Interview von Miriam Dibsdale

«In der Nati spüre ich, dass ein ganzes Land hinter der Mannschaft steht»

Für den Schweizer Nationaltorhüter Yann Sommer könnte es kaum besser laufen. Zum dritten Mal wurde er zum Schweizer Fussballer des Jahres gewählt, sein Verein Borussia Mönchengladbach zeichnete ihn als Spieler des Jahres aus und privat durfte er gemeinsam mit seiner Frau die zweite Tochter willkommen heissen. Obwohl sich dabei ein Grossteil seines Lebens im Ausland abspielt, kommt er immer wieder gerne in seine Heimat, die Schweiz, zurück. 

Yann Sommer, Sie haben schon viele Länder gesehen. Worauf freuen Sie sich jeweils am meisten, wenn Sie zurück in die Schweiz kommen?

Auf jeden Fall auf mein privates Umfeld, meine Familie und meinen Freundeskreis. Das Heimatgefühl, das ich in meiner Heimat verspüre, finde ich an keinem anderen Ort. Ich kann es nicht erklären, doch das empfinden wahrscheinlich alle in jenem Land, in dem sie die ersten Jahre verbracht haben. Wenn ich in die Schweiz komme, merke ich: Ich bin wieder zu Hause und fühle mich rundum wohl.  

Seit 2014 leben Sie in Deutschland. Welche Unterschiede sind Ihnen zwischen den beiden Nachbarländern aufgefallen?

In einigen wenigen Bereichen sind die beiden Länder komplett verschieden, in anderen unterscheiden sie sich kaum.

Es gibt verschiedene Städte, die mir fehlen und auf die ich mich sehr freue, wenn ich sie wieder einmal besuchen kann.

In Deutschland ist alles viel grösser, die Landschaft sieht anders aus, das Land hat seine eigenen Tugenden und Traditionen und das System funktioniert auf eine andere Weise. Trotzdem sind sich die Nachbarländer in vielen Dingen auch ähnlich. 

Welche Vorzüge hat die Schweiz?

Die Landschaft, die zahlreichen Berge, die Bergluft, die vielen Seen und Flüsse sind Dinge, die ich wunderschön finde und an der Schweiz liebe. Ausserdem ist das Handy-Netz besser (lacht).

Was vermissen Sie am meisten, wenn sie im Ausland sind?

Es gibt verschiedene Städte, die mir fehlen und auf die ich mich sehr freue, wenn ich sie wieder einmal besuchen kann. Zürich und Basel sind solche Orte. Ich liebe es, abends am Rhein zu sitzen, wie ich es früher oft mit Freunden gemacht habe. Dabei empfinde ich die gleichen positiven Emotionen wie damals.

Sie waren schon lange international bekannt, doch letztes Jahr machte eine Penaltyparade Sie weltberühmt. Zudem wurden Sie von Borussia als Spieler des Jahres ausgezeichnet sowie zum besten Nati-Spieler gekürt. War 2021 sportlich gesehen Ihr bisher erfolgreichstes Jahr?

Ich durfte extrem viele schöne und positive Emotionen erleben, besonders mit der Nati. Die ganze EM war speziell. Der Ablauf des Spiels gegen Frankreich, das erstmalige Erreichen des Viertelfinals und das bittere Ausscheiden gegen Spanien waren sehr emotional.

Eine meiner schlimmsten Niederlagen war gegen Spanien an der EM.

Deshalb glaube ich, dass es von den Emotionen her sicher eines der schönsten Jahre meiner Karriere war. Dass wir diese Highlights zusammen mit der ganzen Schweiz erleben durften, war einmalig. Die Emotionen der Fans wurden auf uns übertragen, was wir sehr genossen haben und uns tief berührt hat. Darum definitiv: Es war ein tolles Fussballjahr!

Was war Ihre bedeutendste Niederlage?

Eine meiner schlimmsten Niederlagen war gegen Spanien an der EM. Diese war ärgerlich, weil wir so nah dran waren, in den Halbfinal einzuziehen. Gleichzeitig waren wir aber auch extrem glücklich, überhaupt so erfolgreich gewesen zu sein. 

Welche weiteren sportlichen Ziele möchten Sie noch erreichen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich peile nur ungern irgendwelche Titel an. Natürlich sind Titel etwas vom Grössten, was man erreichen kann in einer Karriere. Aber ich setze mir nur persönliche Ziele, unabhängig von Titeln. Ich möchte in verschiedenen Bereichen noch besser werden und Fortschritte als Torwart machen, obwohl ich schon 33 Jahre alt bin.

Ich versuche, mich selbst jeden Tag zu challengen, um vielleicht noch einen Schritt weiterzukommen, was mein Können und meine Leistung angeht. Das ist mein grosses Ziel für die nächsten Jahre. Gleichzeitig möchte ich meinem Körper die nötige Pflege geben, um gesund zu bleiben. Diese Investition ist als Sportler in meinem Alter fast noch wichtiger.

Wächst mit Ihren Erfolgen auch der Druck auf Ihre Person?

Ich verbinde die Nationalmannschaft nicht mit Druck, sondern in erster Linie mit ganz viel Freude und positiven Gedanken, deshalb sehe ich den Druck gelassen. Ich versuche, entspannt mit der Nati-Situation umzugehen und freue mich auf alle weiteren damit verbundenen Aufgaben. In der Nati spüre ich, dass ein ganzes Land hinter der Mannschaft steht und uns antreibt.

Man muss abschalten können oder einmal gar nichts machen. Einfach, um dem Kopf und Geist von dem ganzen Trubel um einen herum eine Auszeit zu gönnen.

Das gibt einem als Spieler sehr viel Kraft. Klar gehört der Druck dazu. Doch ich bin jetzt schon seit einigen Jahren Fussballer und hatte genug Gelegenheit, zu lernen, damit umzugehen. 

Wie gross schätzen Sie den Einfluss der Schweizer Mentalität auf Ihre Erfolge und Ihren Charakter ein?

Ich glaube, das ist sehr charakterabhängig. Wie man mit dem Druck umgeht, hat nicht viel mit Bescheidenheit zu tun, sondern ob man neben dem Platz einen guten Ausgleich hat. Ich habe das Glück, mit meiner Frau und meinen zwei süssen Töchtern eine tolle Familie an meiner Seite zu haben.

Trotzdem muss man auch Zeit für die Dinge haben, die man nur für sich selbst tut. Man muss abschalten können oder einmal gar nichts machen. Einfach, um dem Kopf und Geist von dem ganzen Trubel um einen herum eine Auszeit zu gönnen. Das ist sehr wichtig und wird in vielen Bereich unterschätzt, nicht nur im Fussball.

Erst kürzlich gab Gladbachs Sportdirektor Max Eberl seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt – sind die Erwartungen im Fussballbusiness zu hoch?

Dass sich eine Person aufgrund der allgemeinen Erwartungen so schlecht fühlt, dass es nicht mehr aushaltbar ist, darf nie vorkommen, das ist klar. Druck gehört dazu, doch er darf niemals zu viel werden, egal in welcher Position. Je nach Situation im Leben kommt nebst dem Beruflichen auch noch das Privatleben dazu, in dem nicht alles immer rundläuft. In diesem harten und schnelllebigen Business ist es wichtig, sich niemals selbst zu vernachlässigen. Schlussendlich geht es immer um Erfolg.

Alle wollen Erfolg haben und die Clubs wollen Geld verdienen, das ist das Business. Dabei dürfen der eigene Wert und das persönliche Wohlbefinden jedoch nicht in den Hintergrund rücken. Es gilt, eine gute Balance zu finden und abschalten zu können.

Letztes Jahr durften Sie Ihre zweite Tochter Nayla willkommen heissen. Wie hat sich Ihr Privatleben mit zwei Kindern verändert?

Es ist wunderschön, obwohl das Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde. Wir geniessen es in vollen Zügen und freuen uns über diese positive Challenge. Wir gewöhnen uns gerade als Familie an die neuen Abläufe und Rituale und sind sehr stolz auf unsere beiden Töchter, die super mitmachen. 

Welche Sprache sprechen Sie und Ihre Frau mit Ihren Kindern?

Wir reden beide Hochdeutsch mit ihnen. Manchmal spreche ich auch Schweizerdeutsch oder Französisch mit ihnen. Jedoch haben wir uns dazu entschieden, dass sie zuerst gut Deutsch sprechen und Schweizerdeutsch einfach verstehen können sollen.

Welche Eigenschaften würden Sie Ihren Töchtern gerne von Ihnen, welche von Ihrer Frau mitgeben? 

Von meiner Frau unbedingt ihre liebevolle Art, wie sie mit unseren Töchtern umgeht. Von mir meine Geduld und Gelassenheit in hektischen Situationen.

Ich bin zufrieden mit meiner Freizeitgestaltung wie sie ist.

Ich hoffe zudem, dass sie so fleissig wie meine Frau werden, insbesondere wenn es um die Schule oder ein Studium geht. Ich war zwar nicht gerade faul, doch schulisch würde ich mir schon wünschen, dass sie eher nach meiner Frau kommen.

Über Ihre Hobbys ist unter anderem bekannt, dass Sie gerne kochen und musizieren. Sind seit Corona neue Hobbys dazugekommen?

Nein, es ist auch gerade mit zwei Kindern relativ schwierig, den eigenen Hobbys viel Zeit zu schenken. Ich bin zufrieden mit meiner Freizeitgestaltung wie sie ist. Ich lese sehr gerne, musiziere, koche hin und wieder etwas oder geniesse es auch einfach, mich hinzulegen und nichts zu tun. Es hilft, den Autopilotmodus abzuschalten, in dem man sich im Alltag oft befindet.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? 

Das letzte Buch, das ich gelesen habe, ist von niederländischen Extremsportler Wim Hof. Ich will nicht sagen Guru, aber man nennt ihn auch «The Ice Man». Er kann extreme Kälte ertragen und hält unter anderem den Rekord für das längste Eisbad. Dabei wendet er seine selbst entwickelte Atemtechnik, die sogenannte «Wim-Hof-Methode» an, mit der ich auch schon länger selbst trainiere. Deswegen hat mich das Buch interessiert.

Das heisst, Sie nehmen auch regelmässige Eisbäder? 

Ja, eigentlich fast jeden Tag. Wir haben im Stadion auch ein Eisbad, das immer verfügbar ist. Darum nehme ich fast täglich ein Bad im eiskalten Wasser.

Interview Miriam Dibsdale

Smart
fact

Beenden Sie folgende Sätze:

Mein Lieblingsgericht aus der Schweiz ist… Rösti!
Ich habe eine Schwäche für… Schoggi.
In meinem Kühlschrank hat es immer… Gemüse. Ich weiss, das ist langweilig (lacht).
Mein Lieblingsgegner ist… Bayern-München.
Der schönste Ort in der Schweiz ist… Basel.
Das Leben ist zu kurz, um… sich zu viele Gedanken zu machen.
Nach meiner Fussballkarriere werde ich… extrem viel Zeit mit der Familie verbringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

09.04.2022
von Miriam Dibsdale
Vorheriger Artikel Kohl, der Schweizer Gemüseklassiker schlechthin
Nächster Artikel Schweizer Qualität und Innovation für ein besseres Leben