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KMU

Die Schweiz braucht ein attraktives KMU-Ökosystem

27.07.2026
von Pia Soldan

Aus Prof. Dr. Thomas Zellwegers Perspektive bilden kleine und mittlere Unternehmen einen zentralen Wirtschaftsfaktor in der Schweiz, der zu guten Arbeitsplätzen und Wohlstand führt. Umgekehrt bedeutet das für den Wirtschaftswissenschaftler der Universität St. Gallen, dass Politik, Verwaltung und Gesellschaft KMU den Boden bereiten sollten, auf dem sie optimal florieren. 

Prof. Dr. Thomas Zellweger
Wirtschaftswissenschaftler

Herr Prof. Dr. Zellweger, Sie befassen sich mit KMU und prägen den Begriff des KMU-Ökosystems. Warum legen Sie Wert darauf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Ich beobachte, dass die Schweiz ein KMU-Land ist, ein Land der kleinen und mittleren Unternehmen, der Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitenden, die zwei Drittel aller Arbeitsplätze stemmen, aber etwa 99,7 Prozent aller Unternehmen ausmachen. Wir müssen uns in Anbetracht des Wettbewerbs auch von ausserhalb der Schweiz Gedanken machen, wie wir diese Firmen fördern und ihnen ein Umfeld geben, in dem sie prosperieren können. Es geht darum, Firmen in ihrem Erfolg zu unterstützen, sich weiterzuentwickeln, innovativ zu bleiben und zu wachsen, um weiterhin Arbeitsplätze dezentral, lokal, nicht zuletzt auch auf dem Land bereitzustellen.

Was brauchen KMU, um erfolgreich zu agieren?

Wir dürfen Unternehmenseigentümer:innen möglichst nicht durch Steuern belasten, in den Firmen, aber auch privat. Das bezieht sich auf Steuern bei Unternehmensübergaben, Steuererleichterung bei Dividenden oder Steuerprivilegien auf Holdings. Das zweite Standbein sind flexible Arbeitsmärkte. Das heisst, Kündigungsschutz nicht so extrem auszubauen, die Arbeitsdauer pro Woche flexibel zu gestalten und nicht zu stark bürokratisch einzugreifen.

Das dritte Standbein ist, dass wir bei einem starken Bildungsstandard bleiben. Damit meine ich insbesondere den dualen Bildungsweg. Die Durchlässigkeit zwischen einem eher praktischen Weg mit Berufslehre und einem akademischen Weg über Fachhochschulen und Universitäten sollten wir weiter pflegen. Der vierte Punkt ist, Bürokratie schlank und Bewilligungsverfahren kurz zu halten. Auch die Möglichkeit zur Kurzarbeit sollten wir weiterhin pflegen.

Wichtig ist gerade für KMU die nachwachsende Generation. Welche Bedarfe haben die jungen Menschen vor dem Hintergrund der Weiterführung bestehender Unternehmen?

Wir haben eine Generation vor uns, die zwar an Unternehmertum interessiert ist, aber nicht ins Handeln kommt. Ich glaube, das ist eine interessante Lücke, die sich auftut, zwischen Interesse und Bereitschaft, ins Risiko zu gehen.

Wir müssen uns Gedanken machen, wie man diese Lücke wieder schliessen kann. Wir denken hier insbesondere an Rollenvorbilder. Ein realistisches Unternehmertum heisst, dass es möglich ist, Spass daran zu haben, sein eigenes Ding zu tun; dass es erfolgreich sein kann. Wir brauchen eine motivierende Kultur, mit der wir Leute bewegen, unternehmerisch tätig sein zu wollen.

Beschreiben Sie doch bitte einmal die zentralen Stärken und Schwächen von KMU.

Zunächst möchte ich auf die Innovationskraft hinweisen. Die zweite grosse Stärke ist, dass Sie einen Anreiz zum Erfolg haben, wenn die Firma Ihnen gehört. Wenn Sie etwas Tolles gefunden haben und damit Geld verdienen, ist das unglaublich motivierend.

Die dritte Stärke ist die Identifikation: dass es meine Firma ist, meine Story. Das bietet auch die Möglichkeit, persönliche Beziehungen einzugehen und nicht einfach nur über Verträge mit Menschen zu arbeiten.

Diese drei Vorteile haben jedoch auch Kehrseiten. Die Kehrseite der Innovationskraft ist die Unverlässlichkeit. Ich kann als Unternehmer frei entscheiden und damit meine Meinung jederzeit ändern. Was ist nun aber genau die Idee? Was will die oder der Unternehmer:in genau? Das ist nicht immer einfach für Mitarbeitende, denn sie sind bis zu einem gewissen Grad den Launen und Ideen des Unternehmers ausgeliefert. Der zweite grosse Nachteil ist, dass Eigentümer:innen manchmal zu Control-Freaks und Mikromanager:innen werden und andere nicht teilhaben lassen. Sie haben das Gefühl: Es ist ja meine Firma. Der dritte Nachteil ist die Nachfolgethematik: Es kommt vor, dass man zu lange an einer Firma festhält, sodass man als Unternehmer:in für die Firma zum Problem wird.

Häufig handelt es sich um Familienbetriebe. Welche Rolle spielen dabei emotionale Verwicklungen?

An der Spitze dieser Firmen stehen Personen. Sie stehen in Beziehung mit anderen Personen, die mit am Tisch sitzen, und wenn familiäre Beziehungen hier hineinkommen, dann verändert sich die Dynamik. 

Die Natur dieser Beziehungen hat zum Beispiel einen wesentlichen Einfluss auf die Interessengleichheit der Personen. Das Wohlwollen, das Vertrauen, die Nähe der Personen, die Bereitschaft, offen über Probleme zu sprechen, sich zu unterstützen, sind wesentliche Faktoren, ob man im Unternehmertum erfolgreich ist oder nicht.

Im besten Fall kommen die Vorteile in engen Beziehungen zum Tragen. Dann kann ich mich voll auf die andere Person verlassen.

Aber diese Nähe macht eine Firma auch abhängig von der Beziehungsqualität. Stellen Sie sich vor, zwei Geschwister sind beteiligt, die nicht miteinander auskommen. Es entwickelt sich Streit. Dann schwappt das über auf die Firma. Typischerweise sind Firmen dann nicht mehr handlungsfähig, weil man wesentliche Entscheidungen nicht mehr treffen kann. Das ist lähmend für Firmen.

Welche Möglichkeiten haben KMU denn in Bezug auf die Suche nach Auszubildenden und Fachkräften ausserhalb der Familie?

Ich war heute Morgen bei einem Event, an dem wir uns drei KMU angeschaut haben, die extrem viel machen, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Dazu gehören moderne Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, Team-Events, echter Einbezug in die Gestaltung der Firma, nicht zuletzt auch Teilhabe am Erfolg, gar Miteigentum an der Firma. Man muss als KMU kreativ sein, insbesondere in ländlichen Regionen, aber ich sehe tolle Beispiele, wie man attraktive Arbeitsplätze schaffen kann.

Haben Sie noch eine Message, die Sie übermitteln wollen?

Wir müssen uns in der Schweiz über die Stärkung des KMU-Ökosystems Gedanken machen. Von der Politik, von der Verwaltung und den Verbänden wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema. In den vier Bereichen, die ich erwähnt habe – Steuern, Arbeitsmarkt, Bildung und Bürokratie – sollten wir weiterhin attraktiv bleiben.

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