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Bau & Immobilien

Projektentwicklung im Wandel: zwischen ESG, Risiko und langfristiger Tragfähigkeit

04.07.2026
von Britta Vodicka

Lange Zeit galt Projektentwicklung vor allem als Disziplin des Wachstums: Grundstück sichern, Nutzung definieren, Finanzierung strukturieren, bauen. Der Markt war dynamisch, Kapital vergleichsweise günstig verfügbar und viele Projekte schienen allein durch steigende Nachfrage wirtschaftlich tragfähig zu werden. Heute zeigt sich ein etwas anderes Bild: Steigende Baukosten, volatile Zinsen, komplexere Genehmigungsverfahren und wachsende regulatorische Anforderungen haben die Branche in eine Phase geführt, in der nicht mehr jede gute Idee automatisch realisierbar ist. 

Erfolgreiche Projekte entstehen längst nicht mehr nur aus architektonischer Qualität und attraktiven Lagen. Entscheidend ist vielmehr, wirtschaftliche, technische, gesellschaftliche und regulatorische Anforderungen frühzeitig zusammenzudenken und in die Projektentwicklung zu integrieren. Viele Projekte scheitern inzwischen nicht an fehlender Nachfrage, sondern an mangelnder Realisierbarkeit. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr ausschliesslich: «Was kann gebaut werden?», sondern zunehmend: «Was lässt sich unter realen Bedingungen dauerhaft wirtschaftlich, gesellschaftlich und organisatorisch tragen?»

Diese Verschiebung beeinflusst die Logik der Projektentwicklung wesentlich. Wer heute entwickelt, muss Risiken wesentlich früher erkennen, Nutzungskonzepte präziser hinterfragen und Entscheidungsprozesse deutlich integrativer organisieren. Genau hier gewinnt Governance an Bedeutung: klare Verantwortlichkeiten, transparente Entscheidungswege und die Fähigkeit, komplexe Projekte trotz unterschiedlicher Interessen steuerbar zu halten. Steigende Baukosten, veränderte Finanzierungsbedingungen oder neue regulatorische Anforderungen können ursprünglich tragfähige Kalkulationen innerhalb kurzer Zeit infrage stellen. Ohne klare Zuständigkeiten und abgestimmte Entscheidungsprozesse entstehen dabei häufig Verzögerungen, Zielkonflikte und zusätzliche wirtschaftliche Risiken. Projekte scheitern selten an einzelnen Fehlern, sondern häufig daran, dass Risiken zu spät erkannt, Verantwortlichkeiten unklar oder notwendige Entscheidungen zu lange vertagt werden.

Wirtschaftlicher Erfolg entsteht zunehmend dort, wo Planung, Finanzierung, Nutzung und gesellschaftliche Anforderungen nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen an Immobilien selbst verändern. Klassische Nutzungsmodelle funktionieren vielerorts nicht mehr automatisch. Büroflächen müssen sich an hybride Arbeitsmodelle anpassen, Innenstädte stehen unter Transformationsdruck und Wohnraum bleibt in vielen Regionen knapp und gleichzeitig kaum bezahlbar. Dadurch gewinnen flexible Nutzungskonzepte und Mixed-Use-Ansätze an Bedeutung. Immobilien werden heute zunehmend als Teil urbaner Infrastruktur verstanden und nicht mehr ausschliesslich als isolierte Anlageobjekte. Genau darin liegt ein wesentlicher Perspektivwechsel der Branche.

Die Bedeutung des «S» der ESG-Kriterien

Gleichzeitig wächst die Bedeutung von ESG-Kriterien. Während ökologische Aspekte wie Energieeffizienz oder CO2-Reduktion inzwischen selbstverständlich erscheinen, wird insbesondere die soziale Dimension häufig unterschätzt. Das «S» in ESG betrifft nicht nur Arbeitsbedingungen oder Baustellensicherheit, sondern auch die Frage, welchen Beitrag Projekte zur Lebensqualität und zur langfristigen Stadtentwicklung leisten. Wie entstehen Quartiere, die sozial funktionieren? Welche Nutzungen bleiben langfristig tragfähig? Und welche Projekte erzeugen gesellschaftliche Akzeptanz statt zusätzlicher Konflikte?

Gerade die soziale Komponente wird künftig stärker darüber entscheiden, welche Projekte finanzierbar und politisch durchsetzbar bleiben. Investor:innen, Banken und öffentliche Akteure achten zunehmend darauf, ob Projekte nicht nur wirtschaftlich rentabel, sondern auch gesellschaftlich anschlussfähig sind. Ein Beispiel dafür sind grössere Wohnbauprojekte, bei denen fehlende soziale Infrastruktur oder mangelnde Einbindung der Öffentlichkeit inzwischen regelmässig zu Widerständen und erheblichen Verzögerungen führen. Immobilien verlieren ihren Wert nicht allein durch schlechte Bauqualität, sondern oft durch mangelnde Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche Veränderungen. Ein Gebäude kann technisch hochwertig sein und trotzdem langfristig scheitern, wenn Nutzungskonzepte am tatsächlichen Bedarf vorbeigehen.

Hinzu kommt die Digitalisierung, die die Projektentwicklung tiefgreifend verändert. Instrumente wie BIM, datenbasierte Standortanalysen oder digitale Projektsteuerung ermöglichen heute deutlich präzisere Entscheidungen in frühen Entwicklungsphasen. Dadurch steigt die Transparenz, gleichzeitig aber auch der Anspruch an die Qualität von Entscheidungen. Daten ersetzen allerdings keine Haltung. Auch die beste Simulation beantwortet nicht die grundlegende Frage, welche Art von Stadt oder Arbeitswelt künftig entstehen soll. Projektentwicklung bleibt deshalb trotz technologischer Fortschritte immer auch eine strategische und gesellschaftliche Disziplin.

Langfristig funktionierende Räume vor maximaler Flächeneffizienz

Auffällig ist zudem, dass sich wirtschaftliche Bewertungskriterien verändern. Lange stand vor allem die maximale Flächeneffizienz im Vordergrund. Heute gewinnen Resilienz, Drittverwendungsfähigkeit und langfristige Anpassbarkeit an Bedeutung. Projekte müssen nicht nur unter aktuellen Marktbedingungen funktionieren, sondern auch zukünftige Veränderungen aushalten können. Diese Perspektive verlangt ein deutlich langfristigeres Denken als in vielen Marktphasen der vergangenen Jahrzehnte üblich war.

Die Branche steht damit an einem interessanten Punkt. Einerseits steigen Komplexität und regulatorischer Druck kontinuierlich. Andererseits eröffnet genau diese Entwicklung Raum für qualitativ bessere Projekte. Denn wirtschaftlicher Erfolg entsteht zunehmend dort, wo Planung, Finanzierung, Nutzung und gesellschaftliche Anforderungen nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Erfolgreiche Projektentwicklung bedeutet heute weniger, möglichst schnell zu bauen, sondern tragfähige Strukturen für langfristig funktionierende Räume zu schaffen. Genau darin liegt vermutlich die eigentliche Zukunftsfähigkeit der Branche.

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