Wie können KMU ihre Daten und Geschäfte absichern? Wie hängen Souveränität, Erfolg und «Purpose» zusammen? Cuno Vuillemin über die Bedeutung von Klarheit – für Unternehmen und die Menschen, die für sie arbeiten.

Cuno Vullemin
Geschäftsführer
Herr Vuillemin, das Schlagwort «Digitale Souveränität» gewinnt in der Politik wie auch in Unternehmen an Bedeutung. Wie lässt sich eine solche Souveränität herstellen?
Digitale Souveränität ist keine Frage eines Tools oder eines Datenstandorts. Unternehmen müssen sich stattdessen fragen: Was ist unsere Strategie? Was ist unsere Governance? Haben wir überhaupt eine? Wie sieht unsere digitale Landschaft aus? Daraus resultieren Folgefragen zu den Geschäftsapplikationen, der Art und Weise, wie das Unternehmen arbeitet, und den Datenklassifizierungen. Welche Daten unseres Unternehmens sind kritisch, welche sind besonders schützenswert?
Der erste Schritt zur Souveränität lässt sich mit einer Auslegeordnung herstellen. Ziel ist herauszufinden, wo aktuell Daten gespeichert sind: lokal im Unternehmen oder in einer Cloud, wenn ja, in welcher Cloud. Wo sind die Daten geografisch abgespeichert, welcher Rechtsprechung unterliegt der Provider?
Parallel dazu lohnt sich der Blick auf die Geschäftsapplikationen. Die einfache Frage lautet: Was geschieht, wenn eine Anwendung oder ein Server ausfällt? Wie lange bleibt mein Kerngeschäft funktionsfähig, wenn der Zugriff auf zentrale Systeme unterbrochen ist?
Anschliessend erst kann ich im Unternehmen überlegen, wie ich die IT-Landschaft gestalte, sodass ich mein Kerngeschäft in Abwägung zum Risiko und den finanziellen Folgen weiterführen kann.
Verstehen Unternehmen denn, dass Souveränität und Erfolg zusammenhängen?
Viele Unternehmen unterschätzen den Zusammenhang zwischen Souveränität und Erfolg. Solange der Betrieb rundläuft, neigt man dazu, Risiken auszublenden. Ähnlich wie ein gesunder Mensch, der seine Krankenkassenleistungen auf ein Minimum reduziert, weil er sie gerade nicht braucht. Komfort verleitet zur Sorglosigkeit, es ist ja auch bequemer, als sich mit unangenehmen Fragen zu beschäftigen. Doch die zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten führen dazu, dass immer mehr Unternehmen innehalten und ihre Unkenntnis und Verwundbarkeit erkennen. Das Bewusstsein wächst und damit auch die Einsicht, dass externe Expertise hilfreich sein kann, um Arbeitsprozesse zu analysieren und eine fundierte Auslegeordnung zu erstellen. Schritt für Schritt lässt sich so die IT-Landschaft vom Ist- zum Sollzustand entwickeln. Erst diese Transparenz ermöglicht es, Risiken zu identifizieren, zu steuern oder ganz auszuräumen. Und genau diese Fähigkeit, auch in Krisen handlungsfähig zu bleiben, ist ein zentraler Erfolgsfaktor.
Haben KMU in der Schweiz denn bereits die Hoheit über ihre Daten und Prozesse?
In einigen Fällen ja. Doch nach meiner Erfahrung werden die unbequemen Fragen häufig noch verdrängt und der Klärungsbedarf bleibt beträchtlich. Konkrete Schritte gehen im Tagesgeschäft oft unter, obwohl es entscheidend wäre, zuerst die Governance zu klären. Governance bildet den Führungs- und Entscheidungsrahmen eines Unternehmens: Sie definiert, wie IT‑Investitionen, Prozesse und Risiken gesteuert und auf die Geschäftsziele ausgerichtet werden. Dazu gehören grundlegende Fragen wie: Wo bin ich gebunden, wo bin ich frei? Welche Geschäftsprozesse sind untrennbar mit einer bestimmten Plattform oder Cloud verknüpft? Welche Kosten und welchen Nutzen hätte eine Neuordnung dieser Prozesse? Sobald ein Unternehmen hier Klarheit hat, kann es beginnen, zu steuern und zu gestalten. Dann erst lässt sich beispielsweise prüfen, ob für besonders kritische Unternehmensdaten eine Alternative zu einer Hyperscaler‑Cloud sinnvoll wäre, etwa eine Open‑Source‑Lösung, betrieben durch einen lokalen Managed Service-Provider.
Sie sind auch als Lifecoach tätig. Wie sehr wirkt die eigene Persönlichkeit in unser berufliches Tun – oder wie sehr sollte sie wirken?
Das Wichtigste ist, zu begreifen, dass jede und jeder von uns eine Person, ein Individuum ist (lat. indivisibilis = unteilbar). Somit kann ich mich, das heisst, mein Leben, nicht aufteilen in Privat- und Geschäftsleben. Aus dieser Sichtweise gibt es auch keine «Work-Life-Balance». Es gibt nur «Life»: Ich verbringe etwa ein Drittel meines Lebens mit meiner Arbeit. Was will ich da noch unterteilen? Jeder sollte also seinen persönlichen Sinn im Leben oder Daseinszweck finden, den Purpose. Unternehmen brauchen diesen Purpose ebenfalls. Wenn ich als Mensch einen Beruf gefunden habe, den ich gerne ausübe, meine Berufung also, dann sehe ich mein Tun nicht unbedingt als Arbeit an und bin meistens gut in der Umsetzung. Ziel ist herauszufinden, ob die Rolle, die ich ausübe, eben auch meiner Berufung entspricht. Geschäftlicher Erfolg ist immer in Abhängigkeit vom persönlichen Erfolg.

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