Gleichstellung
Business Women

Nicht Frauenfreundlichkeit, sondern Business Exzellenz

11.06.2021
von Smart Media

Die Gleichberechtigung von Frauen in der Businesswelt ist unerlässlich. Riccarda Mecklenburg, Präsidentin des Verbands Frauenunternehmen erklärt, weshalb.

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin des Verbands Frauenunternehmen

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin des Verbands Frauenunternehmen

Frau Riccarda Mecklenburg, welche Probleme muss die Schweiz bezüglich der Gleichberechtigung der Geschlechter noch überwinden?

Es gibt drei Problemfelder, bei denen es Potenzial für eine Verbesserung gibt: Die Einführung der Individualsteuer, die Tagesstrukturen für Schulkinder bei der Betreuung von 7 bis 18 Uhr und der Elternurlaub.

Und was sind die zentralen Herausforderungen in Bezug auf geschlechtsspezifische Schwierigkeiten in der Arbeitswelt?

Frauen, und das ist wissenschaftlich erwiesen, haben ein anderes Konkurrenzverhalten. Unser Wirtschaftsleben ist aber sehr stark auf männliches Wettbewerbsverhalten ausgerichtet. Das führt dazu, dass nicht die Besten an die Spitze kommen, sondern mehrheitlich Männer. Dabei sind die Talente gleich zwischen Männern und Frauen verteilt, und auch das ist wissenschaftlich belegt. Das bedeutet: Wenn man Frauen sucht, findet, aber nicht halten kann, muss an der Firmenkultur gearbeitet werden.

Denken Sie, dass es bei der Gleichstellung der Geschlechter nur darum geht, Frauen für Veränderungen zu begeistern?

Es handelt sich vielmehr um die Einsicht, dass wir Frauen- und Männerkarrieren unterschiedlich beurteilen. Diesen «unconscious bias» müssen wir aus unseren Köpfen bekommen. Ein Beispiel: Frauen werden entweder als kompetent wahrgenommen oder als sympathisch, aber nicht als beides gleichzeitig. Solche unbewussten Vorurteile haben Männer wie Frauen im Kopf – ein grosses Hindernis für die Gleichberechtigung. Hier müssen alle an sich arbeiten.

Was bedeutet die Förderung von Gleichberechtigung von Frauen im Businesskontext spezifisch?

Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Mit einem flexibleren System des Elternurlaubs könnte dies umgesetzt werden. Es sind die gleich langen Ellen, die man schaffen würde. Jungen Männern erwächst kaum ein beruflicher Nachteil, wenn sie ins Militär gehen. Junge Frauen haben schnell die Zwei auf dem Rücken, wenn sie ihre Kinder betreuen. Abwesenheit hinterlässt Lücken – relevant ist nun, wie auf diese reagiert wird. Vielleicht hat die Pandemie sogar einen positiven Einfluss auf unser Arbeitsleben und somit auf eine bessere Balance zwischen Privatem und Beruflichem geschaffen. Wenn nur schon das Pendeln weniger ins Gewicht fällt, wird Zeit gewonnen und Ressourcen können sinnvoller eingesetzt werden.

Die Repräsentation von Frauen in Vorständen und Führungspositionen wird als Schlüssel zum Fortschritt gesehen. Warum?

Verschiedene Studien zeigen, dass gemischte Teams besser abschneiden. Deswegen verlangen institutionelle Anleger inzwischen, dass Teams divers aufgestellt sind. Das machen sie nicht aus lauter Frauenfreundlichkeit, sondern weil sie die bessere Performance für ihre Investitionen wollen. Man kann also von «Business Excellence» sprechen anstelle von Gleichberechtigung, wenn man das Thema aktiv verbessert.

Warum sind die Verhältnisse nach wie vor nicht zufriedenstellend?

Die Strukturen für das wirklich gleichberechtigte Familienleben, die finanziellen Anreizsysteme und gesellschaftlichen Normen sind, insbesondere in der Schweiz, noch nicht so weit. Entsprechend passiert zu wenig. Haben Sie das Wort Rabenvater schon einmal gehört? Wettbewerbsorientierte Männer lassen sich ungern aus den lukrativen und einflussreichen Jobs verdrängen. Da wird mit harten Bandagen gekämpft und Kompetenz ist zweitrangig. Solche Situationen muss man als Frau schon wollen – und aushalten können.

Warum ist es für Sie so wichtig, einen Verband zu führen, der Frauen stärkt?

Frauen haben noch Defizite beim Networking. Sie haben in der Regel einen Freundinnenkreis, aber selten ein Businessnetzwerk. Häufig gibt es auch kaum Überschneidungen von diesen zwei Kreisen, falls ein Businesskreis vorhanden ist. Das machen Männer besser und entsprechend kommen viele kleine und grosse Deals mit kurzen Absprachen zustande. Diese Art des Netzwerkens lernen Frauen erst später. Da hilft ein Verband von Unternehmerinnen sehr gut. Weil ich selber eine begeisterte Netzwerkerin bin, macht es mir sehr Freude, Frauen zusammenzubringen und so die Kontakte wachsen zu lassen.

Was motiviert Frauen, in die Selbstständigkeit zu gehen?

Aus Gesprächen mit Unternehmerinnen höre ich, dass oftmals der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit Frauen dazu animiert, sich selbstständig zu machen. Um dies zu realisieren, nehmen Frauen enorme existenzielle Risiken in Kauf. Manchmal zwingen aber auch die Rahmengegebenheiten Frauen dazu. 15 Prozent der Schwangeren werden gekündigt, obwohl sie weiterarbeiten wollen. Etliche Frauen werden als Mütter aus dem Erwerbsleben gedrängt, weil sie die Hahnenkampf-Nummer in der Wirtschaftswelt nicht mitmachen wollen. Viele Frauen über 50, die an die Spitze gekommen sind, haben die Nase voll vom rücksichtslosen Gerangel in den Corporate Etagen und bewältigen ihre Sinnkrisen, indem sie sich selbstständig machen. Die Zahlen zeigen, dass insbesondere in Führungsetagen die Fluktuationsrate bei den Frauen höher ist als bei den Männern. Bisher gibt es aber noch keine Studien, die dies erklären würden. Warum sich das so entwickelt, müsste also unbedingt im Detail untersucht werden.

Welche Hilfestellung bietet der Verband Frauenunternehmen dabei?

Wir sind erfahrene Unternehmerinnen, die zu einem aktiven Erfahrungsaustausch bereit sind. Ebenso helfen wir Jungunternehmerinnen in den ersten aufregenden Jahren. Denn es verändert einen Menschen definitiv, wenn man zur eigenen Chefin wird. Ich beobachte immer wieder, wie sich eine Frau nach einem Jahr Selbstständigkeit auch optisch verändert hat. Es findet eine Häutung statt, es tritt eine neue Persönlichkeit zutage. Das ist ein ganz spannender Prozess. Damit eine Frau nicht allein das Unternehmerinnenleben kennenlernt, stehen wir ihr gerne zur Seite.

Text Evgenia Kostoglacis

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