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Die unterschätzte Volkskrankheit

28.08.2026
von SMA

Liebe Leserinnen und Leser, in Deutschland gibt es 11 Mio. Menschen mit Diabetes und jede Minute kommt eine Neuerkrankung hinzu. 9 Mio. haben einen diagnostizierten Typ-2-Diabetes, knapp 400 000 einen Typ-1-Diabetes. 2 Mio. wissen nicht, dass sie einen Typ-2-Diabetes haben, denn Diabetes ist heimtückisch: Er tut nicht weh, kommt schleichend und selten allein. Die häufigsten Begleiterkrankungen sind Hypertonie, Fettstoffwechsel-, Nieren-, Herz- und Gefäßerkrankungen sowie Adipositas. Die schwersten Folgeerkrankungen sind Schlaganfall, Herzinfarkt, Erblindung, Amputation und Nierenschäden bis zur Dialyse. Das im Volksmund verbreitete Vorurteil von »das bisschen Diabetes« ist also bei Weitem widerlegt.

Nicole Mattig-Fabian, Geschäftsführerin, diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe

Nicole Mattig-Fabian
Geschäftsführerin, diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe

Trotzdem ist das Wissen über die Volkskrankheit Diabetes erschreckend gering. So sind sich viele der Schwere der »Volkskrankheit« nicht bewusst, kennen die Ursachen nicht und können zwischen Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes nicht unterscheiden. Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen zerstört, was zu einem absoluten Insulinmangel führt und eine lebenslange, tägliche Zufuhr von Insulin notwendig macht. Bei Typ-2 produziert der Körper zwar noch Insulin, aber die Zellen können es nicht mehr richtig verwerten (Insulinresistenz), sodass der Blutzuckerspiegel sukzessive ansteigt. Bei diesem Typ kann die Senkung des Blutzuckerspiegels zunächst mit Ernährungsumstellung, Gewichtsabnahme und Bewegung therapiert werden. Später kommen orale Antidiabetika (Tabletten) und schließlich ebenfalls Insulin hinzu.

Neben Risikofaktoren für einen Typ-2-Diabetes wie Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel gibt es auch eine genetische Komponente: Menschen, deren Mutter oder Vater von Typ-2-Diabetes betroffen ist, haben im Vergleich zu Personen ohne familiäre Vorbelastung ein etwa 1,7-fach erhöhtes Risiko. Sind beide Elternteile betroffen, ist das Risiko fast dreifach erhöht.

Neun Prozent der erwachsenen Frauen haben in Deutschland Diabetes, das sind rund 3,5 bis 4 Mio. Frauen. Zusätzlich erkranken jährlich über 50 000 Frauen an einem Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes).

Um einer Erkrankung an Typ-2-Diabetes vorzubeugen, sollte man die wichtigsten Bausteine für einen gesunden Lebensstil im Blick haben:

  • Übergewicht vermeiden oder abbauen
  • ausgewogene Ernährung mit ballaststoffreicher, fettarmer Ernährung mit viel Vollkornprodukten, Gemüse und Obst
  • zuckerhaltige Lebensmittel und stark verarbeitete Fette vermeiden
  • regelmäßige körperliche Aktivität mit mindestens 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche sind empfehlenswert, da dies die Insulinsensitivität der Zellen deutlich verbessert
  • mit dem Rauchen aufhören

Neben einem gesunden Lebensstil spielt auch die Früherkennung eine wichtige Rolle. Gesetzlich Krankenversicherte haben ab 18 Jahren Anspruch auf den Gesundheits-Check-up. Zwischen 18 und 34 Jahren kann dieser einmalig, ab 35 Jahren alle drei Jahre kostenlos in Anspruch genommen werden. Der Gesundheits-Check-up umfasst ein ärztliches Gespräch und eine körperliche Untersuchung sowie Blut- und Urinuntersuchungen. Im anschließenden Gespräch werden bei Bedarf Empfehlungen zur Lebensstiländerung besprochen.

Bei vielen internistischen Erkrankungen gibt es geschlechterspezifische Unterschiede. In der Folge erkranken Frauen und Männer nicht nur unterschiedlich häufig, sie zeigen auch unterschiedliche Symptome, Krankheitsverläufe und Therapieeffekte. Hormonell sind Männer und Frauen verschieden, was eine unterschiedliche Behandlung notwendig macht. Während und nach der Menopause weisen Frauen z. B. eine Verschlechterung von Blutdruck, Lipidstoffwechsel, Blutzucker und Körperfettverteilung auf. Hier müsste bei therapeutischen Überlegungen der Hormonstatus viel größere Beachtung finden. 

Bei der Therapie des Typ-2-Diabetes hat sich in den letzten Jahren viel getan: So wird immer häufiger die Nutzung eines CGMs (Kontinuierliches Glukosemess-System) empfohlen. Die Menschen mit Diabetes können hierdurch unmittelbar die Auswirkungen ihres Lebensstils, also der Ernährung und der Bewegung, anhand der Glukosekurven ablesen und ihren Lebensstil anpassen. So werden Glukosewerte nachhaltig verbessert. Erstattet wird ein CGM-System von den gesetzlichen Kassen allerdings nur im Falle einer Insulintherapie, dabei haben neueste Studien ergeben, dass CGM bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes ohne Insulintherapie mit einer geringeren Inanspruchnahme akuter medizinischer Versorgung verbunden sein kann. Ein Grund mehr für Menschen mit Typ-2-Diabetes, das CGM als Selbstzahler:in zu erwerben. 

In aller Munde sind seit einigen Jahren für die Behandlung des Typ-2-Diabetes die GLP-1-Rezeptoragonisten, im Volksmund auch »Abnehmspritze« genannt. Sie senken den Blutzucker signifikant, erhöhen die Insulinausschüttung und zügeln den Appetit, was zu starkem Gewichtsverlust führt. Führende zugelassene Wirkstoffe sind Semaglutid sowie das noch wirksamere Tirzepatid. Vielen gelingt es nach jahrelang gescheiterten Diätversuchen so erstmals, massiv an Gewicht zu verlieren und ihren Diabetes in Remission zu bringen. Doch eines muss allen bewusst sein: Verfällt man in alte Lebensgewohnheiten, ist das Gewicht und der Diabetes auch bald wieder da.

Trotz allem kann man heutzutage mit Typ-2- und auch Typ-1-Diabetes gut leben. Und wenn es mal nicht so gut läuft, gibt es genügend Möglichkeiten, sich mit seinem behandelnden Diabetesteam oder anderen Menschen mit Diabetes auszutauschen.

Text Nicole Mattig-Fabian, Geschäftsführerin, diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe 

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