Interview von Marlène von Arx

Fiona Hill: «Ich würde gerne mehr Koalitionen zwischen Generationen sehen»

Als Staatssicherheitsexpertin hat Fiona Hill, 56, drei US-Präsidenten in russisch-europäischen Beziehungsangelegenheiten beraten. Inzwischen ist sie Senior Fellow am Brookings Institut, einem Thinktank in Washington, und hat in ihrem Buch «There is Nothing for You Here» ihren ungewöhnlichen Werdegang von der Tochter eines Bergarbeiters im Norden Englands bis in den Nationalen Sicherheitsrat der USA beschrieben. Im Gespräch mit «Fokus» ordnet sie die brennendsten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit ein.

Als Staatssicherheitsexpertin hat Fiona Hill, 56, drei US-Präsidenten in russisch-europäischen Beziehungsangelegenheiten beraten. Inzwischen ist sie Senior Fellow am Brookings Institut, einem Thinktank in Washington, und hat in ihrem Buch «There is Nothing for You Here» ihren ungewöhnlichen Werdegang von der Tochter eines Bergarbeiters im Norden Englands bis in den Nationalen Sicherheitsrat der USA beschrieben. Im Gespräch mit «Fokus» ordnet sie die brennendsten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit ein.

Fiona Hill by Andrew Harnik, AP Photo

Bild: Andrew Harnik, AP Photo

Fiona Hill, der Titel Ihres Buches «There is Nothing for You Here» (übersetzt: «Hier gibt es nichts für dich») bezieht sich auf den Rat Ihres Vaters, den wirtschaftlich gebeutelten Norden Englands zu verlassen und Ihr Glück woanders zu suchen – was Sie auch sehr erfolgreich taten. Aber selbst Sie mussten am Schluss Ihrer Tätigkeit im Nationalen Sicherheitsrat feststellen, dass Sie schlechter bezahlt wurden als ein Mann. Wie fanden Sie das heraus?

Mein Nachfolger im Nationalen Sicherheitsrat hatte einen höheren Lohn als meinen verhandelt. Bei mir hiess es, ich könne keinen höheren Lohn verhandeln. Das Gehalt sei vom Staat festgesetzt. Sie erhöhten dann meinen Lohn für meine letzten drei Wochen im Amt, damit sie diesem Mann nachher den höheren Lohn zahlen konnten. Das ist schon sehr absurd.

Wir diskutieren Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen schon lange. Wird sich daran nie etwas ändern?

Es ist tatsächlich ein hartnäckiges Problem. Es fehlt an Transparenz. Unter Obama wurde zwar der Lilly Ledbetter Fair Pay Act verabschiedet. Lilly Ledbetter war die einzige Frau im Management einer Pneu-Fabrik in Alabama. Kurz vor der Pension merkte sie, dass sie ca. 20 000 Dollar weniger im Jahr verdiente als die Männer in der gleichen Position. Das ist in vielen Berufen so. Der kumulative Effekt dieser Lohnungleichheit – nicht nur für Frauen, sondern für alle Bevölkerungssegmente ohne Verhandlungsstärke – wird dann auf die Kinder übertragen und zementiert die Diskrepanz weiter.

In der Schweiz wird über die Heraufsetzung des Rentenalters für Frauen abgestimmt, aber über 50 einen Job zu finden, ist sowohl für Frauen wie Männer sehr schwierig. Was sehen Sie im Zusammenhang mit Altersvorsorge und Arbeiten im Alter auf uns zukommen?

Ich bin froh, dass Sie diese Frage aufwerfen. Wenn wir heute nämlich von Gleichberechtigung und Fairness reden, meinen wir hauptsächlich körperlich fähige, jüngere Menschen. Dabei gibt es nicht nur eine Geschlechter-, Rassen- und Minoritätendiskriminierung, sondern auch eine Altersdiskrimierung. Alter wird oft als eine Beeinträchtigung angesehen. Ich habe beispielsweise Freunde, die hör- und seh-beeinträchtigt sind und während Covid ihre Jobs verloren, weil die Massnahmen ihre Beeinträchtigung nicht berücksichtigten. 

Im Alter gibt es auch einen kumulativen Effekt, der dann in die Altersarmut führt…

Genau: Wer nicht sparen konnte, kann nicht in Pension gehen. Das trifft in den USA viele Frauen. Meine Mutter in England ist in der gleichen Situation: Sie ist weit über achtzig und arbeitet natürlich nicht mehr, aber sie konnte in ihrem Leben nicht genügend Vermögen ansammeln, dass sie sich langzeitig ein Pflegeheim leisten könnte.

Wir müssen die Wirtschaft ermuntern, zusammen erweiterte Möglichkeiten der Integration zu finden. Fiona Hill

Immer mehr Leute müssen länger arbeiten, aber die Wirtschaft will sie nicht mehr. Braucht es da neue Ansätze?

Ja. Wenn wir mit dem Pensionsalter herumspielen, überschauen wir leider oft die Erfahrung und das Können, das ältere Arbeitnehmer:innen einbringen. Auch in meinem Berufsfeld herrscht ein Vorurteil gegenüber älteren Arbeitssuchenden. Für Leute Mitte 50, also in meinem Alter, ist es sehr schwer, die Karrieren neu auszurichten. Wer in diesem Alter etwas Neues lernen möchte, hat kaum Zugang dazu. Was ich gerne sehen würde, sind mehr Koalitionen von verschiedenen Generationen am Arbeitsplatz, aber auch in der Gesellschaft. Das gehört ins Diversitätsmodel. Wir müssen die Wirtschaft ermuntern, zusammen erweiterte Möglichkeiten der Integration zu finden.

Von sozialen zu politischen Herausforderungen: Ihr Spezialgebiet im Sicherheitsrat war die Beziehung zwischen Europa und Russland. Wie sehen Sie als Expertin die Situation im Russland-Ukraine-Krieg aktuell?

Wir müssen die Situation sehr langfristig ansehen. Wenn man mal sechs Monate in einem Krieg ist, endet er erst, wenn beide Seiten erschöpft sind, oder sich auf dem Schlachtfeld etwas Entscheidendes ereignet, aber das halte ich hier für wenig wahrscheinlich.

Für Putin findet in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA statt. Fiona Hill

Was würde die Erschöpfung von Russland beschleunigen?

Das ist im Moment schwer zu sagen. Die Kosten der Sanktionen und auf dem Schlachtfeld rechnet Putin sicher mit ein. Aber wenn Länder wie China, Indonesien, Indien und Länder in Afrika und Südamerika genug haben, die Beziehungen im internationalen Umfeld von Russland also ins Wanken geraten und der Westen weiter die Schrauben anzieht, bewegt sich vielleicht etwas. Aber auch dann werden Verhandlungen nicht einfach und wir müssen schauen, dass nicht neue Konflikte ausbrechen – beispielsweise in den baltischen Staaten.

Sie haben unter George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump gearbeitet. Haben Ihre Vorgesetzten alle Putin unterschätzt?

Das kann man sagen. Schon vor der Ukraine-Invasion wollte Putin die Vereinigten Staaten aus Europa raushaben. Aus Putins Sicht hat sich Russland am Ende des Kalten Krieges aus Europa zurückgezogen und die USA ist als imperialistische Macht geblieben. In den USA und Europa sehen wir das natürlich nicht so, denn dass die USA blieb, basiert auf einem gemeinsamen Abkommen. Im Dezember 2021 forderte die russische Regierung den Rückzug der NATO aus allen neuen Mitgliedstaaten seit 1997 und den Rückzug der US-Militär-Stützpunkte aus Europa. Diese Forderungen sind immer noch auf dem Tisch. Für Putin findet in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA statt, so wie sie in Südamerika und Afrika im Kalten Krieg geführt wurden. Dazu nutzt er auch die Schwächen der USA aus.

Was meinen Sie damit?

Ein Beispiel: Die Russen haben Rassismus in den USA nicht erfunden, aber sie machen ihn sich zunutze. Sie streuen Desinformation und mischen sich in unsere Wahlen ein: 2016 haben sie mitgeholfen, die Stimmen der schwarzen Bevölkerung zu unterdrücken. Die Agentin Marija Butina wurde instruiert, die National Rifle Association (NRA) zu infiltrieren. Heute sitzt sie in der Duma. Microsoft hat übrigens sehr interessante Daten gesammelt, was Russland zu Hause und was im Ausland kommuniziert.

Was sind die Unterschiede?

Zu Hause ermuntern sie ihre Bevölkerung beispielsweise, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Im Ausland sind sie mit der gegenteiligen Message unterwegs. Sie nutzen lokal kontroverse Themen und bauschen sie auf. Die spanische Regierung hat untersucht, wie die Russen spanischsprachige Medien zugunsten der katalanischen Separatisten ausgenutzt haben – weniger, um das Referendum zu beeinflussen, als hauptsächlich Chaos zu kreieren.

Was kann man dagegen tun?

Es ist schwierig, Fehlinformationen entgegenzuhalten. Wir haben ja auch Praktiken der von Super-PACs finanzierten Wahlkampagnen, die politische Gegner:innen mit Desinformation anschwärzen. Das sind ähnliche Taktiken, wie sie Russen, Iraner und Chinesen anwenden. Eines unserer grössten Probleme ist der Mangel an Vertrauen in die Regierung und dass uns skandalöse Schlagzeilen mehr antreiben als langweilige Analysen. Meine Aufgabe im Thinktank ist es daher, Wege zu finden, objektive Fakten interessant genug zu kommunizieren, damit sie die Aufmerksamkeit der Bevölkerung bekommen.

Im Krieg in der Ukraine geht es letztendlich auch um Ressourcen wie Öl, Gas und Getreide. Wie sehen Sie da die Entwicklung langfristig?

Wir müssen künftig sicher neue Wege bei der Ernährungssicherheit einschlagen. Wenn wir den Klimawandel in Betracht ziehen und uns die Temperatur-Entwicklung in den Landwirtschaftszonen von Europa, den USA und anderswo anschauen, wird das Getreide langfristig von den milderen, nördlichen Gebieten in Kanada und Russland kommen. Das gibt Russland international einen Vorteil, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Wichtig sind der Zusammenhalt in Europa, trotz Wahlsiegen von Nationalist:innen, und die US-Wahlen im Herbst.  Fiona Hill

Ist es zu spät für sinnvolle Verhandlungen mit Russland?

Eigentlich dauert der Krieg ja schon acht Jahre. Die Annektierung der Krim und die bewaffnete Auseinandersetzung im Donbass forderte schon 14 000 Todesopfer, bevor die Russen in der Ukraine einmarschierten. Es dauerte lange, bis wir aufgewacht sind. Früher im Konflikt wären die Chancen für Verhandlungen besser gestanden. Aber das heisst nicht, dass sie jetzt unmöglich sind. 

Wo müsste man ansetzen?

Wichtig sind der Zusammenhalt in Europa, trotz Wahlsiegen von Nationalist:innen, und die US-Wahlen im Herbst. Ein anderes Problem, das ich sehe: Wenn alles nur aus der Sicht des Westens und der NATO betrachtet wird, ist es sehr schwierig, eine Lösung zu finden. Die meisten Länder wollen keinen neuen Kalten Krieg. Ein Kalter Krieg wäre nicht mit Russland hinter einem eisernern Vorhang, sondern eine komplizierte Trennlinie zwischen den USA und dem Westen auf der einen Seite, und Russland und China auf der anderen mit vielen Ländern, die dazwischen schweben. Wir müssen uns fragen, was diese Länder interessiert. Ernährungssicherheit ist sicher ein Thema. Da muss man ansetzen und kreative Lösungen erarbeiten. 

Interview Marlène von Arx  
Bild Andrew Harnik, AP Photo

 

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30.08.2022
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