Interview von Walter Nogueira

Silvan Brauen: «Tradition schliesst Innovation nicht aus»

Der Co-CEO der Rivella Group spricht im Interview darüber, wie Innovation und Führung zusammenhängen.

Zwischen Tradition und einer Arbeitswelt im Wandel zeigt Rivella, dass Innovation nicht nur im Sortiment stattfindet. Co-CEO Silvan Brauen erklärt, wie Führung beweglicher wird, welche Rolle Vertrauen spielt und warum Zukunftsfähigkeit vor allem dort entsteht, wo Menschen Verantwortung übernehmen können.

Herr Brauen, vor Ihrer heutigen Führungsrolle haben Sie Ihr Unternehmen aus verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Welche Erfahrungen prägen Ihr Führungsverständnis bis heute?

Ich durfte auf dem Weg zum Co-CEO der Rivella Group das Unternehmen bereits in sechs verschiedenen Funktionen mitgestalten. Diese diversen Erfahrungen – vom Innovationsmanager zum Inhouse-Start-up-Rebellen bis zur Geschäftsleitungsfunktion – haben mein Führungsverständnis entscheidend geprägt. Primär helfen unterschiedliche Rollen und Perspektiven enorm, das Gesamtunternehmen, dessen Kultur, Prozesse, Strukturen und vor allem die Menschen besser zu verstehen. Ich habe gelernt, dass es sich besser gemeinsam arbeiten lässt, wenn man auch wirklich versteht, was das Gegenüber tut und bewegt. Und dass Führung dann am besten gelingt, wenn zwar übergeordnete strategische Rahmenbedingungen bestehen, die konkrete Umsetzung der Zielerreichung aber voll in der Kompetenz und im Gestaltungsfreiraum der Mitarbeitenden liegt.

Rivella ist tief in der Schweiz verwurzelt und gleichzeitig Teil eines Marktes, der sich stark verändert. Wie gelingt es, eine Traditionsmarke weiterzuentwickeln, ohne ihre Herkunft zu verwässern?

Viele Menschen in der Schweiz bezeichnen Rivella als das inoffizielle Nationalgetränk. Nächstes Jahr feiern wir das 75-Jahre-Jubiläum von Rivella und dürfen uns als echte Traditionsmarke bezeichnen. Diese Tradition schliesst Innovation nicht aus – ganz im Gegenteil. Eine Marke muss sich kontinuierlich weiterentwickeln und neu erfinden, ohne dabei ihre traditionellen Wurzeln zu vergessen oder zu negieren. Dieses spannende Zusammenspiel zwischen Tradition und Innovation reizt mich jeden Tag. Gerade in einer Führungsfunktion ist man primär für die Zukunft verantwortlich und sollte sich auf keinen Fall auf den Lorbeeren vergangener Erfolge ausruhen. Man muss zwar gewissen Kernwerten der Marke treu bleiben, sich dabei aber immer an die neuesten Veränderungen der Konsumentenbedürfnisse und Marktdynamiken anpassen – sonst verliert man schnell an Relevanz.

Der Mensch muss konsequent in den Mittelpunkt gestellt werden und die gesamte Organisation muss wissen und akzeptieren, dass der ständige Wandel ein Dauerzustand sein wird.– Silvan Brauen,
Co-CEO Rivella Group

Wie wird dieser Anspruch im Sortiment greifbar, gerade mit Blick auf neue Produkte wie Rivella Original und Rivella Peach Zero in der Dose?

Einerseits sind Rivella Rot und Rivella Blau unsere beiden Klassiker – und immer noch die beiden wichtigsten Geschmacksrichtungen im ganzen Portfolio. Andererseits sind gerade Innovationen entscheidende Treiber für die Dynamisierung der Marke und als neue Wachstumstreiber für das Unternehmen. So gehört seit 2019 auch die Vitaminwasser-Marke Focuswater zu unserem Unternehmen und reitet seither auf einer regelrechten Erfolgswelle. Der Grundauftrag unserer Firma ist, das traditionelle Kernsortiment kontinuierlich zu pflegen und weiterzuentwickeln, gerade auch mit neuen Verpackungsinnovationen wie der Rivella-Rot-Dose. Dazu braucht es aber unbedingt auch viele Produktinnovationen wie die Rivella Peach Zero in der Dose oder neue Focuswater-Geschmacksrichtungen, um neue Konsument:innen und Konsumgelegenheiten bedienen zu können. Unsere Innovationspipeline auf Rivella und Focuswater ist prall gefüllt für die nächsten Jahre.

Innovation findet nicht nur in Produkten oder Technologien statt, sondern auch im Management. Was bedeutet Innovation für Sie in der Führung?

Auch Führung muss mit der Zeit gehen und sich kontinuierlich an neue Rahmenbedingungen und Bedürfnisse anpassen. Man kann in diesem Kontext durchaus von Leadership-Innovationen sprechen, also neuen Ansätzen, Methoden und Prinzipien, wie man Teams führen und organisieren kann. Wir haben in der Rivella Group konkrete Führungsgrundsätze, ein sogenanntes Erfolgsrezept für Führung, das wir immer wieder auf den Prüfstand stellen und weiterentwickeln. Wir machen Führungsschulungen und Workshops und fördern den Austausch zwischen Führungskräften innerhalb und ausserhalb der Firma. In diesem kontinuierlichen Austausch entstehen die besten neuen Innovationen in der Führung. Ein grosses Ziel dieser Bestrebungen ist es, über die Führung die Anpassungsfähigkeit und Kreativität der Mitarbeitenden bestmöglich zu entfalten und unsere Teams für die immer komplexeren Herausforderungen der modernen Arbeitswelt zu befähigen.

Sie führen Rivella im Co-CEO-Modell. Was hat Sie diese Form der geteilten Verantwortung über Vertrauen, Entscheidungsfindung und moderne Führung gelehrt?

Meine allerwichtigste Erkenntnis zum Co-CEO-Modell ist, dass verschiedene Sichtweisen und Perspektiven bei immer komplexer werdenden Fragestellungen meist zu besseren, ausgewogeneren Lösungen führen. Das Co-CEO-Modell ist eine Zusammenarbeitsform, die auf kontinuierliches, gegenseitiges Herausfordern von individuellen Glaubenssätzen und Denkmustern setzt. Dies immer mit dem Ziel, gemeinsam die besten Entscheidungen für den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens zu treffen. In einer erfolgreichen Co-CEO-Konstellation vertraut man dem Gegenüber, schätzt die andere Perspektive und hat eine transparente, ambitionierte Kultur der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor ist, dass es in einem Co-CEO-Modell an der Spitze auch nicht mehr einsam ist. Gemeinsam geht es nicht nur besser, es macht auch schlicht und einfach mehr Spass.

Silvan Brauen (rechts) feiert mit dem Rivella-Team die Auszeichnung «Bester Arbeitgeber».

Führung wird oft mit Klarheit und Richtung verbunden. Gleichzeitig müssen Führungskräfte heute Unsicherheit aushalten können. Wie gelingt es als CEO, Orientierung zu geben und zugleich offen für neue Wege zu bleiben?

Alles beginnt mit einer klaren Vision und den strategischen Zielen, Stossrichtungen und Rahmenbedingungen des Gesamtunternehmens. Bei diesen Themen kann man nicht präzise genug sein. Wie man aber diese Visionen und Ziele konkret erreicht, das weiss nicht der CEO am besten, sondern die Mitarbeitenden mit ihrem vertieften Know-how und ihrem täglichen Einsatz. Unsicherheit und Ambivalenz gehören zum Unternehmensalltag, das ist der Normalfall. Die Führung eines Unternehmens ist keine exakte Naturwissenschaft. Ein Unternehmen ist eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam etwas schaffen und erreichen wollen. Genau deshalb braucht es kompetente und motivierte Mitarbeitende, die selbstwirksam und mit grösstmöglichem Gestaltungsfreiraum die besten Lösungen zur Zielerreichung und zur nachhaltigen Weiterentwicklung der Firma finden können.

Rivella Group wurde 2026 erneut als die beste Arbeitgeberin der Schweiz ausgezeichnet. Welche Kultur und Führung braucht es, damit Mitarbeitende nicht nur gerne arbeiten, sondern im Alltag Neues ausprobieren, Verantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln können?

Wir freuen uns enorm über solche Auszeichnungen wie die zur besten Arbeitgeberin der Schweiz. Es bestätigt die überaus hohe Attraktivität unseres Unternehmens für Arbeitnehmende und hilft natürlich in der Positionierung unserer Firma im Arbeitsmarkt – dem sogenannten Employer-Branding. Noch viel wichtiger ist mir aber, was unsere Mitarbeitenden selber zur Unternehmenskultur bei der Rivella Group sagen. Seit vielen Jahren messen wir unsere Unternehmenskultur systematisch im Rahmen von Mitarbeitendenbefragungen. Auch hier erzielen wir gerade Rekordwerte, was mich enorm freut. Unsere Führungskultur ist geprägt von Respekt, gegenseitigem Vertrauen und partizipativer Zusammenarbeit. Führungskräfte in einer wertschätzenden Unternehmenskultur handeln vorbildlich, vertrauen dem Team, sind mutig, sehen den Menschen und schätzen verschiedene Perspektiven. Ich erachte es zudem als zentrale Führungsaufgabe, Mitarbeitende in ihrer kontinuierlichen Weiterentwicklung zu begleiten und zu fördern.  

Welche Fähigkeiten werden Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren besonders entscheidend sein, nicht nur für Führungskräfte, sondern für Mitarbeitende auf allen Ebenen eines Unternehmens?  

Ich würde hier eine Kombination aus Anpassungsfähigkeit und Werteorientierung nennen. Dies führt zurück zur Diskussion um Innovation und Tradition. Die Welt verändert sich und dies immer schneller. Daher müssen sich Führungskräfte und Mitarbeitende ebenfalls verändern: Neues lernen, neue Wege gehen, sich weiterbilden und weiterentwickeln. Aber trotz all dieser Veränderung darf man nie vergessen, wohin man als Unternehmen streben will und welche Werte einen auf diesem Weg begleiten sollen. Im Zentrum steht das «Warum» man etwas tut, noch vor dem «Was» und «Wie». Führungskräfte und Mitarbeitende, denen es gelingt, sich an Neues anzupassen, dabei aber ihren eigenen Wertekompass und denjenigen des Unternehmens nicht verlieren, sind meines Erachtens in den nächsten Jahren besonders im Vorteil. 

Wenn Sie an die Arbeitswelt von morgen denken: Was sollten Unternehmen heute lernen, um auch künftig erfolgreich und attraktiv zu bleiben?

Damit ein Unternehmen wie die Rivella Group auch in der Arbeitswelt von morgen noch so erfolgreich und attraktiv wie heute bleiben kann, braucht es vor allem eines: Der Mensch muss konsequent in den Mittelpunkt gestellt werden und die gesamte Organisation muss wissen und akzeptieren, dass der ständige Wandel ein Dauerzustand sein wird. Erfolgsfaktoren sind die Förderung von Kreativität, Agilität und die Offenheit gegenüber Neuem, sei dies in technologischen, kulturellen, kommerziellen oder anderweitigen Themen. Lebenslanges Lernen und Transformieren – als Individuum, als Team, aber auch als Gesamtorganisation – ist dabei entscheidend.

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27.07.2026
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