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Zürich
31 März 2020

Wo steht die Schweiz international in Sachen Industrie 4.0?.

Dr. Dominic Gorecky,
Vorstandsvorsitzender Swiss Smart Factory

Um es gleich vorweg zu nehmen: Im European Innovation Scoreboard der EU, belegt die Schweiz auch 2019 wieder den ersten Rang. Das ist erfreulich, doch es reicht heute nicht mehr aus, uns einzig mit unseren europäischen Nachbaren zu vergleichen. Diese sitzen nämlich mit uns im selben Boot, wenn es darum geht, die vor uns liegenden Herausforderungen der vierten industriellen Revolution – auch «Industrie 4.0» genannt – zu meistern. Der Begriff «Industrie 4.0» steht für nicht mehr und nicht weniger als die grösste technologische und gesellschaftliche Transformation seit 200 Jahren.

Gemeinsam mit unseren Nachbarn droht uns in Europa im Wirtschafts- und Technologiewettbewerb zwischen den USA und China die Verdrängung. Wenn wir den Anschluss an Zukunftstechnologien verlieren, bleibt uns zukünftig nur noch die Statistenrolle im globalen Wettbewerb. Denn die Technologien, die wir heute erforschen, entscheiden über den Wohlstand von morgen. Quantencomputer, autonomes Fahren, Robotik, additive Fertigung – technologische Herausforderungen gibt es zu Hauf.

Vor allem bei der Künstlichen Intelligenz (KI) findet gerade eine Weichenstellung statt. Noch haben die USA in diesem Bereich die Nase vor. Keine andere Nation versteht es so gut, Technologie in erfolgreiche Geschäftsmodellen umzusetzen. Aber China schickt sich an, die Vorherrschaft über wichtige Technologiebausteine wie der KI zu übernehmen. Dabei geht es China nicht nur rein ums Geschäft. China nutzt KI und Vernetzung zur Zementierung seines eigenen Gesellschaftsmodells.

Die chinesischen 12 Millionen-Stadt Shenzhen war vor 50 Jahren nichts weiter als ein «Sumpfgebiet». Heute beheimatet Shenzhen die Unternehmenszentralen u.a. von Huawei, DJI und Tencent. Als ich kürzlich mit Schweizer Kollegen auf Delegationsreise vor Ort war, sagten diese: «Wir sind gekommen, um die Zukunft zu sehen.» Zukunft hat die Stadt, denn hier ist die Jugend am Drücker. In der smarten Megacity liegt der Altersdurchschnitt bei lediglich 33 Jahren. KI und Vernetzung funktionieren hier so: Ein System aus abertausenden Kameras erfasst dank Gesichtskennung jeden, der bei Rot die Ampel überquert. 13 930 Delinquent wurden so bereits öffentlich an den Pranger gestellt. Zukünftig soll dann gleich per WeChat-App ein automatischer Bussgeldbescheid erteilt werden.

Aber ist das die passende Zukunftsvision für uns in der Schweiz? Wohl kaum. Und wollen wir wirklich jedes Mal nach Fernost oder rüber ins Silicon Valley jetten, um die «Zukunft zu sehen»? Warum gibt es die Zukunft nicht in der Schweiz zu sehen, fragte ich die mitreisenden Kollegen scherzhaft? Gleichwohl war mir bewusst, dass sich eine Antwort auf diese Frage erübrigt. Mit den Milliarden, die in China und den USA heute in Innovation investiert wird, können oder wollen wir leider nicht mithalten.

Im Jahr 2012 lag das Wagniskapital in Europa und Asien noch auf demselben Niveau. Im Jahr 2017 haben sich die Ausgaben auf asiatischer Seite dazu bereits ver-14facht, während Europa lediglich eine Verdreifachung erreichte.

In unserem Zukunftsmodell sehen wir Technologie als sinnvolle Unterstützung des Menschen.

Dr. Dominic Gorecky, Vorstandsvorsitzender Swiss Smart Factory

Wenn wir unser europäisches Wirtschafts- und Wohlstandsmodell langfristig bewahren möchten, müssen wir mehr und besseres tun. Mehr wagen, mehr investieren und die Jungen machen lassen.

In unserem Zukunftsmodell sehen wir Technologie als sinnvolle Unterstützung des Menschen – z.B. in der Smart Factory: Dort bleibt der Mensch Entscheider in allen wesentlichen Prozessen, jedoch arbeiten wir womöglich Hand in Hand mit einem kollaborativen Roboter, erhalten übersichtliche Datenauswertungen auf dem Tablet und können dank Plug-and-Play in wenigen Handgriffen neue Maschinen in Betrieb nehmen. Die Herstellung von hochwertigen, haptischen Gütern ist die Stärke in der Schweiz. Es muss eine geschickte Kombination mit den Möglichkeiten der digitalen Welt erfolgen. So müssen unsere Ingenieure den Wert von Daten verstehen und offene Schnittstellen schaffen, damit in der Smart Factory-Umgebung reibungsfrei kommuniziert werden kann. Nur so können neuartige Services wie selbstoptimierende Systeme oder vorausschauende Wartung zum Standard werden.

Ich bleibe positiv für den Werksplatz Schweiz und Europa. Ich wünsche uns viel Erfolg bei der Umsetzung der «Industrie 4.0» – und Ihnen natürlich viel Spass beim Lesen dieser Ausgabe.

Text: Dr. Dominic Gorecky

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