei ist und auch am Abend präsent bleibt. Für diese mentale Dauer- und Überbelastung gibt es längst einen Begriff: Mental Load. Dass dabei nicht nur Kinder im Blick sind, sondern immer häufiger auch die eigenen Eltern, macht den Alltag zusätzlich anspruchsvoll. Die Mutter zum Arzttermin begleiten, Formulare ausfüllen oder Unterstützung im Alltag koordinieren; viele Frauen kümmern sich längst um zwei Generationen gleichzeitig. Mit klaren Folgen für die eigene Karriere. Wer weniger Chancen auf Weiterentwicklung wahrnehmen kann, häufiger die Arbeitszeit reduziert und länger aus dem Beruf aussteigt, spürt das nicht nur direkt auf dem Gehaltsscheck, es fehlen auch wichtige Beitragsjahre für die spätere Absicherung. Noch immer ist leider Fakt*: Mütter sind besonders häufig von niedrigeren gesetzlichen Rentenansprüchen betroffen. Und der Gender-Pay-Gap, der nach wie vor bestehende Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen, wird sich im Ruhestand weiter zuspitzen. Weniger Einkommen und geringere Rentenansprüche hängen somit auch unmittelbar mit der Frage zusammen, wer im Alltag die größere Verantwortung trägt.
Wie Care-Arbeit verteilt wird, hängt aber nicht allein von den Paaren ab. Auch Unternehmen schaffen die Rahmenbedingungen dafür, ob sich beide Elternteile beruflich und familiär gleichermaßen einbringen können. Kinder, pflegebedürftige Eltern oder andere familiäre Veränderungen brauchen Lösungen, die mit dem Berufsleben vereinbar sind und nicht automatisch zum Karriereknick werden. Beispielsweise durch mehr Spielraum bei der Gestaltung des Arbeitstags und durch Arbeitsmodelle, die Führung auch in Teilzeit ermöglichen. Wenn Karriere nicht automatisch mit ständiger Verfügbarkeit verbunden ist und auch Männer ihre Rolle als Väter und pflegende Angehörige selbstverständlicher leben können, gibt dies beiden Partnern die Chance, Verantwortung in der Familie zu übernehmen – ohne das Gefühl zu haben, beruflich zurückzufallen. In einer Unternehmenskultur, in der auch Männer Eltern- und Pflegezeit nutzen und familiäre Verantwortung übernehmen dürfen. Unternehmen, die das erkannt haben, schaffen entsprechende Rahmenbedingungen und Unterstützungsangebote: durch kurzfristige Freistellungsmöglichkeiten und ein offenes Klima, das es erlaubt, transparent mit eigenen privaten Belastungen umzugehen, durch Kooperationen mit Betreuungseinrichtungen oder Beratungsmöglichkeiten zur Organisation von Pflege, mit festen Ansprechpersonen im Unternehmen, die Mitarbeitende durch diese Phase begleiten.
Entscheidend ist, wie Verantwortung verteilt wird. Es macht einen Unterschied, ob Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen, in denen auch Männer selbstverständlich Raum für mehr Work-Family-Balance erhalten. Es macht einen Unterschied, ob ein Arbeitgeber erkennt, wenn Mitarbeitende Unterstützung bei familiären Herausforderungen benötigen. Und es macht einen Unterschied, ob jemand das Kind zum Zahnarzt fährt oder den Termin eigenständig organisiert. Denn echte Gleichberechtigung entsteht dort, wo beide nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern die Verantwortung dahinter mittragen.
* Gender-Pension-Gap: Langjährige Unterschiede im Erwerbsverlauf wirken sich im Alter aus. Frauen ab 65 Jahren hatten 2025 im Durchschnitt rund 25,8 Prozent geringere Alterseinkünfte als Männer. Quelle: St. Bundesamt. Pressemeldung Nr. N054, Oktober 2025.
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