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Editorial KMU

Die schwierigste Entscheidung steht noch bevor

27.07.2026
von SMA

Fabio Regazzi
Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands

Es gibt Entscheidungen im Leben von Unternehmerinnen und Unternehmern, die man mit Zahlen, Analysen und Erfahrung vorbereiten kann. Und dann gibt es jene, bei denen es um weit mehr geht: um Vertrauen, Verantwortung und die Frage, was von einem selbst bleibt. Für mich ist die Nachfolge meines Unternehmens eine solche Entscheidung.

Unternehmertum gehört seit meiner Kindheit zu meinem Leben. Mein Grossvater legte vor 80 Jahren den Grundstein für unser Unternehmen, mein Vater entwickelte es weiter, und ich durfte es während zehn Jahren erst als CEO führen und bis heute als Verwaltungsratspräsident prägen. 

Wer ein Familienunternehmen führt, weiss: Es geht nie nur um Bilanzen, Maschinen oder Marktanteile. Es geht um Menschen. Um Mitarbeitende, die über Jahrzehnte ihre Arbeit mit Stolz verrichten. Um Familien, die auf sichere Arbeitsplätze vertrauen. Und um Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Gerade deshalb ist die Frage der Nachfolge eine der schwierigsten überhaupt.

Mit 64 Jahren stelle ich mir diese Frage intensiver denn je. Wer wird eines Tages die Verantwortung übernehmen? Wer wird die richtigen strategischen Entscheidungen treffen, wenn ich es als Verwaltungsratspräsident nicht mehr tue? Wer wird die Kultur des Unternehmens bewahren und gleichzeitig den Mut haben, neue Wege zu gehen?

Ich habe keine Kinder. Natürlich gibt es in meiner Familie junge Menschen, die talentiert und engagiert sind. Aber Unternehmertum lässt sich nicht verordnen. Verantwortung kann man nicht einfach weiterreichen wie einen Schlüsselbund. Sie muss wachsen. Sie braucht Interesse, Leidenschaft und die Bereitschaft, Risiken zu tragen.

Diese Herausforderung betrifft längst nicht nur mich. Als Vizepräsident des Verbands der Tessiner Familienunternehmen weiss ich, dass viele Unternehmerinnen und Unternehmer vor derselben Frage stehen. Die Zeiten haben sich verändert. Früher war die Nachfolge oft vorgezeichnet. Die nächste Generation übernahm fast selbstverständlich. Heute haben junge Menschen andere Lebensentwürfe, andere Prioritäten und andere Vorstellungen von ihrem Leben.

Das ist weder gut noch schlecht. Es ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen.

Gerade deshalb darf die Nachfolge nicht erst dann zum Thema werden, wenn der Zeitpunkt der Übergabe unmittelbar bevorsteht. Sie beginnt Jahre zuvor. Sie beginnt mit Gesprächen, mit Vertrauen und mit der Bereitschaft, Verantwortung schrittweise zu übertragen. Wer glaubt, eine Nachfolge lasse sich mit einem Vertrag oder einem einzigen Entscheid regeln, unterschätzt ihre Komplexität.

Denn am Ende geht es nicht nur darum, wer Eigentümerin oder Eigentümer eines Unternehmens wird. Es geht darum, wer bereit ist, dessen Zukunft zu tragen – wenn es gut läuft, aber auch wenn es nicht so gut läuft. 

Ich habe während meines Berufslebens zuerst als junger Anwalt und danach als Geschäftsinhaber und Politiker gelernt, dass erfolgreiche Unternehmen immer bereit sein müssen, sich zu verändern. Als ich die operative Leitung innehatte, waren die Herausforderungen andere als heute. Damals standen Wachstum, Internationalisierung oder neue Produktionsmethoden im Vordergrund. Heute kommen weitere Fragen hinzu: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Cybersecurity und ein immer komplexeres wirtschaftliches Umfeld.

Diese Entwicklungen verändern auch die Anforderungen an die nächste Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern, wobei eines bleibt: Als Unternehmerin oder Unternehmer musst du Freude haben am Führen, an der Zusammenarbeit mit Menschen, an der Teamführung. Für mich ist und war es immer einer der schönsten Berufe überhaupt. Trotz aller Herausforderungen würde ich diesen Weg jederzeit wieder einschlagen. 

Künstliche Intelligenz wird Produktionsprozesse verändern, Planungsabläufe vereinfachen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Gleichzeitig entstehen neue Risiken. Cyberangriffe treffen längst nicht mehr nur Grossunternehmen. Gerade KMU sind zunehmend Ziel von Kriminellen, weil sie oft nicht über die Ressourcen grosser Konzerne verfügen. Wer künftig ein Unternehmen führt, muss deshalb nicht nur Märkte und Produkte verstehen, sondern auch digitale Risiken einschätzen und Verantwortung für die Sicherheit von Daten, Prozessen und Mitarbeitenden übernehmen.

Die Unternehmerinnen und Unternehmer von morgen werden andere Fähigkeiten brauchen als jene von gestern. Aber eines wird sich nie ändern: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Als Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands begegne ich täglich Unternehmerinnen und Unternehmern, die Grossartiges leisten. Sie investieren, bilden aus, schaffen Arbeitsplätze und engagieren sich für ihre Regionen. Gleichzeitig kämpfen sie mit steigenden Kosten, zunehmender Regulierung und einem Fachkräftemangel, der viele Branchen vor grosse Probleme stellt.

Die Schweiz lebt von ihren KMU. Sie schaffen mehr als 60 Prozent der Arbeitsplätze in unserem Land. Trotzdem werden ihre Anliegen in politischen Debatten manchmal zu wenig gehört. Gerade kleinere Betriebe verfügen nicht über grosse Rechtsabteilungen oder umfangreiche Compliance-Teams. Sie brauchen Freiräume, Planungssicherheit und Rahmenbedingungen, die Unternehmertum ermöglichen statt erschweren.

Die Nachfolge meines Unternehmens beschäftigt mich besonders. Sie ist nicht nur eine persönliche Frage. Sie steht sinnbildlich für eine grössere Herausforderung: Wie gelingt es uns, Werte, Wissen und Verantwortung in eine neue Zeit zu überführen?

Ich kenne die Antwort darauf nicht.

Ich weiss nur, dass sich eine Nachfolge nicht erzwingen lässt. Man muss zuhören. Verschiedene Optionen prüfen. Offenbleiben – auch für Lösungen ausserhalb der Familie. Vor allem aber braucht es Geduld.

Geduld war in meinem Leben immer wichtig. In der Politik. Im Unternehmertum. Und auch privat. Als passionierter Jäger weiss ich, dass es sich lohnt, den richtigen Moment abzuwarten und nicht vorschnell zu handeln. Nicht jede Entscheidung muss sofort getroffen werden. Manche brauchen Zeit, weil sie weitreichende Folgen haben.

Die Nachfolge ist für mich eine solche Entscheidung.

Vielleicht ist sie tatsächlich die schwierigste meines Lebens. Nicht, weil es an Möglichkeiten fehlt. Sondern weil sie über meine eigene Person hinausgeht. Sie betrifft die Zukunft eines Unternehmens, die Arbeitsplätze vieler Menschen und die Frage, wie ein Lebenswerk weitergeführt werden kann.

Ich gehe diese Aufgabe so an, wie ich es immer getan habe: mit Respekt vor der Verantwortung, mit Offenheit für Neues und mit der Überzeugung, dass die wichtigsten Entscheidungen selten unter Zeitdruck entstehen.

Am Ende ist es vielleicht tatsächlich eine Frage des Timings.

So wie meistens im Leben. In der Politik. Und im Unternehmertum.

Text Fabio Regazzi, Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands

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