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Editorial Energie Nachhaltigkeit

Lieber Standort Schweiz, welche Energie darfs denn sein?

30.04.2022
von SMA

Sage mir, von welcher Energie hättest du denn gerne? Schon klar, mir gehts ja auch so: Immer und überall verfügbar soll sie sein, umweltfreundlich, klimaschonend, zahlbar, risikofrei. Und ihre Herkunft soll moralisch-ethisch vertretbar sein. Aber was bedeutet das genau? Welche Energie soll es konkret sein, bei all diesen Ansprüchen?

Tom Blindenbacher
2000 Watt Netto Null EnergieSchweiz

Offensichtlich magst du ja zum Beispiel die Sorte aus Russland. Immerhin deckst du 10 Prozent deines ganzen Energiebedarfs mit Importen aus diesem grossen Land. Schaut man nur aufs Erdgas, sind es sogar fast 50 Prozent. Aber hey, da ist dir plötzlich nicht mehr so ganz wohl dabei, oder? 

Und vom geografischen Ursprung mal abgesehen: Schaut man deine Zahlen an, und hält den Kopf noch etwas schief, so könnte man meinen, dass du auch total auf die fossilen Energien abfährst. Mehr als 60 Prozent deines gesamten Energieverbrauchs deckst du aus fossilen Quellen wie Erdöl, Erdgas oder Kohle. Bist du dir dessen bewusst? Das ist doch ziemlich verrückt, finde ich. Wie war das nochmal mit «klimaschonend»? Du sagst doch selbst, dass du «so schnell wie möglich klimaneutral» sein willst. Zumindest haben dir das der Bundesrat, deine grossen Städte, und viele weitere Akteure auf die Energiewunschliste geschrieben. Netto-Null bis allerspätestens 2050! Aber wie soll das gehen, bei heute 60 Prozent fossil?

Es geht um Widersprüche und Zielkonflikte. Immer wieder müssen wir uns entscheiden was wir wollen – und was wir nicht wollen.

Mit Atomstrom sagst du? Stimmt, das war mal eine grosse Liebesgeschichte von dir. Noch heute holst du mehr als 30 Prozent deiner eigenen Stromproduktion aus der Kernkraft. Aber da muss man doch von einer ziemlich verflossenen Affäre reden, nicht? Lohnt es sich, die wieder aufzuwärmen? Bei dem Unfallrisiko, den volkswirtschaftlichen Kosten, diesen Endlagerfragen und potenziellen Verflechtungen der nuklearen Materialkreisläufe mit der Waffenindustrie? Wie siehst du das?

Bleiben die Erneuerbaren. Die hast du ja bestimmt zuoberst auf deiner Hätte-ich-gern-Liste. Wasserkraft? – Top! Gesegnet bist du, lieber Standort Schweiz. Scheint ein sicherer Wert zu sein. Wind? – interessant! Bloss, wo bleiben dann deine schönen Landschaften? Bisschen Biogas – ok. Holz? – Gute Idee, Potenzial ist da, und ausbaubar! Aber um Beton zu sparen und CO2 zu speichern, möchtest du ja eigentlich lieber damit bauen, statt es zu verbrennen. Seewasser, Grundwasser und Erdwärme – vielversprechend! Nicht überall, aber immerhin. Und halt auch auf Winterstrom angewiesen, in welchem du ja nicht gerade schwimmst.

Und dann noch die Solarenergie – sicher deine grösste Hoffnung! Viel Potenzial, da wirst du alles rausholen wollen, was dir zur Verfügung steht, auf Dächern, Fassaden, über Parkplätzen und entlang der Autobahnen. Tönt super! Go! Gib ihm! – Musst nur noch das mit der Saisonalität und dem Winter in den Griff bekommen. Das geht selbstverständlich, irgendwie. Aber auch hier ringst du natürlich etwas mit dir selbst: am liebsten ohne Rahmen-, aber mit einem Stromabkommen. Status: kompliziert.

Und wenn du, um noch den letzten Joker zu ziehen, einfach weniger zur Verfügung stellst? Einfach nur noch diejenige Energie im System hast, die dir wirklich gefällt – und den Rest der Ansprüche an dich sich irgendwie selbst organisieren lässt, zum Beispiel mit Effizienz, oder Suffizienz? Schon klar: Verzicht und Einschränkung tönen halt nicht so sexy, verkaufen sich nicht sonderlich gut. Aber die Frage ist doch: Was stellen wir ihnen gegenüber?

Lieber Energiestandort Schweiz, ich verstehe dich in deiner inneren Zerrissenheit. Es geht mir ähnlich. Unser beider Dasein steckt voller Widersprüche und Zielkonflikte. Und immer wieder müssen wir uns entscheiden ob und was wir wollen. In einem bin ich mir dabei aber gewiss: Sich für 2000 Watt, also eine Halbierung des Energieverbrauchs, Netto-Null Treibhausgase, und eine zu 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung einzusetzen, das ist sicher immer richtig. Hier gibt es keine Zweifel.

Wer das wie leidenschaftlich macht, welche Lösungen bereits da sind, und für welche wir noch etwas Zeit, Geld und persönliches Engagement investieren müssen, das findest du in diesem Fokus.

Hochachtungsvoll,
Tom Blindenbacher

Text Tom Blindenbacher, 2000 Watt Netto-Null EnergieSchweiz für Gemeinden

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