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Transport & Logistik Logistik Supply Chain Management

Reshoring oder die Produktion kommt zurück in die Schweiz

04.11.2021
von Severin Beerli

Jahrelang haben zahlreiche Schweizer Unternehmen Jobs ins Ausland verschoben. Genauer gesagt hat in der ersten Hälfte der 2010er-Jahre jedes sechste Unternehmen der Schweiz die Produktion oder zumindest Teile davon ins Ausland ausgelagert. Nun macht sich wegen zahlreichen Faktoren eine kleine Trendwende bemerkbar, das sogenannte Reshoring. «Fokus» ist dieser Entwicklung nachgegangen.

Reshoring bedeutet, dass Unternehmen ihre einstmals ausgelagerte Produktion wieder ins Ursprungsland zurückführen. Um das Reshoring besser zu verstehen, muss zuerst der vorangegangenen Entwicklung, dem sogenannten Offshoring nachgegangen werden. «Shoring» bedeutet im eigentlichen Sinne Abstützung oder Absicherung. Im wirtschaftlichen Kontext ist damit gemeint, dass man Aktivitäten in einen selbst geführten Betrieb auslagert oder Standorte eigens für diesen Zweck aufbaut. Ein weiterer Begriff, der häufig in diesem Zusammenhang genannt wird, ist das «Outsourcing». Diese Bezeichnungen gilt es nicht zu verwechseln. Während im «Shoring» die Betriebe immer noch zum eigenen Unternehmen gehören und dessen Zielen untergeordnet sind, werden beim «Sourcing» die Aktivitäten an externe Unternehmen ausgelagert, welche eigene Ziele verfolgen.

Vom Offshoring zum Reshoring

Gründe für das Offshoring sind meistens niedrigere Kosten oder ein besserer Ressourcenzugang. Was hat nun also dazu geführt, dass Unternehmen ihre Produktion wieder ins Ursprungsland zurückholen? Matthias Ehrat, Dozent für Produktmanagement und Digitalisierung in der Industrie an der ZHAW, erklärt: «Die Verlagerung aus Kostenüberlegungen hat häufig zu einem Stillstand der eigenen Entwicklung geführt. Das Offshoring hat temporär einen Kostenvorteil mit sich gebracht, welcher aber nicht durch weitere regelmässige Produkt- und Produktivitätsverbesserungen, mit dem Ziel eines dauerhaften Kostenvorteils, gepflegt wurde. Wenn gleichzeitig noch die Ansprüche an die Flexibilität gewachsen sind, dann ist ein Reshoring, meist verbunden mit einem Entwicklungsschritt, naheliegend.»

Automation und Digitalisierung als Förderer der Inlandproduktion

Weitere Aspekte für das Reshoring sind die immer weiter steigenden Lohnkosten im Ausland und Komplikationen mit der Qualität und Flexibilität der Produktion. Dazu kommt, dass die Produktion in der Schweiz durch die Automation immer kostengünstiger wird. Matthias Ehrat ergänzt: «Ich erachte zwei Bedingungen als wesentlich für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz im produzierenden Umfeld. Zum einen eine auf die Schweiz zugeschnittene Digitalisierung und Automatisierung, welche unsere Fähigkeit, «Berge versetzen zu können», auf effiziente und effektive Art ermöglicht und zum anderen Innovations- und Ausbildungsinitiativen, welche uns die Entwicklung dahin verstehen und realisieren lassen.» Wesentliches Kriterium für die Produktion im eigenen Land ist die Wettbewerbsfähigkeit: «Sobald wir am Standort Schweiz umfassende, auf die Bedürfnisse der Kundschaft ausgerichtete Produkte erzeugen, bin ich überzeugt, dass auch die Leistungserstellung vermehrt hier erfolgt. Allerdings wird sich dazu die Produktion auch in Richtung digitale Produkte entwickeln müssen. Heute erwarten Kunden vermehrt, dass Maschinen und Anlagen sich selbst einstellen, dass diese sich ohne Personal überwachen lassen oder dass sie selbst Nachbestellungen ausführen.»

Reshoring bedeutet nicht unbedingt mehr Arbeitsplätze

Wenn die Produktion wieder vermehrt ins Ursprungsland verlagert und in der Schweiz produziert wird, hat das auch einen Einfluss auf die hiesige Wirtschaft: «Die schweizerische Wirtschaft verlagert in erster Linie sehr anspruchsvolle Tätigkeiten ins Inland zurück. Schlüssel für den Erfolg der hiesigen Wirtschaft ist aus meiner Sicht, dass wir unsere Alleinstellungsmerkmale für Lösungen so ausbauen, dass wir auch kundenseitig bereits während der Planung, der Realisierung und später der Nutzung von Produkten laufend mitbeteiligt sind», sagt Ehrat. Mehr Arbeitsplätze wird es aber trotz des Reshorings nicht unbedingt geben. Wegen der zunehmenden Automatisierung braucht es grundsätzlich weniger Personal in der Produktion. Wenn, dann werden vor allem Arbeitsplätze für qualifizierte Jobs geschaffen: «Wir beobachten vor allem, dass Reshoring auch mehr Arbeitsplätze im Umfeld der Prozessautomation und Digitalisierung mit sich bringt. Wir beobachten aber kaum Reshoring von weniger qualifizierten Aufgaben», so Ehrat.

Auch andere Länder betroffen

Neben der Schweiz und den anderen Ländern, welche die Produktion zurückholen, wirken sich die Entwicklungen des Off- und Reshoring auch auf die Länder aus, in welche früher ausgelagert wurde. Ehrat: «Stark betroffen sind vor allem frühere Schwellenländer, welche zwischenzeitlich selbst zu wichtigen politischen und wirtschaftlichen Akteuren aufgestiegen sind. Besonders deutlich wird das in den EU-Ländern Tschechien, Lettland und Litauen. Diese Länder haben mittlerweile in vielen Schlüsselgebieten eigene Unternehmen und Entwicklungsinitiativen hervorgebracht, welche im Wettbewerb zu den typischen Verlagerungstätigkeit von Schweizer Unternehmen stehen.» 

Reshoring und Klimakrise

Dank der Reduktion der aufwendigen Logistik der Erzeugnisse durch das Reshoring hat dieses punktuelle Auswirkungen auf die klimatischen Veränderungen. Dies hat vor allem dort Relevanz, wo Erzeugung und Verwendung am gleichen Ort passieren und darum keine Transporte mehr stattfinden müssen. Matthias Ehrat zeigt sich aber zurückhaltend bei den Auswirkungen des Reshoring auf die Klimakrise: «Ich sehe bei den Entwicklungen rund um eine CO2-neutrale oder gar -negative Energieerzeugung viel mehr Potenzial und Chancen. Die Digitalisierung, welche mit der aktuellen Entwicklung in der Schweizer Industrie einhergeht, benötigt mittlerweile bereits recht hohe Rechenleistungen in den Rechenzentren und diese Energie ist heute noch mehrheitlich ‹klimaschädlich›, auch wenn sie aus der Steckdose kommt.»

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