Geopolitische Turbulenzen – Was können KMU tun?
Die Phase einer offenen, regelbasierten Weltwirtschaft neigt sich erkennbar dem Ende zu. Immer mehr Länder greifen zu protektionistischen Massnahmen. Zölle, Subventionen und regulatorische Hürden nehmen zu. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und staatliche Industriepolitik führen zu einer schrittweisen Fragmentierung der Märkte. Für KMU bedeutet das: Das Umfeld wird anspruchsvoller und selektiver. Wer seine Stärken konsequent nutzt, kann sich darin behaupten.
Stärken gezielt ausspielen
KMU verfügen über Eigenschaften, die in Zeiten erhöhter Unsicherheit besonders wertvoll sind. Die Nähe zu Mitarbeitenden, Kunden und Lieferanten ist ein oft unterschätzter Stabilitätsfaktor. Die meisten KMU setzen auf die duale Berufsausbildung. Sie können darauf bauen, dass ein Teil ihrer Lernenden nach der Ausbildung im Unternehmen verbleibt. Mitarbeitende arbeiten oft über viele Jahre in einem KMU. Während grosse Konzerne Strukturen schneller anpassen, setzen KMU häufig auf Kontinuität. Diese Loyalität zahlt sich aus: Kundenbeziehungen bleiben stabiler, Lieferanten kooperativer und Mitarbeitende stehen in schwierigeren Phasen hinter dem Unternehmen.
Bei KMUs ermöglichen kurze Entscheidungswege und flache Hierarchien schnelle Reaktionen. Sie können Produktionsprozesse anpassen, alternative Beschaffungsquellen erschliessen oder neue Angebote testen – oft deutlich schneller als grössere Wettbewerber. Gerade in einem Umfeld mit rasch wechselnden Rahmenbedingungen ist diese Flexibilität ein Vorteil.
Innovationsfähigkeit unter Druck
Viele KMU sind lokal verankert und gleichzeitig mit hoch spezialisierten Produkten und Dienstleistungen international erfolgreich. Die Spezialisierung ermöglicht es, in globalen Nischenmärkten ein unverzichtbarer Teil der Wertschöpfungsketten zu sein. Dies stärkt die Position der KMU bei Frankenaufwertungen oder protektionistischen Massnahmen. Solche «Hidden Champions» sind auch in einer fragmentierten Welt gut positioniert.
So zentral diese Stärken sind, so offensichtlich bleiben strukturelle Schwächen. Innovation ist unerlässlich, wird aber immer ressourcenintensiver. Forschung, Digitalisierung, Automatisierung und neue Technologien verlangen hohe Investitionen. KMU stehen vor einem Zielkonflikt: Sie müssen innovativ bleiben, verfügen jedoch über begrenzte Mittel. In unsicheren Zeiten wächst die Versuchung, Innovation an andere Standorte zu verschieben. Dies geht aber zulasten der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit.
Der Aufbau eines zweiten Standbeins – sei es in neuen Märkten oder zusätzlichen Geschäftsfeldern – erhöht die Resilienz.
Verlässliche Rahmenbedingungen bleiben zentral
Die Fragmentierung der Weltwirtschaft schreitet voran und verändert die Rahmenbedingungen nachhaltig. Für KMU bedeutet das mehr Unsicherheit, höhere Kosten, aber auch neue Differenzierungschancen. Nähe, Flexibilität und Spezialisierung bleiben starke Trümpfe.
Begrenzte finanzielle Reserven erhöhen die Anfälligkeit gegenüber externen Schocks. Zölle, Lieferkettenstörungen oder Währungsschwankungen können schnell zu Liquiditätsengpässen führen. Umso wichtiger sind verlässliche Rahmenbedingungen, schlanke Verfahren und funktionierende Finanzierungszugänge im Inland. Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bleibt strukturell. KMU stehen in direkter Konkurrenz zu grossen Unternehmen und staatlichen Institutionen und haben oft weniger Mittel für Rekrutierung und Bindung. Die demografische Entwicklung wird die Problematik künftig noch verschärfen. Das duale Bildungssystem kann diese immerhin abdämpfen.
Strategische Antworten finden
Die veränderte Lage erfordert klare Prioritäten. In vielen KMU ist die Geschäftsleitung stark operativ eingebunden. In einem komplexeren Umfeld wird dies zum Engpass. Wer Innovation und strategische Entwicklung vorantreiben will, muss sich bewusst entlasten. Delegation, klare Verantwortlichkeiten und tragfähige Führungsteams sind dafür entscheidend.
Künstliche Intelligenz bietet konkrete Hebel. Automatisierung administrativer Abläufe, datenbasierte Entscheidungen oder gezielte Kundenansprache können Effizienz und Nutzen erhöhen. Entscheidend ist ein nüchterner Zugang: Der Einsatz ist dort sinnvoll, wo messbarer Mehrwert entsteht.
Gleichzeitig werden einseitige Abhängigkeiten zunehmend riskant. Der Aufbau eines zweiten Standbeins – sei es in neuen Märkten oder zusätzlichen Geschäftsfeldern – erhöht die Resilienz. Kooperationen und Partnerschaften können helfen, diesen Schritt mit überschaubarem Risiko zu gehen.
Bürokratie als Wachstumsbremse
Doch unternehmerische Anpassung allein genügt nicht. Regulatorische Anforderungen nehmen auch in der Schweiz stetig zu. Normen, Vorschriften, Berichtspflichten und komplexe Verfahren binden Kapazitäten. Für KMU ist dies besonders belastend, weil spezialisierte Strukturen fehlen. Bürokratie wird so zu einem direkten Hemmnis für Wachstum und schwächt den Wirtschaftsstandort Schweiz.
Wer als Unternehmen konsequent handelt und auf ein verlässliches politisches Umfeld zählen kann, hat gute Chancen, nicht nur zu bestehen, sondern gestärkt aus der aktuellen Phase hervorzugehen.
Gefordert ist daher auch die Politik: Bürokratie muss konsequent abgebaut werden. Die Digitalisierung der Behördengänge ist immer noch Flickwerk, die Vorschriften kompliziert, detailliert und in der Praxis schwer oder nur mit hohen Kosten umzusetzen. Das Forschungsinstitut BSS schätzt, dass in der Schweiz pro Jahr rund 30 Milliarden Franken eingespart werden können, wenn die Regulierung effizient ausgestaltet wäre. Unnötige Regulierungskosten belaufen sich somit auf eine stattliche Summe von rund 3500 Franken pro Einwohner:in in der Schweiz. Ebenso zentral sind ein flexibler Arbeitsmarkt und Investitionen in Bildung, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Es dürfen auch keine weiteren Belastungen eingeführt werden und die Finanzierung darf sich nicht verteuern.
Nur wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können KMU ihre Stärken voll ausspielen. Wer als Unternehmen konsequent handelt und auf ein verlässliches politisches Umfeld zählen kann, hat gute Chancen, nicht nur zu bestehen, sondern gestärkt aus der aktuellen Phase hervorzugehen.
Text Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse

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