Interview von SMA

Hans-Jörg Bertschi: Transformation zu einer resilienten und nachhaltigen globalen Supply Chain

Infolge der Coronapandemie befindet sich die Transport- und Logistikbranche in einigen Marktsegmentenimmer noch im Krisenmodus. Weitere Herausforderungen sind die digitale Transformation und die Reduktion des CO2-Austosses.

Infolge der Coronapandemie befindet sich die Transport- und Logistikbranche in einigen Marktsegmentenimmer noch im Krisenmodus. Weitere Herausforderungen sind die digitale Transformation und die Reduktion des CO2-Austosses.

Dr. Hans-Jörg Bertschi, Verwaltungsratspräsident der Bertschi Gruppe, erläutert im Interview, wie sich das Familienunternehmen darauf einstellt.

1956 von Hans Bertschi als lokales Transportunternehmen gegründet und ab 1964 von seinem Bruder Rolf unterstützt, ist Ihr Unternehmen heute ein weltweit führender Spezialist für Logistikdienstleistungen für die Chemische Industrie. Worauf führen Sie diese Erfolgsgeschichte zurück?

Da ist zunächst die Pionierrolle beim Aufbau des ersten kombinierten Verkehrs auf der Schiene durch die Alpen 1964 zu nennen. Dieser hat 1967 – zusammen mit vier Partnern – zur Gründung der Firma Hupac in Chiasso geführt, dem heute europaweit führenden Unternehmen im kombinierten Verkehr. Diese Pioniertätigkeit war der Startschuss zur Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene. Dazu kam 1972 die Beschaffung der ersten Tankcontainer für Chemietransporte – nur sechs Jahre nachdem das erste Schiff mit Überseecontainern aus den USA in Europa, in Bremerhaven, angelegt hatte. Multimodalität und Containerisierung prägen auch fünfzig Jahre später noch die DNA der Bertschi Gruppe.

Ein nächster wichtiger Schritt unter Führung der zweiten Generation war der Aufbau eines europaweiten intermodalen Netzwerks mit 15 Niederlassungen in Westeuropa in den späten 80er- und den 90er-Jahren. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde das Netzwerk um weitere 15 Firmenstandorte in Osteuropa und Russland ausgebaut. Mit der Verknüpfung dieser Standorte mit dem kombinierten Verkehr per Bahn und einer parallelen vertieften Integration in die Logistik unserer Kunden, konnten wir eine führende Position in der Chemielogistik in Europa erreichen. 2012 leiteten wir schliesslich die Globalisierung mit Standorten in China, Südostasien, den USA, Saudi-Arabien, Dubai und Brasilien ein – ergänzt durch ein weltweites Agenturnetz.

Heute erarbeiten wir bereits mehr als einen Drittel des Umsatzes im globalen Geschäft. Die Belegschaft am Hauptsitz in Dürrenäsch ist stark gewachsen und hat sich mit über 35 Sprachen, die an diesem Standort gesprochen werden, internationalisiert. Gute Teamarbeit, eine klare Strategie, Beharrlichkeit in der Umsetzung und auch etwas Glück haben diese erfreuliche Entwicklung ermöglicht. Dazu gehören auch die guten Standortbedingungen in der Schweiz für ein globales Geschäft.

Die weltweite Verbreitung der Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns und Umsatzrückgänge haben sicher auch Ihr Geschäft beeinflusst. Wie hat die Bertschi AG diese Krise gemeistert?

Mit der Pandemie hatten wir 2020 deutliche Umsatzrückgänge zu verzeichnen. Der Wiederaufschwung setzte aber im Herbst unerwartet früh ein und hat sich 2021 noch beschleunigt. Die dadurch entstandenen Kapazitätsengpässe und Störungen in den Lieferketten haben unsere Kosten in diesem Jahr deutlich nach oben getrieben. Höhere Kosten können wir in der Regel nur mit Verzögerung auf die Preise überwälzen. Damit liegen die Margen unter den Erwartungen. Im Hinblick auf die steigende Nachfrage investieren wir trotzdem viel in die Zukunft. Unter anderem in Logistikinfrastrukturen in Rotterdam, Antwerpen, England sowie in ein Chemielogistik-Zentrum im Grossraum Shanghai.

Der Aufschwung hat ja jetzt wieder eingesetzt. Aus der Branche hört man allerdings, dass die globalen Lieferketten durch die Schliessung einzelner Häfen in China auch langfristig gefährdet seien. Wie ist die Situation aktuell und welchen Einfluss hat diese auf Ihr Unternehmen?

In den globalen Lieferketten sind aktuell die Störungen mit Verzögerungen um Wochen oder gar Monate tatsächlich sehr gross. Gleichzeitig sind die Spotpreise für den weltweiten Containerverkehr in den letzten zwölf Monaten um das Sechs- bis Zehnfache gestiegen. Die hohe Nachfrage, lange Warteschlangen der Schiffe vor den Häfen (unter anderem wegen Covid) und der Mangel an Containern sind die Gründe dafür. Das verursacht bei unseren Mitarbeitenden einen sehr grossen Planungsaufwand für jede einzelne Ladung. Für die Firma und unsere Kunden führt das wiederum zu Mehrkosten. 

Was empfehlen Sie Ihren Kunden und Kundinnen, die auf einen zuverlässigen Warenfluss angewiesen sind?

In der aktuellen Situation ist es wichtig, über eine Supply-Chain-Organisation zu verfügen, die von den Lieferanten durchgängig bis zu den Kunden den Warenfluss plant und steuert – und das möglichst digital. Eine gewisse Pufferlagerung und die Zusammenarbeit mit Dienstleistern, die sich nahtlos in die digitale Landschaft integrieren können, sind weitere wichtige Punkte. Die Pandemie hat gezeigt, dass für kritische Komponenten oder Rohstoffe mehrere Lieferanten aus unterschiedlichen Regionen der Welt – in Verbindung mit global vor Ort tätigen Logistikdienstleistern – von grossem Vorteil sind.

Und die aktuelle Situation in Europa – welches sind hier die Herausforderungen?

Aufgrund der unerwartet schnellen Erholung der Wirtschaft von der Covid-Krise ist in Europa kurzfristig der Mangel an LKW-Fahrern zu einem Problem geworden. Das ist ganz ausgeprägt in Grossbritannien der Fall, wo etwa 100 000 LKW-Fahrer fehlen. Aber auch auf dem Kontinent gehen jedes Jahr sechs Mal mehr Fahrer in Rente im Vergleich zu den Neueinsteigern in den Beruf. Die Situation wird damit laufend schwieriger. 

Eine Verschärfung des Fahrerengpasses wird ab Februar 2022 mit der Umsetzung der zweiten Stufe des EU-Mobilitäts-Pakets eintreten. Ab dann muss nicht nur jeder LKW-Fahrer alle vier Wochen in sein Heimatland zurückkehren, sondern auch jeder LKW alle sechs Wochen in sein Immatrikulationsland. Damit werden vor allem in Westeuropa noch mehr LKW-Fahrer fehlen. Diese Knappheit wird zu steigenden Transportpreisen und zu einer besseren Entlöhnung der LKW-Fahrer führen, was in Grossbritannien bereits sehr deutlich der Fall ist. Dann werden sich hoffentlich auch wieder mehr junge Berufseinsteiger finden. 

Gerade im Transport- und Logistikbereich ist Nachhaltigkeit ein grosses und wichtiges Thema. Wie ist die Bertschi AG diesbezüglich aufgestellt?

Mittelfristig wird die Dekarbonisierung des Verkehrs eine sehr grosse Herausforderung werden. Mit dem Green Deal strebt die EU bis 2050 eine Reduktion des CO2-Ausstosses im Verkehr um 90 Prozent an. Die Bertschi Gruppe rüstet sich heute, um dieses Ziel deutlich früher zu erreichen. Ein zentrales Thema ist dabei die Verlagerung des Strassentransports zum energie- und umweltschonenden kombinierten Verkehr auf Schiene und Wasser. Bereits heute organisieren wir über 90 Prozent aller Transporte im kombinierten Verkehr. 

Wir verfügen über eine Container-Flotte für Chemieprodukte von knapp 40 000 Einheiten und über eine grössere Zahl von eigenen Umschlagsterminals und Logistik-Anlagen in Europa. Mit der Verlagerung auf die Schiene reduzieren wir heute den CO2-Ausstoss gegenüber dem Strassentransport um 250 000 Tonnen pro Jahr. Das entspricht einer Reduktion um etwa 60 Prozent. 

In einem nächsten Schritt planen wir, Strassenvor- und -nachläufe zu Bahn und Schiff und auch die reinen Strassentransporte schrittweise auf klimaneutral angetriebene LKWs umzustellen. Als Antriebsstoffe stehen grüner Wasserstoff und grünes Methanol zuoberst auf der Liste. Wir bereiten mit Lastwagenlieferanten erste Feldversuche im Jahr 2025 vor. 

Ein weiteres Element unserer Zero-Emission-Strategie ist die Vermeidung von unnötigen Fahrten. Unsere Container sind nicht nur multimodale Transportmittel, sie werden zunehmend auch für die Produktlagerung eingesetzt. Durch die räumliche Zusammenführung der Funktionen Transport, Abfüllung und Lagerung sowie Umschlag Schiene/Wasser in integrierte Logistik-Hubs lassen sich eine Vielzahl von LKW-Fahrten eliminieren. Wir planen, weiter in solche Infrastrukturen zu investieren und diese effizient und klimaschonend zu betreiben. 

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Die Digitalisierung spielt bei uns eine zentrale Rolle für einen zuverlässigen, effizienten und nachhaltigen Warenfluss. Bertschi investiert seit Jahren massiv in die digitale Transformation des Unternehmens. Durch die elektronische Integration der Prozesse mit Kunden und Dienstleistungspartnern im Schienen-, Strassen- und Seeverkehr können wir heute eine 99-prozentige durchgehende Visibilität der intermodalen Lieferketten anbieten. Interne Softwareentwicklungs-Teams mit über 50 Mitarbeitenden sowie weitere externe Ressourcen arbeiten am weiteren Ausbau.

Ein Blick in die Zukunft: Wie verändert sich die Logistik in den kommenden Jahren? Welches sind die wichtigsten Trends?

Die zunehmende Komplexität und Volatilität der globalen Lieferketten sind grosse Herausforderungen. Damit die Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann, werden die Lieferstrukturen stärker geographisch diversifiziert werden. Das stellt höhere Anforderungen an die Steuerung des Verkehrs. In einzelnen Märkten wird auch das Nearshoring von Lieferanten, beispielsweise Südosteuropa statt Asien, deutlich zunehmen. Auch das sind neue Herausforderungen, etwa im Zusammenhang mit den Vorgaben des Green Deal. 

Die Logistik wird sich als Folge der neuen Klimapolitik auch viel stärker um alternative Energien kümmern müssen, damit die Ver- und Entsorgung im Rahmen der CO2-Vorgaben in Zukunft kosteneffizient umgesetzt werden kann. Viele Energieträger werden wohl knapp und teurer werden – und dies in ganz unterschiedlichem Ausmass. In der Konsequenz wird sich auch der Verkehrsträger-Mix in der Logistik deutlich verschieben – hin zu nachhaltigeren Verkehrsträgern wie Schiene und Wasser. 

Last but not least wird die Anwendung der künstlichen Intelligenz die Strukturveränderungen, die sich heute durch die Digitalisierung bereits abzeichnen, weiter beschleunigen. Das dürfte zu einer Konsolidierung in der heute noch zersplitterten Logistikbranche führen. 

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04.11.2021
von SMA
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