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KMU

Der wichtigste Algorithmus bleibt der Mensch

27.07.2026
von Thomas Soltau

In Schweizer Onlineshops ist künstliche Intelligenz längst mehr als ein Experiment. Sie schreibt Produkttexte, übersetzt Inhalte, hilft bei Bildern und unterstützt erste Formen des Kundenservice. Die Onlinehändlerbefragung 2025 von FHNW, Handelsverband.swiss, Datatrans und der Schweizerischen Post zeigt, wie schnell sich das verändert hat: 83 Prozent der befragten Händler nutzen KI bereits für Text- und Übersetzungsaufgaben. Was nach Effizienz klingt, berührt inzwischen den Kern vieler KMU: Wie arbeiten Menschen, wenn Maschinen immer mehr Vorarbeit übernehmen?

Viele kleine und mittlere Unternehmen haben KI zunächst dort eingesetzt, wo der Nutzen sofort sichtbar war. Ein logischer Schritt, denn der Text muss schneller fertig werden oder eine Produktbeschreibung fehlt. Solche Aufgaben lassen sich heute mit wenigen Klicks erledigen. Doch aus einzelnen Hilfsmitteln entsteht noch längst keine Transformation. Wer KI lediglich für schnellere Ergebnisse nutzt, kratzt oft nur an der Oberfläche und blendet andere Möglichkeiten aus. Interessant wird es erst, wenn Unternehmen ihre Abläufe neu denken und sich fragen, wie Mitarbeitende künftig arbeiten sollen.

Die Schweiz ist weiter, als viele denken

Künstliche Intelligenz ist längst kein Thema mehr für einige wenige Vorreiter. Die HWZ und Swisscom kommen in ihrer Marktstudie 2025 zum Schluss, dass 38 Prozent der befragten Schweizer KMU generative KI bereits eingeführt haben oder deren Einsatz aktiv prüfen. Datenanalyse folgt mit 35 Prozent. Besonders gefragt sind Anwendungen für Marketing, Content-Erstellung und Prozessautomatisierung. Das zeigt, wie rasch die Technologie in den Arbeitsalltag vorgedrungen ist. Es wird aber auch deutlich, dass viele Unternehmen noch nach einem Weg suchen, daraus einen dauerhaften Vorteil zu machen.

Die Angst vor dem Ersatz greift zu kurz

Die Sorge, künstliche Intelligenz könnte Arbeitsplätze verdrängen, begleitet die Debatte seit Jahren. In der Praxis ergibt sich bislang ein differenzierteres Bild. Das KMU-Portal des Bundes verweist auf die Axa-KMU-Arbeitsmarktstudie 2025: 57 Prozent der KI nutzenden Schweizer KMU berichten von messbaren Zeitgewinnen durch den Einsatz von KI. Nur zwei Prozent geben an, wegen Produktivitätsgewinnen Stellen abgebaut zu haben. Zehn Prozent berichten dagegen, dass durch KI neue Arbeitsplätze entstanden sind. Diese Zahlen passen zu vielen Erfahrungen aus dem Unternehmensalltag. Die Arbeit verschwindet nicht einfach – sie verändert sich. Standardaufgaben werden schneller erledigt, während anspruchsvollere Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sehen viele Unternehmen darin eine Chance.

Weshalb Schulungen wichtiger werden als Software

Viele Betriebe investieren zunächst in neue Anwendungen. Das ist nachvollziehbar, löst aber nur einen Teil der Aufgabe. Entscheidend wird, ob Mitarbeitende lernen, die neuen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen. Wer mit KI arbeitet, muss Ergebnisse einordnen, Fehler erkennen und Quellen prüfen können. Solche Fähigkeiten entstehen nicht automatisch durch den Kauf einer Lizenz. Sie müssen aufgebaut werden. Der Microsoft Work Trend Index 2024 zeigt, dass bereits 75 Prozent der Wissensarbeitenden weltweit generative KI im Arbeitsalltag einsetzen. Gleichzeitig wünschen sich viele Beschäftigte mehr Orientierung und Weiterbildung. Die Nachfrage nach Wissen wächst deshalb fast ebenso schnell wie die Technologie selbst.

Der Vertrieb lernt schneller

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel bei der Marktbearbeitung. Viele Entscheidungen im Vertrieb basierten lange auf Erfahrung, persönlichem Austausch und vorhandenen Kundendaten. Diese Grundlagen bleiben wichtig. Neu ist, dass KI zusätzliche Erkenntnisse liefert und Zusammenhänge sichtbar macht, die früher oft verborgen blieben. Dadurch lassen sich Zielgruppen genauer ansprechen und Kampagnen schneller anpassen. Unternehmen erkennen früher, welche Botschaften funktionieren und wo Potenzial ungenutzt bleibt. Gerade KMU profitieren davon. Sie verfügen zwar meist nicht über riesige Marketingbudgets, können neue Ideen aber oft schneller testen als grosse Organisationen.

E-Commerce wird persönlicher

Im Onlinehandel sind die Veränderungen bereits sichtbar. Die Onlinehändlerbefragung 2025 nennt neben den 83 Prozent für Text- und Übersetzungsaufgaben auch etwa 65 Prozent für Produkttexte. Fast die Hälfte der Händler erstellt Produktbilder inzwischen mit KI. Zusätzlich gewinnen KI-gestützte Assistenten im Verkauf und Kundenservice an Bedeutung. Für Kundinnen und Kunden macht das einen Unterschied. Sie erhalten passendere Empfehlungen, finden Produkte schneller und bekommen rascher Antworten auf ihre Fragen. Für Unternehmen entsteht daraus die Möglichkeit, ihre Angebote genauer auf Bedürfnisse auszurichten. Personalisierung entwickelt sich damit zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor.

Der Mensch bleibt der Bezugspunkt

Bei aller Dynamik lohnt sich ein nüchterner Blick auf die eigentliche Entwicklung. Unternehmen werden künftig nicht erfolgreicher sein, weil sie Zugang zu denselben Programmen haben wie ihre Konkurrenz. Erfolgreich werden jene sein, die ihre Mitarbeitenden in die Lage versetzen, diese Werkzeuge sinnvoll einzusetzen. Die nächste Phase der Digitalisierung beginnt deshalb nicht mit einer neuen Softwaregeneration – sie beginnt dort, wo Menschen lernen, mit neuen Möglichkeiten verantwortungsvoll umzugehen. Für Schweizer KMU liegt genau darin eine grosse Chance. Wer künstliche Intelligenz als Teil seiner Unternehmensstrategie versteht, verbessert nicht nur Prozesse. Er schafft die Voraussetzungen dafür, klüger zu entscheiden und sich an Veränderungen anzupassen.

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