Wir leben in einer Zeit, die mit den letzten 10 000 Jahren nicht vergleichbar ist. Die Geologie bezeichnet sie als Anthropozän, abgeleitet vom altgriechischen «anthropos» für Mensch. Der Begriff steht für eine Epoche, in der die Spezies Mensch die natürlichen Systeme der Erde – unsere Umwelt – so tiefgreifend verändert, dass sich die Lebensgrundlagen rasant wandeln.
Die naturwissenschaftliche Forschung hat deshalb das Konzept der »Planetaren Grenzen« formuliert. In neun Dimensionen wird gemessen, wie stark die Nutzung oder Übernutzung vorangeschritten ist: Klima, biologische Vielfalt, Landnutzung, Süßwasser, Ozeanversauerung, Stickstoff- und Phosphorkreislauf, Aerosole, Ozonschicht und die Verschmutzung durch neue Stoffe.
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind bei sieben dieser neun Dimensionen die Risikozonen erreicht. Die Nutzungswerte sind so hoch, dass grundlegende Rahmenbedingungen sicherer menschlicher Existenz zusammenzubrechen drohen. Weltweit. Sehr bald.
Das ist eine neue Realität. Noch vor wenigen Jahren stand sie weit oben auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda. Heute jedoch gerät die Bewegung für Nachhaltigkeit zunehmend unter Druck. Nach Pandemie, Kriegen und dem Aufschwung autoritärer Führungsfiguren werden wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend als Ideologie bekämpft.
Rechtspopulistische Kräfte versprechen eine Rückkehr zu einer vermeintlichen Normalität, die es so nicht mehr gibt. Daneben stehen Technologiefans, die glauben, die KI-Revolution werde künftig alles im Überfluss verfügbar machen – solange Umwelt- und Sozialstandards oder demokratische Bedenken deren Fortschritt nicht bremsen.
Beides, der ohnmächtig-aggressive Normalismus und der frenetisch-aggressive Technozismus, kann sich halten, weil aus beiden Lagern ein Wertewandel vorangetrieben wird, der den Blick auf das Wesentliche verstellt. Drei Mechanismen stehen dabei im Zentrum:
1. Blinde Leitindikatoren – was sind die Zahlen, mit denen wir Werte messen?
BIP, Wettbewerbsfähigkeit oder Produktivität messen wirtschaftliche Leistung, zeigen aber nicht, welche gesellschaftlichen Veränderungen dahinterstehen. Wirtschaftswachstum kann Umweltzerstörung sogar positiv abbilden, sobald jemand für deren Beseitigung bezahlt. Soziale Verteilung, unbezahlte Arbeit oder menschliches Wohlbefinden bleiben weitgehend unsichtbar.
Dabei sollten Ziele wie sozialer Zusammenhalt, langfristige Versorgungssicherheit und ein demokratischer Gesellschaftsvertrag stärker ins Zentrum rücken. Gerade diese Errungenschaften gehören zu den Stärken Europas.
2. Kurzfristige Orientierung – in welchen Zeiträumen bewerten wir Wirkung?
Shorttermism in Politik, Medien und Wirtschaft verhindert vorausschauendes Handeln. Wahlperioden, Umfragewerte, Quartalsberichte und kurzfristige Reaktionen der Finanzmärkte setzen Anreize, deren Wirkung sofort sichtbar sein muss.
Eine Nachhaltigkeitstransformation braucht dagegen geduldiges Kapital und gemeinsames Durchhaltevermögen. Strukturelle Veränderungen in Unternehmen, Kommunen und Organisationen brauchen Zeit. Wer ihre Notwendigkeit bei jedem Gegenwind infrage stellt, bestraft die Pioniere des Wandels und stärkt jene, die ohnehin nicht veränderungsbereit sind.
3. Politisierung von Wissenschaft – mit welchen Erzählungen begründen wir Handlungen?
Mit dem Aufschwung autoritärer und rechtspopulistischer Kräfte werden Fakten zunehmend zu Meinungen degradiert. Klimawissenschaft oder Erkenntnisse über gesellschaftliche Ungleichheit werden als «Ideologie» diffamiert, die Grenze zwischen wissenschaftlicher Analyse und persönlicher Meinung eingerissen.
Damit verlieren wir einen gemeinsamen Wirklichkeitsraum: eine Übereinkunft darüber, in welcher Realität wir leben und was für die Zukunft realistisch, wünschenswert oder wahrscheinlich ist. Diese Übereinkunft ist eine zentrale Errungenschaft aufgeklärter Gesellschaften und Grundlage jeder Demokratie.
Deshalb geraten Wissenschaft, Medien und Gerichte als unabhängige Instanzen bei autoritären Machtakteuren häufig als Erstes unter Druck.
Wie wir Zukunft denken, hängt wesentlich davon ab, welche Zahlen, welches Wissen und welche Erzählungen wir verwenden. Halten wir an blinden oder blind geschalteten Indikatoren fest, schwindet nicht nur das Vertrauen in gemeinsame Krisenbewältigung, sondern auch in die Bereitschaft «der Anderen», daran mitzuwirken.
Veränderung wird dann daran gemessen, was wir aus der alten Realität «aufgeben» müssen – nicht daran, welche neue Realität wir gestalten können.
Deshalb ist Sprache immer Teil von Wirklichkeit. Sie strukturiert Handlungen und Motivation. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit, dazu beizutragen, Zukunft anders zu denken.
Die entscheidende Frage lautet: Was ist wertvoll – und wie machen wir das sichtbar?
Text Maja Göpel, Expertin für Nachhaltigkeitspolitik und Transformationsforschung

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