Die Grafik, die das Armutsmonitoring der Schweiz vom vergangenen Jahr anbietet, ist ebenso einfach wie eingängig. In einem Kreislaufmodell zeigt sie, dass finanzielle Armut zu Bildungsarmut führt, da die finanziellen Mittel für die Bildung fehlen, und Bildungsarmut zu finanzieller Armut führt, weil fehlende Bildungsabschlüsse die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt einschränken. Für Kinder armutsbetroffener Eltern bedeutet das: Ihr Risiko, die Armut zu «erben», ist maximal. Nicht umsonst beleuchtet der aktuelle Bildungsbericht den finanziellen Hintergrund der Schweizer Schüler:innen.
«Insbesondere in Bezug auf die intergenerationelle Übertragung von Bildungschancen besteht die Gefahr, dass eine Art Teufelskreis entsteht», heisst es im Armutsmonitoring. Um diesen Teufelskreis langfristig zu durchbrechen, haben Bund und Kantone im Jahr 2006 das 95-Prozent-Ziel definiert. Doch auch 20 Jahre später – beziehungsweise im Jahr 2023 als Messzeitpunkt – verfügten lediglich gut 90 Prozent der 25-Jährigen über einen Abschluss auf Sekundarstufe II – und der Anteil ist seit 2016 leicht gesunken. Insbesondere die Westschweiz verfehlt hier das gesteckte Ziel. Umgekehrt bewegten sich die Kantone Appenzell Innerrhoden und Nidwalden im Jahr 2022 bereits oberhalb der 95-Prozent-Marke.
Zu denjenigen, die einen entsprechenden Abschluss nicht erreichen, gehören verstärkt die jungen Menschen, die aus Haushalten mit niedrigem Einkommen stammen oder deren Familien Sozialhilfe beziehen. Denn Bildung muss man sich leisten können. Konkret geht es hierbei einerseits um den Zugang zu Bildungsangeboten. Andererseits spielt aber unter anderem auch eine beengte Wohnumgebung eine Rolle, die gerade in kinderreichen Familien das konzentrierte Lernen erschwert. Insbesondere in Bezug auf Sozialhilfe existiert daher ein politischer Hebel, der sich stark auf die Bildungschancen junger Menschen auswirken könnte.
Exkurs: Rückzahlung hält auch Kinder in Armut
Wer Sozialhilfe bezogen hat, muss diese je nach Kanton zurückzahlen, wenn sich die eigenen Einkommensverhältnisse zum Positiven verändern. Während die Kantone Neuenburg und Waadt darauf inzwischen vollständig verzichten und Genf lediglich bei sehr hohen Einkünften eine Rückerstattung fordert, sieht es in den weiteren Westschweizer Kantonen anders aus. So ist in Freiburg und im Jura ebenso wie in einem Grossteil der Schweiz eine Rückerstattung der Sozialhilfe vorgesehen.
Mit dem Beispiel einer Freiburgerin machte SRF im März 2021 deutlich, was diese Situation für Betroffene bedeuten kann. Vor einigen Jahren erkrankte Karine an einer Adenomyose, einem schmerzhaften Gebärmutterleiden. Arbeitsunfähig gab sie ihre Stelle als Callcenter-Mitarbeiterin auf. Da ihre Krankheit jedoch nicht anerkannt wurde, erhielt Karine weder Arbeitslosengeld noch IV und ihr blieb nichts anderes übrig, als Sozialhilfe zu beantragen.
Auch wer wieder eine Stelle findet, bleibt gegebenenfalls lange Zeit in der Armut gefangen. Die Rückerstattungspflicht hält Menschen am Existenzminimum. «Es besteht die Gefahr, dass man da nie wieder rauskommt», sagt Karine. Eltern ziehen zwangsläufig ihre Kinder mit hinein, zumal einige Kantone auch eine Rückerstattung der für Kinder gezahlten Sozialhilfe verlangen. So gut wie jegliche Bildung jenseits der Schulmauern, man denke etwa an Bücher, Zoo- und Theaterbesuche oder freiwillige Schulfahrten, bleibt diesen Kindern verwehrt.
Massnahmen der öffentlichen Hand
«Hier stellt sich unter anderem die Frage, inwiefern das Bildungssystem der Schweiz die Prämisse der Chancengerechtigkeit für Kinder aus armutsbetroffenen Haushalten erfüllen kann», konstatiert das Armutsmonitoring. Der Bericht nennt in diesem Zusammenhang verschiedene Massnahmen, die der erblichen Armut entgegenwirken:
- Familienergänzende Betreuungsangebote bieten Bildungschancen über die Kapazitäten der Eltern hinaus
- Elternbildung und -beratung eröffnen Familien den Weg zu unbekannten oder schambehafteten Angeboten
- Begegnungsorte für Familien ermöglichen Sprachentwicklung und Förderung der Sozialkompetenzen
- Unterstützungs-, Beratungs- und Begleitangebote für Kinder und Jugendliche eröffnen individuelle Wege
- Sprachförderung für unterschiedliche Altersklassen baut Brücken in Bildung und Arbeitsmarkt
Für die Phase rund um den Abschluss der obligatorischen Schulzeit betrachtet das Armutsmonitoring verschiedene Begleitangebote als wesentlich. Um überhaupt einen Schritt in Richtung der beruflichen Bildung gehen zu können, müssen sich die Jugendlichen innerhalb einer riesigen Möglichkeitswelt orientieren. Die Schulen setzen hier im siebten und neunten Schuljahr einen Schwerpunkt. Zusätzlich braucht es die Arbeit der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungsstellen der Kantone sowie die verschiedenen Brückenangebote. Besonders benachteiligte Jugendliche finden im Case Management Berufsbildung (CM BB) eine Begleitung auf dem Weg von der Schule in die Arbeit.
«All diese Angebote erhöhen die Chance, eine passende Lehrstelle zu finden, und wirken damit chancenausgleichend», hält das Armutsmonitoring fest. So obliegt es einerseits dem Bund, mithilfe finanzieller Mittel dem Teufelskreis entgegenzusteuern. Andererseits sind die Kantone und Gemeinden neben ebenfalls monetären Aufgaben mit der Umsetzung der Angebote betraut. Isoliert betrachtet liegen hier also die Hebel, um das 95-Prozent-Ziel zu erreichen. Sie mit aller Kraft zu betätigen, ist aber nicht nur der Weg in Richtung gewünschter Kontrollziffern, sondern vor allem zu einem Land der zufriedenen Jugend.
Schreibe einen Kommentar