Wie der digitale Zwilling Komplexität und Kosten im Griff hält
Steigende Zinsen, strengere Regulierungen für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) und schrumpfende Margen fordern die Schweizer Bau- und Immobilienbranche heraus. Wer heute noch analog plant und baut, verliert morgen die Kontrolle über die Kosten. Die Antwort liegt in der Digitalisierung entlang des gesamten Lebenszyklus – von der ersten Skizze bis zur jahrzehntelangen Bewirtschaftung.
Die Zahlen zeigen: Die Bau- und Immobilienbranche hinkt in der Digitalisierung hinterher. Seit Jahren erlebt die Branche kaum Transformation und ist in einem statischen Zustand gefangen. Der Ausbruch aus diesem Zustand gelingt nur mit Digitalisierung. Doch die «Digital Real Estate Umfrage» von Pom+ zeigt: In der Schweiz herrscht in der Bau- und Immobilienbranche ein Digitalisierungsgrad von gerade mal 4,3 von 10 möglichen Punkten. Zwar ist das eine Erholung im Vergleich zum Vorjahr mit 4,0 Punkten, doch die Umfrage macht klar: Die Schweiz muss punkto Digitalisierung aufholen.
BIM bringt Risikominimierung
Eines der zentralen strategischen Werkzeuge ist «Building Information Modeling» (BIM). Ein Werkzeug, das die zunehmende Komplexität von Gebäudetechnik und Gebäudeautomation stemmen kann. Herkömmliche Planungsmethoden mit zweidimensionalen Plänen bleiben hier auf der Strecke. Durch das Bauen eines exakten digitalen Zwillings noch vor Baubeginn können Fehler im Voraus vermieden werden. Inhabende profitieren von Planungssicherheit, besserer Qualität und somit von einem besseren Bauwerk. Mit einer gesteigerten Effizienz lassen sich Bauzeiten verkürzen und Investitionskosten senken. Für das Planungsteam stellt BIM eine Möglichkeit zur effizienteren sowie fehlerfreien Planung dar. Nutzende können dank des digitalen Zwillings früh ihre Bedürfnisse einbringen und als Resultat eine massgeschneiderte Immobilie in Empfang nehmen.
Technologie ist das Werkzeug. Jedoch ist es der Mensch, der dieses Werkzeug benutzt. Deshalb ist ein partnerschaftliches Denken für echten digitalen Erfolg unabdingbar.
Kosteneinsparung in der Planung
Durch automatisierte Kollisionsprüfungen und präzise digitale Zwillinge werden Planungsfehler korrigiert, bevor Kapital im Beton gebunden ist. Konkret spüren die Investierenden den Nutzen im Portemonnaie: Während die Korrektur eines Planungsfehlers am digitalen Zwilling oft nur wenige Mausklicks kostet, schlägt derselbe Fehler auf der Baustelle im Schnitt mit dem zehn- bis hundertfachen an Kosten zu Buche. Die automatisierte Kollisionsprüfung eliminiert so teure Schnittstellenfehler zwischen Architektur, Statik und Haustechnik bereits im Vorfeld und sichert die Budgettreue, noch bevor der erste Bagger rollt.
Trotz dieser klaren Vorteile setzen aktuell gerade mal 20 Prozent der Schweizer Unternehmen BIM ein. Im Vergleich dazu liegen Nachbarländer wie Frankreich oder Deutschland bei über 60 Prozent.
Vernetzte Prozesse gegen den Kontrollverlust
Der kritischste Moment eines Bauprojekts ist der Sprung vom Architekturbüro auf die Baustelle hinein in die Projektrealisierung. Hier droht der Kontrollverlust: Veraltete Pläne, zähe Absprachen und unentdeckte Mängel führen schnell zu teuren Verzögerungen und Nachträgen. Vernetzte Prozesse brechen diese analogen Silos auf. Über Cloud-Plattformen arbeiten Polier:innen, die Bauleitung sowie Anlegende heute in Echtzeit mit denselben Daten. Ändert sich ein Detail im digitalen Modell, ist es Sekunden später auf dem Tablet der Polier:innen sichtbar.
Gleichzeitig treibt die Automatisierung das Tempo an: Drohnen vermessen den Rohbau millimetergenau und gleichen den Istzustand autonom mit dem Soll-Modell ab. Für die institutionelle Bauherrschaft bedeutet das eine maximale Transparenz. Wenn der Baufortschritt digital mit dem Budget verknüpft ist, wandelt sich das Controlling vom rückblickenden Verwalten zur proaktiven Steuerung. Das Ergebnis sind fundierte Entscheidungsgrundlagen direkt vor Ort – und das Ende böser Überraschungen bei der Endabrechnung.
Der Betrieb – wo die eigentliche Rendite entsteht
Hier wird der digitale Zwilling an das Facility-Management (FM) übergeben. In diesem Schritt kommen Werkzeuge wie «Enterprise Resource Planning» (ERP), Energiemanagement-Software, «Internet of Things»-Plattformen (IoT) oder auch Immobilienbewirtschaftungstools zum Einsatz. Rund 80 Prozent der Lebenszykluskosten einer Immobilie fallen erst im Betrieb an. So liegt hier der grösste Hebel. Dank «Predictive Maintenance»-Lösungen können Reparaturkosten gesenkt und der Energieverbrauch optimiert werden. Mithilfe mobiler Anwendungen lassen sich Inspektionen oder Störungen direkt vor Ort erfassen und dokumentieren.
Digitaler Materialpass und Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit ist längst ein harter Investitionsfaktor. Dank digitaler Plattformen wie beispielsweise «Madaster» weiss man exakt, welche Rohstoffe verbaut wurden. Die Immobilie wird im Portfolio zum bilanzierbaren Rohstofflager der Zukunft – ein massiver Vorteil für zirkuläres Bauen und die Erfüllung strenger ESG-Richtlinien. Energieverbrauch, CO2-Verbrauch oder Nutzerkomfort werden durch integrierte Datenplattformen messbar und sind ein ausschlaggebender Indikator der Nachhaltigkeit der Immobilie. Dieser Indikator ist auch für Investierende und Banken entscheidend, denn diese verlangen oft nachvollziehbare Nachhaltigkeitsnachweise, die dank digitaler Systeme leichter erbracht werden können.
Digitalisierung ist kein Kostentreiber. Sie ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit und Liquidität eines Portfolios.
Kulturwandel zur erfolgreichen Transformation
Technologie ist das Werkzeug. Jedoch ist es der Mensch, der dieses Werkzeug benutzt. Deshalb ist ein partnerschaftliches Denken für echten digitalen Erfolg unabdingbar. Weg von defensiver, rein rechtlicher Absicherung, hin zur kollaborativen Datennutzung, bei der alle Projektbeteiligten am selben Strick ziehen. Transparenz ist wichtig, jedoch auch die entsprechende Schulung aller Beteiligten zur effizienten Nutzung der vorhandenen Technologien.
Das Mindset entscheidet über den Anschluss
Digitalisierung ist kein Kostentreiber. Sie ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit und Liquidität eines Portfolios. Wer Daten effektiv durch den gesamten Lebenszyklus von Bauplanung bis hin zur Immobilienbewirtschaftung nutzt, ermöglicht Transparenz, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Durch die Nutzung von Werkzeugen wie BIM oder ERP können sich komplexe Bauvorhaben vereinfachen und Prozesse präzise gesteuert werden. Die Technologie ist reif. Jetzt entscheidet das Mindset der Führungskräfte, ob die Schweiz den Anschluss hält.
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