Garten
Garten Wohnen

Durch den Garten blüht die Gesundheit auf

01.04.2021
von Jenny Kostoglacis

Es gibt viele wohltuende Aktivitäten, aber nur wenige mit einem so breiten Spektrum an Vorteilen wie die Gartenarbeit.

Wie ein Schwarm von Fischen zirkuliert die Menschenmasse durch die Strassen. Alle geprägt von einem hektischen Gang. Umgeben von urbanen Geräuschen wie dem Surren des gelben Ampelkästchens, dem ikonischen «Ting» einer Textnachricht oder dem Schnarren des Trams. Die Natur könnte nicht weiter entfernt sein. Doch der Abstand zum Grünen soll noch grösser werden: 2050 sollen voraussichtlich 66 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Keine Frage, das moderne Leben entfremdet den Menschen immer mehr von der Natur. Dabei ist sie von wesentlicher Bedeutung für Körper und Seele.

«Gartenarbeit ist das perfekte Gegenmittel für so vieles, was mit dem modernen Leben nicht stimmt. Die meisten von uns sind in vielerlei Hinsicht abgekapselt – voneinander, von der Quelle unserer Nahrung, von der Erde», erklärt Seth J. Gillihan, klinischer Psychologe, Bestsellerautor und Gründer der «Think Act Be Online School». Für ihn ist klar: Die Arbeit im Garten führt den Menschen zurück zur Quelle des Lebens. «Unser Leben ist so digitalisiert und virtuell geworden – der Garten gibt uns etwas Reales, in das wir unsere Hände versenken können.»

Mentale Vorteile

Die Gartenarbeit birgt viele Vorteile für die mentale Gesundheit. Durch die Praktik im Grünen trainiert man sich beispielsweise Geduld an. «Samen brauchen Zeit, um zu keimen. Pflanzen, um zu wachsen. Obst und Gemüse, um zu reifen. Sich um etwas geduldig zu kümmern und dann zu beobachten, wie es langsam wächst und gedeiht, bietet eine Quelle der Freude.» Zudem fördert das Gärtnern eine positive Lebenseinstellung. «Sie hilft uns, Akzeptanz und Loslassen zu üben. Vieles im Garten liegt ausserhalb unserer Kontrolle, wie das Wetter oder Schädlinge», erläutert Gillihan. Die Arbeit im Garten begünstigt also eine Wachstumsmentalität, in der man lernt, den alltäglichen Perfektionismus loszulassen. «Perfektion hat beim Gärtnern keinen Platz. Wachstum hingegen schon», erklärt der Psychologe.

Eine andere Art des Sports

Wer im Garten aktiv ist, hält sich auf andere Art und Weise fit. Gillihan verdeutlicht den positiven Effekt auf den Körper: «Gartenarbeit bietet viele Möglichkeiten, den Körper zu bewegen – graben, hocken, knien, sich strecken, um ein Unkraut zu erreichen, hacken oder harken. Es kann ein grossartiges Training sein. Als ich meinen Garten angelegt habe, habe ich auch mehrere Tonnen Erde geschleppt, um die Hochbeete zu füllen.» Gärtnern bietet also eine Alternative zum herkömmlichen Sport.

Gärtnern kreiert Gemeinschaftsgefühle

Mehrere Studien haben gezeigt, dass die soziale Interaktion, die durch Gartenprojekte entsteht, automatisch dem Gefühl des Alleinseins entgegenwirkt. Die soziale Miteinbeziehung im Grünen fördert soziale Kompetenzen, gesellschaftliche Bindungen und bietet soziale Unterstützung. Gillihan führt aus: «Draussen zu sein, bietet Gelegenheiten, mit anderen in Kontakt zu treten, sei es beim Unkrautziehen mit einem Familienmitglied oder beim Grüssen der vorbeilaufenden Nachbarin. Heute können wir uns mit geliebten Menschen über unsere gemeinsame Leidenschaft für das Gärtnern verbinden und andere in diese Praxis einführen.»

Das Grüne reduziert den Stress

«Wir wissen aus Forschungsstudien, dass der Aufenthalt im Freien, insbesondere in Grünanlagen, Stress reduziert, indem er den beruhigenden Teil unseres Nervensystems aktiviert», erklärt Gillihan. In Japan ist das sogenannte Shinrin Yoku mittlerweile eine präventive Methode zur Stressbewältigung. Wörtlich übersetzt bedeutet dieser Begriff «Waldbaden». Es ist wahr; das Gezwitscher der Vögel, der Duft nasser Erde oder das Sonnenlicht, das zwischen den Blättern der Bäume tanzt – das alles verleiht dem im Grün-Badenden ein Gefühl der Friedlichkeit. «Der Garten holt uns aus unseren Köpfen und kann unsere ständige Selbstfokussierung unterbrechen. Tatsächlich hilft er uns, präsenter und zentrierter zu sein, da wir den ständigen Strom von Ablenkungen loslassen und uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren.»

Gärtnern während der Pandemie?

Erhöht man den Stress eigentlich nicht, wenn man sich in dieser aussergewöhnlichen Zeit mit der Versorgung eines Gartens noch eine zusätzliche Aufgabe aufbindet? Möglich ist es. «Vor allem, wenn man die Gartenarbeit als einen weiteren Punkt auf der To-Do-Liste ansieht. Es kommt also darauf an, welche Perspektive man miteinbringt. Wenn man klein anfängt, wird man auch eher weniger überwältigt», rät Gillihan. Deshalb kann die Gartenarbeit auch in der Wohnung selbst, auf dem Balkon oder in einem öffentlichen Gemeinschaftsgarten beginnen. «Es gibt lustige und einfache Möglichkeiten, während der Pandemie Grünes drinnen anzubauen. Einer meiner Favoriten sind Brokkolisprossen, die extrem nahrhaft sind. Ich baue sie selbst seit über zwei Jahren fast ununterbrochen an.»

Und für die Leute, die sich keinen Garten zulegen wollen? Gillihan empfiehlt Folgendes: «Suchen Sie nach anderen Möglichkeiten, die den Vorteilen der Gartenarbeit ähneln. Zum Beispiel Spaziergänge im Freien, idealerweise in Grünanlagen wie einem Stadtpark. Konzentrieren Sie sich auf das Erlebnis, anstatt auf Ihr Telefon zu schauen oder einen Podcast zu hören. Nehmen Sie Ihre Umgebung in sich auf. Schauen Sie in den Himmel. Hören Sie auf die Vögel. Spüren Sie Ihre Füsse auf dem Boden und die Erde, die Sie trägt. Das Wichtigste ist, dass Sie etwas finden, das Sie lieben, das Sie lebendig macht und zu dem Sie immer wieder zurückkehren.»

Text Evgenia Kostoglacis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Vorheriger Artikel Hans Leutenegger: «Ich bin ein einfaches Manndli»
Nächster Artikel Vernetzte Infrastruktur erleichtert das autonome Leben zu Hause