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Die Rolle des Tageslichts in der Raumplanung

09.04.2022
von Akvile Arlauskaite

Sonne, Licht und Wärme sind zwingende Anteile in unser aller Leben. Gleichzeitig verbringen Menschen der Industrienationen 90 Prozent ihrer Zeit drinnen. Nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen gilt daher, die Innenräume mit genügend Tageslicht zu versorgen.

Die Behaglichkeit im Wohn- und Arbeitsumfeld wird von zahlreichen Faktoren wie Temperatur, Schall, Farbe, Luftqualität und -feuchtigkeit beeinflusst. Die Erkenntnis, dass hierbei das Tageslicht, also das natürliche Licht, eine immense Rolle spielt, ist jedoch relativ neu. Besonders in den Fünfzigern wurden Arbeitsplätze mit Schwerpunkt auf künstlichem Licht oder gar ohne Fenster gebaut, um zu jeder Tageszeit unter konstanten Bedingungen arbeiten zu können.

Tageslicht

Am Arbeitsplatz variieren die Ansprüche. Je nach Tätigkeit braucht man mehr oder weniger Lichteinfall. Foto: Adobe

Mittlerweile ist bekannt, wie wichtig natürliches Licht für die Gesundheit, das Wohlbefinden und zudem die Leistungsfähigkeit ist. Gleichzeitig verhilft die richtige Planung dazu, nicht nur im Beleuchtungs-, sondern auch im Heizungs- und Kühlungsbereich Energie zu sparen. Somit ist die Tageslichtgestaltung ein fundamentaler Bestandteil der Arbeit von Architekt:innen und Gebäudeplanenden, insbesondere in der Entwurfsphase.

Die Herausforderungen der Tageslichtplanung

Aufgrund der Vorteile empfiehlt es sich, das natürliche Tageslicht in Innenräumen so lange wie möglich zu nutzen. Man könnte meinen, dass das optimale Gebäude in diesem Sinne ein Glashaus sei. Laut Inge Beckel, Architekturberaterin und -publizistin, ist dem jedoch keineswegs so. «Schaut man sich rundum verglaste Neubauten an, blickt man von aussen oftmals auf mehrheitlich heruntergelassene Jalousien», stellt die Expertin fest.

Die Entwicklung in Richtung «transparenter» Gebäude beurteilt sie deshalb als problematisch: «In der Architektur geht es darum, ein gutes, wohldurchdachtes Spiel zwischen Intimität sowie Privatheit einerseits und öffentlichen sowie gemeinschaftlichen Bereichen andererseits zu erzeugen. Als Privatpersonen wollen wir ja nicht stets ‹ausgestellt› sein, während wir zu Hause sind, besonders abends.»

«Nicht nur sind wir im Laufe des Tages mit unterschiedlichen Dingen beschäftigt, vielmehr finden wir uns in sich wechselnden Stimmungen wieder», fährt Beckel fort. Deshalb ist gemäss der Architekturberaterin und -publizistin eine weitere – und zumindest genauso wichtige – Aufgabe in der Tageslichtplanung, gleichzeitig eine Balance zwischen lichtdurchfluteten Bereichen und abgedunkelten Zonen zu schaffen. «Hiermit gemeint ist ein ausgewogenes Verhältnis von Offen- und Geschlossenheit, konkret von Öffnungen und Wandanteilen.»

Beckel illustriert dies mit einem Beispiel: «Ein lichtdurchflutetes Fenster gewinnt neben dem Schattenwurf einer geschlossenen Wandpartie an gestalterischer Kraft sowie an lichtspendender Wirkung.» Zusätzliche visuelle Spannung in Innenräumen entsteht durch den sich im Laufe des Tages stets verändernden Charakter des Sonnenlichts. Allerdings stellt dies Architekt:innen vor erneute planerische Herausforderungen.

«Im Wohnbereich braucht es in der Regel viel Tageslichteinfall»

Und nicht zuletzt unterscheiden sich die Bedürfnisse an die Sonnenlichtsplanung von Mensch zu Mensch. «Nicht nur ändern sich Tätigkeiten im Laufe eines Tages, sondern gleichzeitig auch im Laufe eines Lebens», so Beckel. Bei der Planung von Innenräumen gilt es daher, diese individuellen Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Vier Kriterien für eine gelungene Tageslichtplanung

Bei der Planung des natürlichen Lichts für Neubauten sind viele Faktoren zu berücksichtigen. Das Ziel ist es, die verschiedenen Elemente der Belichtung den menschlichen Ansprüchen entsprechend zu positionieren. Um Architekt:innen und Gebäudeplanende hierbei zu unterstützen, wurde mit der Norm «Tageslicht in Gebäuden» SN EN 17037 samt vier Mindestempfehlungen ein einheitlicher Standard für die Tageslichtplanung ausgearbeitet.

Zunächst sollen die Räume so geplant werden, dass eine ausreichende Tageslichtversorgung sichergestellt ist. Der konkrete Bedarf variiert dabei je nach Funktion. «Im Wohnbereich braucht es in der Regel viel Tageslichteinfall», erklärt Beckel. Der Wunsch nach einem offenen und hellen Wohnkonzept kann hier am besten mit grossflächigen – raumhohen und rahmenlosen – Fensterelementen sowie grossen Öffnungen erfüllt werden. «Wichtig sind auch Fensterlaibungen.

Schaut man sich beispielsweise alte Engadinerhäuser an, sind die Mauerpartien um die Öffnungen oft trichterförmig ausgestaltet, womit der Lichteinfall ins Rauminnere erhöht wird. Zudem sollten lichtschluckende Farben und Materialien gemieden werden», so Beckel.

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Die trichterförmige Aussenmauer leitet mehr Licht ins Innere des Hauses. Foto: Adobe

Am Arbeitsplatz variieren die Ansprüche hingegen. Ist jemand handwerklich tätig, braucht es Licht. Dieser und weitere Bereiche, in denen optisch anspruchsvolle Arbeiten ausgeübt werden, sollten darüber hinaus mit einem beweglichen Blendschutz ausgestattet werden. Dies erhöht den Sehkomfort der Person.

Für die Arbeit am Computer demgegenüber reichen tendenziell abgedunkelte Ecken. Gleichzeitig wünscht sich die Mehrheit wohl möglichst viel Dunkelheit im Schlafzimmer.

Weiter benötigt der Mensch eine Sichtverbindung zum Aussenraum, um sich in Bezug auf die Tageszeit, das Wetter und seine Position im Gebäude orientieren zu können. Deshalb sollten Fenster eine möglichst freie, unverzerrte und farbneutrale Sicht ins Freie erlauben.

In Innenräumen, in denen man sich über einen längeren Zeitraum aufhält, ist es ausserdem wichtig, ausreichend lange dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt sein zu können. Dies gilt nicht nur für Wohngebäude, sondern insbesondere auch für Kindertagesstätten, Schulen und Pflegeeinrichtungen.

Text Akvile Arlauskaite

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