Diversity
Recht Diversität

Mit einer ausgeglichenen Geschlechterquote zum Ziel

27.05.2021
von Vanessa Bulliard

Eine ungleiche Geschlechterquote gibt es in vielen Berufen dieser Welt. So ist es auch im Rechtsbereich: Insgesamt liegt der Frauenanteil in den Partnerschaften der grössten Schweizer Anwaltskanzleien bei unter 14 Prozent.

Nicht erst seit gestern ist die geringe Geschlechter-Diversität in verschiedenen beruflichen Tätigkeiten ein Thema. Vor allem Partnerschaften in Anwaltskanzleien missen einen ausgeglichenen Frauenanteil. «Dies liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass der Teilnahmepreis sehr hoch ist. Der Verlust an Familienzeit, eigener Freizeit und anderen Interessen ist sehr hoch», erklärt Nathalie Voser, heute Partnerin und Rechtsanwältin bei rothorn legal AG nach 25 Jahren Erfahrung in einer der grössten Kanzleien in der Schweiz. Strukturell sind Männer oftmals im Vorteil, da die Partnerin dem Mann zu Hause vieles rund um den Haushalt und die Kinder abnimmt. Dies sollte sich ändern.

Für mehr Ausgleich

«Eine ausgeglichene Geschlechterquote ist doch gar nicht wichtig. Wenn man nur Männer für die Arbeit findet, dann ist das auch kein Problem.» Solche Aussagen sind nicht selten. Auch Klient:innen könnten eine Änderung in dieser Haltung bewirken: Sie müssten die Forderung stellen, dass Frauen mehr gefördert werden. «Durch eine ausgeglichene Quote kann ein besseres Ergebnis erreicht werden. Der Umgang eines Problems in einem gemischten Team ist holistischer und die Arbeit macht mehr Spass», erwähnt Voser. Um das zu erreichen, muss ein Umfeld geschafft werden, in dem sich die Frauen wohlfühlen.

Was Frauen brauchen

Partnerschaften müssen akzeptieren, dass man Partnerin oder Partner sein kann, ohne 140 Prozent arbeiten zu müssen. Deshalb sollen Partnerschaften zugestehen, dass der zeitliche Aufwand reduziert werden sollte. Das Problem, welches dabei entsteht, ist, dass der Verdienst darunter leidet. Spielt dies eine weniger wichtige Rolle, so kann erreicht werden, dass Partner:innen mehr Frei- und Familienzeit haben. An einer Lösung der Problematik wird gearbeitet, jedoch sind einige Stolpersteine vorhanden. «Studien beweisen, dass Frauen sich weniger vom Gehalt oder Status anziehen lassen. Um die Partnerschaft somit attraktiver zu gestalten, sollte das Niveau der Anforderungen nach unten offener sein», meint Voser.

Hürden

In vielen Aspekten haben es Frauen im Rechtsbereich nicht immer leicht. Dies weiss auch Nathalie Voser: «Ich war oft alleine in einer Gruppe von Männern. Dabei bekam ich teilweise die typischen Klischees zu hören: ‹Sie sind zu emotional›. Schwierig fand ich zudem, dass ich aufgrund dieses Alleinseins immer etwas in der Defensive war.» Oftmals gerät eine Frau in einer solchen Situation in eine unerwünschte Rolle. Der Vorteil einer solchen Minderheit ist jedoch, dass man heraussticht und es immer spannend bleibt. Somit kann eine Frau auch von dieser Situation profitieren.

Lichtblicke am Horizont

Die spannende Seite des Berufes macht es lohnenswert, den Preis in Kauf zu nehmen. So sieht es auch Voser: «Ich könnte mir keinen interessanteren Beruf vorstellen. Die Arbeit bereitet mir eine solche Freude, dass ich sie niemals aufgeben könnte.» Der Beruf bringt auch eine enorme Vielseitigkeit mit sich. Jeder Fall ist individuell, wie auch die Personen, welche man durch die Tätigkeit kennenlernt. Man kann sich ein grosses internationales Netzwerk von spannenden Personen aufbauen. Die Kurzweiligkeit und die grosse intellektuelle Herausforderung sprechen ebenfalls für die Berufstätigkeit einer Anwältin oder eines Anwaltes generell.

Helfer:in in der Not

Klient:innen haben klar einen Einfluss auf die Geschlechterquote. Indem sie beispielsweise verlangen, dass in einem Anwaltsteam von drei Personen mindestens eine Frau dabei ist, bewirken sie, dass Anwaltskanzleien ein möglichst attraktives Umfeld für Frauen schaffen möchten. «Ebenfalls muss die Kundschaft akzeptieren, dass falls die Anwältin nur vier Tage in der Woche arbeitet, sie auch nur an diesen Tagen verfügbar ist», führt Voser aus. Da man im Rechtsberuf mit Fristen arbeitet, steht man teilweise unter enormem Zeitdruck, was ein Teilzeitmodell schwierig macht.

Der Weg zum Ziel

«Kanzleien haben bereits viel geleistet, um einer ausgeglichenen Geschlechterquote beizutragen. Bei meiner früheren Kanzlei wurde zum Beispiel viel in diese Richtung geleistet», meint Voser. Jedoch hat die Kundschaft teilweise auch zu hohe Ansprüche an Anwält:innen, welche schwierig sind, in diesem Ausmass zu erfüllen. «Zum Teil haben die Klient:innen schon fast eine heuchlerische Haltung in diesem Bereich, welche abgelegt werden muss. Dies ist aber auch eine finanzielle Frage: Hat man nur eine:n Know-how-Träger:in in einem Bereich, ist dies am günstigsten. Verteilt sich dies auf zwei Personen, erhöhen sich auch die Kosten, jedoch können diese Personen sich die Arbeit aufteilen. Es ist jedoch ein allgemeines Problem in der Anwaltsbranche, dass aufgrund jedes individuellen Falles das Wissen nicht einfach weitergegeben werden kann. So gestaltet sich alles ein wenig komplizierter», weiss Voser zu berichten. Wenn man Frauen füher ermutigt und ihnen die Freiheit aufzeigt, in dem Beruf selbstständig agieren zu können, wird für die Frauen eine Partnerschaft sehr viel interessanter.

Herausragende Eigenschaften

Gute Anwält:innen müssen einen hohen Einsatz leisten, analytisch denken und gute Zuhörer:innen sein. Voser meint zudem: «Vor allem Frauen zweifeln manchmal an ihren Fähigkeiten, die Arbeit richtig ausführen zu können, was sie oftmals dazu verleitet, hervorragende Leistungen zu erbringen. Denn diese Eigenschaft führt zu einem verantwortungsvollen Arbeiten.» Wichtig ist, dass Mitarbeiterinnen, die Partnerinnen in einer Anwaltskanzlei werden wollen, intern Personen suchen, welche wohlgesinnt sind und einen fördern wollen. Auch sollte man Unterstützung bei älteren Partner:innen mit mehr Erfahrung holen. Eine Mitarbeiterin sollte sich auch nicht davor scheuen, sich positiv in den Vordergrund zu rücken.

Text Vanessa Bulliard  

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