Interview von Linda Carstensen

Martina Bisaz: «Das Unvorhersehbare macht das Reisen so spannend»

Ihre erste grosse Reise war vor 26 Jahren nach Thailand. Heute sucht die Travelinfluencerin Einsamkeit in der Natur, weit weg vom Massentourismus.

Martina Bisaz liebt das Unbekannte und Unentdeckte. Deshalb reist die Schweizer Reise-Influencerin gerne in Länder wie Iran, Oman und Jordanien. Dem Massentourismus geht die 42-Jährige aus dem Weg.

Martina Bisaz, wohin führt dich deine nächste Reise?

Für mich geht es im März nach Sokotra im Jemen. Sokotra ist eine Insel der gleichnamigen Inselgruppe im Indischen Ozean. Vor vier Jahren war ich schon einmal dort und es hat mir sehr gut gefallen. Deshalb muss ich unbedingt wieder hin.

Martina Bisaz

Was begeistert dich am meisten am Reisen?

Ich kann nicht wirklich im Voraus planen, was alles passieren wird. Bei All-inclusive-Ferien ist mehr oder weniger alles vorhersehbar. Man ist im Hotel und verbringt die meiste Zeit auch dort. Das heisst, alle Ereignisse beschränken sich auf diesen einen Ort. Mir gefällt am Reisen, dass ich einfach losgehen und durch ein Land reisen kann, ohne zu wissen, was passieren wird. Du weisst nie, was dich erwartet. Du hast keine Ahnung, was du erleben oder wen du treffen wirst. Und genau das macht das Reisen so spannend: das Ungewisse.

Ausserdem lernt man beim Reisen, wie man mit bestimmten Situationen umgehen muss. Am Anfang macht man Fehler, aber man lernt daraus. Mir selbst ist zum Glück noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Aber gerade durch das Reisen in touristische Länder habe ich zum Beispiel gelernt, wie ich verhandeln kann. Wie viel Geld dürfen Einheimische wirklich verlangen? Anfangs wird man viel über den Tisch gezogen, aber mit etwas Reiseerfahrung in einem Land lernt man, was etwas kosten sollte und wie man verhandelt.

Kannst du mir von deiner ersten grossen Reise erzählen?

Meine erste Reise ohne meine Familie war mit 16 Jahren mit meinem ersten Freund. Er kam aus Thailand und wir sind zusammen in sein Heimatland geflogen. Diese erste Reise ausserhalb Europas hat mein Reisefieber entfacht. Als Kinder reisten wir nur in europäische Länder wie Italien. Diese Reise nach Thailand war etwas ganz Anderes. Es war eine Reise in eine neue Kultur – alles hat mich interessiert. Darum bin ich danach auch fast jedes Jahr wieder nach Thailand gereist mit Freund:innen.

Wie bist du dazu gekommen, deine Erfahrungen zu teilen?

Vor zwölf Jahren habe ich mit Instagram angefangen, als es neu aufgekommen ist. Damals wusste niemand, wohin das führt. Ich lud einfach mein privates Zeug hoch, mit all den coolen Filtern, die es gab (lacht). Mit meinem alten Fiat 500 fuhr ich in den Schweizer Bergen herum. Diese Kombination zog die Leute an, Instagram hat mich auch gefeatured und so habe ich ganz viele Follower:innen bekommen. Es war gar nicht mein Ziel, so gross zu werden. Influencer:innen gab es damals auch noch nicht, die kamen erst später auf. Heute ist Instagram mein Haupteinkommen, daneben habe ich noch das Airbnb in Latsch. Aber ich lebe hier in den Bergen auch sehr bescheiden. In der Stadt wären die Ausgaben wahrscheinlich zu hoch für mich.

Wie bist du zu deinem eigenen Airbnb gekommen?

Auf Instagram haben mich viele Leute gefragt, ob es in Latsch, wo ich wohne, ein Hotel oder eine Unterkunft gibt. Ich poste viele Fotos von unserem schönen Dorf und der Umgebung. Aber bei uns im Dorf gab es so etwas nicht. Da kam mir die Idee, das seit Jahren leer stehende Hirtenhaus zu renovieren. Eigentlich gehört es der Gemeinde. Ich habe sie dann gefragt, ob ich es mieten und daraus ein Airbnb machen darf. Wir haben einen neuen Boden verlegt, für Strom gesorgt und es gemütlich eingerichtet. Jetzt haben die Gäste viel Freude daran.

Wie integrierst du Nachhaltigkeit in deine Reisen und deinen Content?

Mein Instagram-Account ist nicht speziell auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Aber ich achte darauf, dass ich für kurze Aufenthalte keine Langstreckenflüge zum Beispiel nach Südkorea mache. Wenn ich fliege, dann bleibe ich länger als nur ein paar Tage, damit die ganze Reise einen Nutzen hat. In Europa fahre ich immer mit dem Zug oder mit dem Auto. Wenn ich mit dem Bus nach Marokko reise, dann bleibe ich gleich zwei Monate. Ausserdem ist mein Account alles andere als konsumorientiert. Ich animiere meine Follower:innen nicht dazu, dieses oder jenes zu kaufen. Und ich selbst bin auch nicht so – ich kaufe nur sehr wenig. Einige Kleidungsstücke trage ich schon seit zehn Jahren. Ich wurde auch schon darauf angesprochen, wie cool es ist, dass ich ein Kleidungsstück schon so lange trage (lacht).

Generell reizen mich Länder mit einer beeindruckenden Natur, einer reichen Kultur und vielen unentdeckten Orten, an denen es keinen Massentourismus gibt. Martina Bisaz,
Reise-Influencerin

Ausserdem ernähre ich mich vegan, was für mich eine nachhaltige Ernährung ist. In arabischen und östlichen Staaten wie Marokko, Iran oder Oman ist das manchmal schwierig, weil die Ernährung dort sehr fleischlastig ist. Deshalb bin ich dort meistens mit dem Auto unterwegs, habe dann meine Kochutensilien dabei und koche meistens selbst. Das ist die beste Lösung.

Welches war dein unvergesslichstes Reiseerlebnis?

Eine Reise in den Iran mit einer Freundin, die aus dem Land stammt. Wir mieteten dort ein VW-Büssli und fuhren einen Monat lang herum. Nach meiner ersten Reise mit einer Kollegin aus der Schweiz habe ich mich in das Land am Persischen Golf verliebt. Mir gefällt die unendliche Weite. Es gibt nichts – nur Berge und Wüste. Man kann stundenlang fahren und sieht nichts als eine wunderschöne Landschaft. Die Einsamkeit, die man dort in der Natur findet, ist einzigartig. In Europa findet man das wegen der dichten Besiedlung nicht. Auch die Geschichte und Kultur des Irans finde ich sehr interessant. Die Einheimischen sind sehr freundlich und hilfsbereit.

Gibt es Reiseziele, die du unbedingt besuchen möchtest?

Ich möchte unbedingt noch einige der Stan-Staaten wie Kirgisistan, Usbekistan und Kasachstan besuchen. In dieser Region gibt es viele wunderschöne Landschaften und Kulturen. Generell reizen mich Länder mit einer beeindruckenden Natur, einer reichen Kultur und vielen unentdeckten Orten, an denen es keinen Massentourismus gibt. Dorthin reise ich auch gerne alleine. Ich warte nicht darauf, dass jemand Zeit hat, mit mir zu reisen. Damit habe ich aufgehört, denn so kommt man nirgendwo hin.

Welche Reiseziele kannst du besonders empfehlen?

Marokko ist auf jeden Fall einfach zu bereisen. In dem afrikanischen Land erlebt man etwas völlig Neues, wenn man noch nie in der Region war. Es ist eine ganz andere Welt als in Europa. Trotzdem ist es kein schwieriges Land, es ist sehr leicht zugänglich und wunderschön. Auch den Oman kann ich empfehlen. Die Landschaft ist traumhaft und die Menschen sind sehr nett.

Du reist etwa drei bis vier Monate im Jahr. Wie würde das eine Beziehung verändern?

Am besten wäre es natürlich jemanden zu finden, der alles mitmacht. Jedoch bin ich der Meinung, wenn du etwas gerne machst, darfst du dich nicht einschränken lassen – auch nicht von einem Partner. Wenn mein Partner nicht mit mir reisen will, dann gehe ich eben alleine. Es wäre nicht gesund, wenn ich wegen ihm nicht mehr reisen würde. Ausserdem glaube ich, dass ich nie genug vom Reisen haben werde. Es gibt noch so viel zu sehen!

Kannst du Menschen verstehen, die nicht gerne reisen?

Ich kann verstehen, woher diese Abneigung kommt. Ich glaube, es ist die Angst vor dem Unbekannten. Viele Menschen reisen nicht, weil sie über ihren Schatten springen müssen. Vor meiner ersten Soloreise hatte ich auch Angst. Am Tag der Abreise machte sich ein komisches Gefühl in mir breit. Man realisiert, dass man jetzt auf sich allein gestellt ist. Aber sobald du angekommen bist, verschwindet das Gefühl wieder. Man merkt: «Ich kann das ja» und fragt sich, wieso man überhaupt gezweifelt hat. Ich habe nach dieser Erfahrung Lust bekommen, noch mehr zu entdecken und die ganze Welt zu bereisen.

Wieso heisst du auf Instagram kitkat_ch?

Das ist voll random (lacht). Kitkat ist ein uralter Username von mir, den ich mir zu Beginn des Internets vor etwa 20 Jahren ausgesucht habe. Damals gab es diese ganzen Chatrooms, für die man sich einen Namen aussuchen durfte. Während meines Studiums in Zürich arbeitete ich im Lollipop und überlegte mir, welchen Namen ich mir aussuchen sollte. Wir verkauften Kitkat-Schokoriegel und «Kat» erinnerte mich an Katzen – und ich mag Katzen. Dieser Name hat es geschafft, bis zum heutigen Tag zu überleben.

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23.01.2024
von Linda Carstensen
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