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KI darf handeln. Aber nicht alles entscheiden. Prozessautomatisierung mit Kontrolle.

22.10.2026
von SMA

Bernd Rücker, Mitbegründer und Cheftechnologe bei Camunda, erklärt, wie das Zusammenspiel von Agentischer KI, Prozessregeln und menschlicher Kontrolle die Automatisierung auf eine neue Stufe hebt.

Bernd Rücker, Mitbegründer und Cheftechnologe

Das Prinzip lautet, Agenten innerhalb von End-to-End-Geschäftsprozessen und klaren Grenzen autonom arbeiten zu lassen – mit maximaler Nachvollziehbarkeit und jederzeit gesicherter Kontrolle.

Herr Rücker, Sie haben zwei Jahrzehnte damit verbracht, Prozessorchestrierung für große Produktivsysteme zu entwickeln. Wie verändert Agentic AI die Automatisierung?

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Automatisierung nicht mehr auf fest definierte Abläufe beschränkt ist und somit für bestimmte Prozessarten völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Bislang automatisiert beispielsweise RPA (Robotic Process Automation), indem Software-Roboter wiederkehrende Aufgaben nach vorgegebenen Pfaden ausführen. Sie funktionieren zuverlässig, solange alles nach Plan läuft. KI-Agenten dagegen können auch auf veränderte Bedingungen reagieren, einzelne Prozessschritte koordinieren und innerhalb definierter Grenzen eigenständig handeln. Automatisierung wird damit erstmals auch für Geschäftsprozesse interessant, die nicht zu 100 Prozent im Standard abgedeckt sind und bislang manuelles Eingreifen erforderten, vom Kund:innen-Onboarding über die Kreditvergabe bis zur Schadensabwicklung.

Gerade das sind besonders stark regulierte Branchen. Wie lassen sich dabei Nachvollziehbarkeit, Vertrauen und Compliance gewährleisten?

Genau darum geht es bei dem, was wir Agentic Orchestration nennen: KI-Agenten bekommen klar definierte Aktionen und Berechtigungen. Sie erhalten nur auf die Tools Zugriff, die ihnen zugewiesen werden. Wenn ein Agent ein E-Mail-Tool nutzen darf, kann er selbstständig E-Mails schreiben, man kann aber auch eine menschliche Freigabeschleife definieren. Oder er bekommt Zugriff auf ein SAP-System und kann dort aktiv Aufgaben erledigen. Die Agenten bewegen sich innerhalb festgelegter Leitplanken. Diese werden nicht als freundliche Bitte im Prompt, sondern durch technisch durchgesetzte Freigabeschritte abgesichert, die bestimmte Aktionen nur mit menschlicher Zustimmung zulassen. Das Prinzip lautet, Agenten innerhalb von End-to-End-Geschäftsprozessen und klaren Grenzen autonom arbeiten zu lassen – mit maximaler Nachvollziehbarkeit und jederzeit gesicherter Kontrolle. Das ist Dynamik in einem festgelegten Rahmen.

Heute sehen wir in Unternehmen noch zu viele Insellösungen, beispielsweise wenn die KI Mitarbeitende beim Formulieren von Briefen an Kund:innen oder innerhalb ihres Arbeitsbereichs unterstützt. Das mag zwar die persönliche Produktivität steigern, verändert aber keine End-to-End-Prozesse. Hinzu kommt ein Compliance-Risiko, wenn Mitarbeitende eigenständig ungeprüfte KI-Tools nutzen. Der eigentliche Hebel liegt in der Integration von Agenten in die operativen Kernprozesse. Zudem schaffen Orchestrierungsdaten Transparenz. Sie machen jeden Schritt nachvollziehbar, jede Prozessausführung und jede Agentenentscheidung. Und sie können zeigen, wo Prozesse optimiert oder möglicherweise auch ohne Agenten gelöst werden könnten.

Der eigentliche Hebel liegt in der Integration von Agenten in die operativen Kernprozesse.

Könnte man dank Orchestrierung auch zwischen KI und anderen Arten von Automatisierung wechseln?

Ja, sogar recht gut. Diese Flexibilität ist ein Wahnsinnshebel. Man lernt vielleicht anhand der Orchestrierungsdaten, dass ein Sachverhalt gar keine Dynamik braucht. Dann kann man die KI einmalig nutzen, um daraus einen festen Ablauf zu bauen, der danach ohne Agent läuft. Das spart Token-Kosten. Nicht wenige Betriebe sehen ihre KI-Kosten rasant steigen, weil der Token-Verbrauch so rasch zunimmt.

Welche messbaren Ergebnisse konnten Sie bei Ihren Kund:innen erzielen?

Im digitalen Kreditgeschäft sank die Entscheidungszeit allein durch die durchgängige Orchestrierung des Vergabeprozesses von vier Tagen auf 17 Minuten. Für komplexe Fälle, etwa bei unregelmäßigem Einkommen, kam anschließend ein KI-Agent hinzu. Er bereitet eine Empfehlung für die Sachbearbeitung vor – die Abbruchrate bei diesen Anträgen sank um 20 bis 30 Prozent. Der Prozess selbst folgt klar vorgegebenen Orchestrierungs- und Compliance-Regeln, der KI-Agent bekommt nur genau die Werkzeuge und Berechtigungen, die er für seine Entscheidungsempfehlung benötigt. Bei anderen Kund:innen unterstützen KI-Agenten beim Sortieren von Posteingängen, die bisher aufwendig von Hand bearbeitet wurden. Auch Schreiben mit mehreren Anliegen werden erkannt und richtig zugeordnet. Im Kundenservice eines Telekommunikationsanbieters prüft nun ein Agent über zugewiesene Tools den Leitungsstatus bei Internetausfällen und kann bestimmte Aktionen ausführen, die bisher Technikern vorbehalten waren. So lassen sich Probleme der Kundschaft auch am Wochenende lösen.

Wie müssen Unternehmen ihre Prozesse aufstellen? Ob die vorhandenen Prozesse überhaupt sinnvoll sind, könnte eine Frage sein, die man sich vorab stellen muss …

… das ist einer der Knackpunkte, der uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird. In unserer Studie »Die KI-Prozesslücke«* haben fast 80 Prozent der befragten Unternehmen bestätigt, dass ihre Prozesse vor dem Einsatz von KI-Agenten grundlegend neu gestaltet werden müssten. Unternehmen nutzen heute Arbeitsabläufe, die ursprünglich für eine Welt ohne KI entwickelt wurden. Wenn man nun aber KI auf veralteten Denkweisen und Strukturen aufsetzt, bleibt ein großer Teil des Potenzials ungenutzt – und es entstehen womöglich sogar zusätzliche Arbeit und Kosten. Ohne ein Re-Engineering der bestehenden Prozesse steigen diese Aufwände weiter. Unternehmen müssen nicht nur ihre Technologie verändern, sondern ihre Arbeitsprozesse neu aufsetzen – und zwar so, dass sie die Fähigkeiten von KI sinnvoll nutzen.

Wenn die Systemlandschaft zu fragmentiert ist, lassen sich durchgängige End-to-End-Prozesse allerdings kaum umsetzen. Unternehmen müssen ihre Prozesse und Systeme so aufstellen, dass sie flexibel bleiben und zukünftige Veränderungen überhaupt bewältigen können. Wir empfehlen diesen Schritt schon seit Langem. Bisher wurde er allerdings oft vertagt, weil er zwar für die Zukunft wichtig ist, aber kein unmittelbar dringendes Problem löst und zunächst Investitionen erfordert. Durch KI bekommt das Thema jetzt eine ganz neue Dringlichkeit. Sofort alles auf eine Karte zu setzen und alles umzubauen, ist dabei nicht immer zielführend.

Trotzdem muss man natürlich irgendwo konkret anfangen. Was sind die ersten Schritte?

Als Erstes empfehle ich gezielte Experimente. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Pilotprojekten gemacht, bei denen Unternehmen reale Probleme lösen, den Umgang mit KI-Agenten und der Technologie konkret erproben und idealerweise direkt Wert stiften und sehr viel lernen.

Natürlich ist es unbequem, eingefahrene Prozesse aufzubrechen, aber es ist notwendig. Der Druck, KI zu integrieren, ist real. Man muss sich auf den Weg machen. Entscheidend ist, jetzt ins Tun zu kommen – andere Marktteilnehmende haben längst angefangen.

*Camunda »Die KI-Prozesslücke« September 2026: Befragung durch Sapio Research, Juli/August 2026 unter 1.000 Prozessentscheidern, die in Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten an Automatisierung, KI-Strategie und deren Einführung beteiligt sind sowie 5.000 Mitarbeitenden in den USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich.

Weitere Informationen unter: camunda.com

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