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Editorial Finanzen

Digital oder analog – Wie tätigen Sie ihre Bankgeschäfte?

30.06.2022
von SMA

Wie die Vinyl-Platten hat auch die klassische Bankfiliale über die letzten Jahre Höhen und Tiefen durchgemacht und einen starken Wandel erlebt. Die Geschmäcker und Bedürfnisse von Musikfans wie auch Bankkund:innen sind sehr unterschiedlich und haben sich immer wieder verändert. Insbesondere während der Covid-Pandemie hat der Trend hin zum Digitalen nochmals an Fahrt aufgenommen.

Jörg Gasser
CEO Schweizerische Bankiervereinigung

Ob «live» oder aus der Konserve, Musikfans haben heute die Qual der Wahl. Analoge und digitale Musikgeräte stehen im Wettbewerb um die Gunst unserer Ohren. Streaming-Dienste und Online-Playlists konkurrenzieren mit CDs, Kassetten, Vinyl oder Tonbändern. 

Eine breite Auswahl empfinden viele von uns als bereichernd. Andere scheuen sie und bleiben ihren bekannten Angeboten treu. Die Digitalisierung hat auch bei den Finanzdienstleistungen zu einer enormen Vielfalt an Angeboten geführt. Persönliche Beratung findet heute in der Bankfiliale, bei der Kundin oder beim Kunden zu Hause oder im Büro, per Telefon oder Webkonferenz statt. Bargeld kann ich in der Bankfiliale, am Bancomaten, an der Kasse beim Detailhändler oder am Kiosk beziehen. Überweisungen tätige ich via E-Banking oder Banking-App. 

Die Covid-Pandemie hat die Nachfrage nach digitalen Finanzdienstleistungen beschleunigt. Digitale Finanzdienstleistungen machen es oft einfacher und effizienter, aber sie bleiben unpersönlich. Denn so wie für manche nichts über Livemusik geht, schätzen Bankkundinnen und -kunden die persönliche Begegnung mit ihren Bankberaterinnen und -beratern. Zu den klassischen, analogen Werten im Banking gehören Vertrauen, Sicherheit und Stabilität.

Die Digitalisierung hat auch bei den Finanzdienstleistungen zu einer enormen Vielfalt an Angeboten geführt.

Diese digital zu vermitteln, ist viel anspruchsvoller. Kann ich bei meiner Banking-App mangels Filialen, persönlicher Beraterin oder persönlichem Berater niemanden direkt ansprechen, sollte ich einmal ein Problem haben, so schwächt dies mein Vertrauen und Sicherheitsgefühl. Auch schätze ich die persönliche Expertise, wenn das Sparkonto wegen Negativzinsen keine Erträge mehr abwirft und mir meine Beraterin oder mein Berater die Chancen und Risiken des Anlegens in einem persönlichen Gespräch aufzeigt. 

Und so überrascht es nicht, dass jüngst publizierte Umfragen von Deloitte oder der Hochschule Luzern bestätigen, dass digitale Finanzdienstleistungen die analogen nicht ablösen werden. Auch heute findet die Hälfte der Bankkundinnen und -kunden es wichtig, eine Filiale ihrer Bank in der Nähe zu haben. Es sind heute einfach andere Gründe, die sie in eine Bankfiliale führen.

Mein Fazit: Die «eine» beste Lösung gibt es nicht. Und nur «eine» Lösung will auch niemand haben. Wir schätzen es, von verschiedenen Anbietern umworben zu werden und vergleichen zu können. Traditionen und solide Werte behalten auch in Zeiten des Wandels ihre Relevanz. Digitales und analoges Banking wird sich beides weiterentwickeln, um den Kundinnen und Kunden ihr Wunschprogramm zu bieten.

Text Jörg Gasser

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