serdar günal rütsche cybercrime-chef schweiz
Business IT Recht

Digitalen Verbrecher:innen auf der Spur

20.04.2022
von Elma Pusparajah

Kriminalität im Internet nimmt verschiedene Formen an und weist eine steigende Tendenz auf. Dabei kann die Cybersicherheit mit einigen wenigen Schritten verbessert werden. Serdar Günal Rütsche, Leiter des Netzwerks digitale Ermittlungsstützung Internetkriminalität NEDIK und Chef Cybercrime der Kantonspolizei Zürich, verrät im Interview mit «Fokus», was Cyberkriminalität ist und wie sich Benutzende davor schützen können.

Herr Serdar Günal Rütsche, welche Arten von Kriminalität im Internet treten in der Schweiz am häufigsten auf? 

In der polizeilichen Kriminalstatistik PKS 2020 wurde erstmals die Zahl der Straftaten einbezogen und publiziert, die im digitalen Raum der Telekommunikationsnetze und Internet begangen wurden. Nebst Betrugsdelikten und Erpressungen nehmen auch Delikte mit einem Tatvorgehen, welche innerhalb der digitalen Welt vorkommen, zu. Hierbei handelt es beispielsweise um Hacking oder Phishing.

Im Jahr 2021 konnte ein Anstieg solcher Delikte um 24 Prozent beobachtet werden. Der Grossteil dieser Straftaten macht 80 Prozent der Cyber-Wirtschaftskriminalität aus, dazu gehören Verstösse wie der Betrug von falschen Internetshops oder Immobilienanzeigen sowie Romance Scams. 8,5 Prozent der strafbaren Handlungen sind Cyber-Sexualdelikte und bei 3,6 Prozent handelt es sich um Cyber-Rufschädigungen.

Welche Auswirkungen haben die Digitalisierung und die Pandemie auf die Cyberkriminalität?

Die zunehmende Digitalisierung im Alltag begünstigt den markanten Anstieg der Cyberdelikte. So haben auch die Pandemie und der Lockdown dazu beigetragen, dass das Interesse an Onlineeinkäufen gestiegen ist. Dies hat wiederum zu einer deutlichen Zunahme von betrügerischen Angeboten sowie Tätigkeiten im Netz und entsprechend hohen Deliktsummen zu Lasten von Privatpersonen und Unternehmen geführt.

Die Cyberkriminellen nutzten die Sicherheitslücken in Speichersystemen und Netzwerken, die während des Wechsels ins Homeoffice entstanden sind, und missbrauchten diese für eigene Zwecke.

Des Weiteren wurden 2021 im Vergleich zum Vorjahr mehr Fälle von Ransomware-Angriffen gemeldet. Die Cyberkriminellen nutzten die Sicherheitslücken in Speichersystemen und Netzwerken, die während des Wechsels ins Homeoffice entstanden sind, und missbrauchten diese für eigene Zwecke. Beispielsweise haben in dieser Zeit einzelne Mitarbeitende von verschiedenen Unternehmen ihre Firma mit mangelhaft gesicherten Fernzugriffen infiziert, was zu beträchtlichen Schäden geführt hat.

Auf welchen Plattformen oder Webseiten treffen Menschen öfter auf Cyberkriminalität und welche Altersgruppe ist überwiegend davon betroffen?  

Cyberkriminalität kann vielseitig auftreten, beispielsweise auf sozialen Plattformen, Online-Marktplätzen und Dating-Foren. Die betroffene Altersgruppe kann grundsätzlich nicht definitiv eingegrenzt werden, denn die Bandbreite variiert und ist von den jeweiligen Delikten abhängig.

Bei Romance Scams fallen beispielsweise hauptsächlich über 50-jährige Internetnutzende zu Opfer, während bei Anlagebetrügen vor allem über 30-Jährige zum Ziel werden. Diese Beispiele sind jedoch lediglich Richtlinien und keine definitiven Grenzen.

Welche Fehler werden bei der Benutzung des Internets oftmals begangen? Worauf sollten Internetbenutzende achten? 

Bei der Internetbenutzung sind ein zu schnelles Vertrauen sowie Gutgläubigkeit ein signifikanter Fehler. Im digitalen Raum sollte genau hingeschaut werden, denn keine oder ungenügende Verifikationen von Sachverhalten und Personen können zu erheblichen Folgen führen. Deshalb ist es zudem wichtig, die Inhalte sowie Aussagen stets zu hinterfragen.

In welchen Situationen ist auch versierten Internetbenutzenden besondere Vorsicht geboten? 

Grundsätzlich immer, wenn man sich im digitalen Raum aufhält. Ganz besonders, wenn es um Geld und persönliche Informationen geht. Denn alles, was ins Internet gelangt, wird fortbestehen und kann im schlimmsten Fall verbreitet oder missbräuchlich verwendet werden.

Wie können sich Internetbenutzende vor Betrügenden schützen? 

Tipps für ein sicheres Internetverhalten sind genaues Hinschauen sowie Überprüfung von Seiten, Hinterfragung von Angeboten, ausschliesslich persönliche Abwicklung von Geldgeschäften und allgemein eine vorsichtige oder zunächst kritische Haltung bei unbekannten Inhalten und Personen.

Eine Zwei-Faktor-Authentifizierung erhöht die Sicherheit. Ist mehr als nur ein Passwort oder Hindernis vorhanden, haben es Betrügende schwerer, einzudringen.

Zudem können technische Schutzprogramme und ein gesunder Menschenverstand die Benutzenden vor einem Delikt bewahren. 

Was macht eine Zwei-Faktor-Authentifizierung als Schutz aus? Weshalb reicht es nicht immer, nur ein Passwort zu haben? 

Eine Zwei-Faktor-Authentifizierung erhöht die Sicherheit. Ist mehr als nur ein Passwort oder Hindernis vorhanden, haben es Betrügende schwerer, einzudringen. Zudem können simpel gewählte Kennwörter einfacher gehackt werden. Dies ist den Betrügenden bewusst. 

Wie sollten Betroffene bei Verdacht auf einen Cyberangriff handeln?

Die Handlung hängt vom Ausmass der Tat ab. Im Grundsatz ist es wichtig, regelmässig Back-ups zu erstellen und eine gute IT-Infrastruktur zu haben. Besteht ein konkreter Verdacht, sollte man sich an die Polizei wenden. 

Und wie sollten sie sich verhalten, wenn sie den Betrug zu spät erfassen und bedroht werden? Wie gut sind diese Opfer rechtlich geschützt? 

Opfer von Cyberdelikten sollten sich umgehend an die Polizei wenden. Dabei werden die Betroffenen mit der notwendigen Unterstützung sowie Beratung versorgt. In der Schweiz sind sie sind durch die geltenden Strafnormen gegen Internetkriminelle gut geschützt. 

Wie erfolgreich sind Klagen gegen Cyberkriminalität? 

Die Aufklärungsquote bei Cyberkriminalitätsdelikten ist unter 50 Prozent, zumal die Täterschaft international agiert und sich auf eine einfache Art und Weise anonymisieren kann. Zudem hören die Ermittlungstätigkeiten der digitalen Welt nicht an der Landesgrenze auf. Die internationalen Ermittlungen sowie die Anonymisierung im Netz erschweren die Untersuchungen gegenüber herkömmlichen Straftatbeständen.

Dies resultiert im Vergleich zu nicht digitalen Delikten in einer tieferen Aufklärungsquote. Weil der Erfolg der Cyberkriminalität enorm mit technischen und menschlichen Schwächen einhergeht, investiert die Polizei bei dieser Deliktgruppe sehr gezielt in die Prävention.

Interview Elma Pusparajah

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